Veröffentlicht am So., 6. Mai. 2018 15:00 Uhr

Abschiedspredigt von Pfarrer Felix Reuter zu Kolosser 4,2-4

--- Es gilt das gesprochene Wort ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. (Offb 1,4)
Amen.

Jubilate! – Kantate! – Rogate!

Jubelt! – Singt! – Betet!
Es ist ein besonderer Dreiklang, der uns als Kirchengemeinde jedes Jahr im Osterfestkreis begleitet. Jubeln, Singen und Beten. Das hat uns in den vergangenen drei Wochen in wunderbarer Weise getragen:

Am Jubilate-Sonntag haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden einen Jugendgottesdienst für die ganze Gemeinde gefeiert. „Du hast die Wahl!“ war das Thema. Und wir hatten viel Grund zum Jubeln!
Die jungen Menschen, ihr, liebe Jugendliche, macht so viel Mut auf die Zukunft, die Gott für uns bereithält!

Der Kantatesonntag ist in dieser Christuskirchengemeinde immer wieder ein kirchenmusikalischer Höhepunkt. Vor einer Woche wurde die Gospelmesse „Mass of Joy“ aufgeführt. In der von der Abendsonne gefluteten Kirche war für alle die ungetrübte Freude spürbar, die der Gesang ausstrahlt! Und einige Strophen der Gospelmesse hallen heute noch nach...

Und diesen Sonntag ist Rogate. Das Gebet steht im Mittelpunkt. Das Gebet, als ein wesentlichster Ausdruck religiösen Lebens. „Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist Beten!“ So Martin Luther. Und heute sind sie alle gekommen, um des Christen Handwerk zu tun: Beten.

Und die Kirche ist voller Menschen. So viele sind zum Gebet zusammengekommen.
So eine lebendige Kirchengemeinde!

Wer, um Himmels Willen, hatte eigentlich die Idee, sich aus dieser Kirchengemeinde wegzubewerben…?!? Ich etwa?

11 Jahre war ich nun hier in Landshut. Durfte mit Ihnen und Euch Kirchengemeinde leben und gestalten.
Und immer wieder hat uns die Sehnsucht nach heilvollem Leben zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen lassen.
Wir haben gejubelt, gesungen und gebetet.
Wir haben geweint, geklagt und gebetet.
Und immer wieder auf Gottes Wort gehört. So auch heute.

Der Predigttext für den Sonntag Rogate steht im Brief des Paulus an die Kolosser im 4. Kapitel:
Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll. (Kol 4,2-4)

Fünf Predigtgedanken zu einzelnen Versen:

1. Dass sich eine Tür auftue! – Gebet als Resonanzraum

Diese Worte des Bibeltextes haben sich mir sofort als Bild eingeprägt. Eine offene Tür. Ist das nicht das Entscheidende?

Das wollen wir doch gleich mal ausprobieren!
Ich bitte die Mitarbeitenden der Evangelischen Jugend die Türen der Christuskirche jetzt für einen Moment aufzumachen.
Damit etwas klingt und der Ton sich entfaltet, braucht es eine Öffnung. Die Pfeifen der Orgel sind oben offen. Wenn man die Hand darauf hielte, würde sich der Ton verlieren.
In der Reformpädagogik nach Maria Montessori wird von „Offenen Fenstern“ gesprochen. Das sind Zeiträume, in denen Kinder fast wie von selbst lernen, weil die Dinge und Zusammenhänge zum Klingen gebracht, greifbar und begreifbar werden.
In der systemischen Beratung, die ich im Rahmen einer Seelsorge-Weiterbildung kennenlernen durfte, heißt ein Grundsatz: Öffne die Tür für einen Spalt, damit Luft hineinkommt. Durch die offene Tür kommt etwas in Bewegung. Dann besteht die Chance auf Veränderung und Entwicklung!

Wir sind auf solche offenen Türen und die dadurch entstehenden Resonanzräume angewiesen – auch und gerade im Glauben. Türen, die aufgehen, damit Menschen einen einfachen Zugang zum Glauben gewinnen. Türen, die Gott auftut, damit sein Wort in uns Anklang findet. Türen, die frische Luft hereinlassen, damit wir leben und wachsen.
Eine der einfachsten Möglichkeiten für einen solchen Resonanzraum ist das gesungene Gebet. Für viele von uns ist der Gesang der erste, entscheidende Zugang zum Glauben. Denn die Musik bringt in uns etwas zum Klingen. Verbunden mit einem Gebet wird uns die Tür aufgetan für Gottes befreiendes, versöhnendes und heilsames Wort.

Danksagung, die erste: Danke für die wunderbare Musik hier in der Christuskirche, das miteinander Singen und Musizieren in den vergangenen 11 Jahren! So wurde das Gebet zum Resonanzraum.

2. Seid beharrlich im Gebet und wacht! – Gebet als Übung

Unzählige KV-Sitzungen und Ausschüsse, Dekanatsjugendkam­mersitzungen, Dienstbesprechungen, Pfarrkonferenzen. Unzählige Beratungen und Diskussionen, Protokolle und Unterlagen, Meinungsbildungen und Beschlüsse. All das prägt unsere basisdemokratische, gremienbasierte evangelische Kirche.

Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Befindlichkeiten bleiben dabei nicht aus. Und doch trägt uns ein besonderer Geist. Und dieser kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass wir all diese Zusammenkünfte in unserer Kirche mit einer Andacht, einem gesprochenen oder gesungenen Gebet beginnen und zum großen Teil auch beenden.
Es ist eine wiederkehrende Übung.
Nicht immer ganz leicht.
Nicht immer erschließt sich Sinn und Zweck sofort.
Manches Mal stand das Gebet auch vermeintlich im Widerspruch zur vorangegangenen Auseinandersetzung. Und doch war und ist das Gebet als Übung eben diese Besinnung auf das Wesentliche. Und das war und ist immer wieder so entscheidend für das gemeinsame Weiterkommen.

Das Gebet ist also eine Übung. Manches Mal muss man sich dazu aufraffen.
Es ist wie ein langer Spaziergang oder Aufräumen. Es fällt nicht immer leicht.
Wenn man es aber dann tut, dann entfaltet es seine positive Wirkung.

So vieles haben wir hier in unserer Kirchengemeinde miteinander in all den vielen Sitzungen auf unterschiedlichsten Ebenen vorangebracht.
Es hat uns oft viel Kraft und Energie gekostet. Aber wir haben es vor allem durch das Gebet immer wieder bewusst im Geist Gottes getan.

An dieser Stelle möchte ich vor allem all unsere Überlegungen und Planungen im Zusammenhang der anstehenden Innenrenovierung nennen. Wahrlich keine leichte Aufgabe.
Im Kirchenvorstand, im Bauausschuss, im Arbeitskreis Innenrenovierung, im neu gegründeten Förderverein – überall haben wir uns mit hohem Engagement und Einfallsreichtum, Ernsthaftigkeit und Freude der Gestaltung dieser Aufgabe gewidmet. Es mussten und müssen wohl auch noch einige Durststrecken überwunden werden. Das Gebet als Übung möge weiterhin seine Wirkung entfalten!

Ich erinnere mich mit großer Ehrfurcht an den Kanon, den wir hier hinten in der Apsis miteinander gesungen haben, nachdem wir den Grundsatzbeschluss für die Innenrenovierung getroffen hatten.

Danksagung, die zweite: Danke für 11 Jahre Nachdenken und Ringen um gute Lösungen. Danke für das große ehren- und hauptamtliche Engagement in den Gremien unserer Kirche. Und all das begleitet durch das Gebet als guter Übung.

3. Betet für uns! – Gebet in Gemeinschaft

Abendandacht in der Kirchen-WG. In der dunklen Kirche sind Seile gespannt. Alle WG-Bewohner schließen ihre Augen und lassen sich von dem Seil durch die Kirche, über das Treppenhaus, bis in den Dachstuhl leiten. Dort setzen sich alle auf den Dachboden. Stille. Ein Beamer strahlt einen Sternenhimmel ans Kirchendach. Aus den verschiedenen Ecken des Dachgewölbes ertönen Stimmen. Wir hören Texte zum Thema Freiheit. Aus der Bibel, von Dietrich Bonhoeffer, selbst geschrieben. Die Abendandacht wird beschlossen durch ein Gebet und den Abendsegen.

Ein paar Jugendliche haben diese Andacht konzipiert und in Eigenverantwortung durchgeführt. Ich empfinde es als großes Privileg, bei dieser und den vielen anderen Andacht dabei gewesen sein zu dürfen – ob auf Konfirmandenfreizeit oder zusammen mit unserem Landesbischof, ob zur Kirchen-WG oder zu Jugendgottesdiensten.

Ihr Jugendlichen ward es, die ihr immer wieder nicht nur durch das Gebet, aber darin eben auch eine Gemeinschaft begründet habt. Durch euch ist mir immer wieder im Besonderen klar geworden, was es heißt eine kirchliche Gemeinschaft nach dem Priestertum aller Gläubigen zu leben.
Es braucht den Freiraum, sich ausprobieren zu dürfen.
Es braucht den Freiraum, Fehler machen zu dürfen.
Es braucht den Raum des Sich-Angenommen-Fühlens.
Und dann kann durch das Gebet eine solche Gemeinschaft entstehen.

Danksagung, die dritte: Danke für 11 Jahre lebendige und sich beständig wandelnde Evangelische Jugendarbeit. Wenn ich euch erlebe, dann ist mir nicht bang um die Zukunft der Kirche und die Zukunft der Welt. Erhaltet euch und uns das Gebet als Grund für Gemeinschaft.

4. Dessentwillen ich in Fesseln bin! – Gebet als Arbeit

„Heute habe ich viel zu tun, deswegen muss ich viel beten.“ Diesen Spruch habe ich von einem lieben Menschen einmal geschenkt bekommen und seitdem hing er an der Tür zu meinem Amtszimmer. Rückblickend muss ich wohl selbstkritisch sagen: Ich habe wohl eher zu viel gearbeitet und zu wenig gebetet...

Ora et labora. Beten und arbeiten – so besagt es ein Motto der benediktinischen Tradition. Kontemplation und Aktion gehören zusammen wie zwei Schwestern. So lehrt es uns auch die Geschichte von Jesus mit Maria und Martha. Unsere Arbeit erleben wir heutzutage oft als notwendiges Übel, als ein Gefangensein in mehr oder minder kapitalistischen Strukturen.

Oft arbeiten wir, um dann frei zu haben, um dann in der Freizeit endlich leben zu können. Das hat oft mit sinnentleerter Arbeit zu tun. Aber soll nicht in unserem Tun und Arbeiten ein entscheidender Sinn unseres Lebens liegen? Das Gebet kann hier eine entscheidende Hilfestellung geben.

Arbeit ohne Gebet, ohne Reflexion, ohne Frage nach der Sinnhaftigkeit, kann zu einem solchen Gefängnis werden. Aber ebenso wird das Gebet ohne Arbeit weltabgewandt und in seiner Selbstbezogenheit fragwürdig. Arbeit, unser Tun und Handeln, kann zu einem tätigen Gebet werden.

An dieser Stelle ist mir ein Arbeitsfeld unserer Kirchengemeinde ganz besonders wichtig: Das Kirchenasyl.
Im April 2015, zu Beginn der Flüchtlingskrise, hat der Kirchenvorstand beschlossen, einem syrischen Flüchtling ein solches Kirchenasyl zu gewähren. Es sollten noch weitere 6 Flüchtlinge folgen, die jeweils über mehrere Monate Unterschlupf in unserer Gemeinde fanden.
Die Beschlüsse zum Kirchenasyl hat der Kirchenvorstand unter großem Zeitdruck, aber sehr wohl nach reiflichen Überlegungen und Beratungen getroffen. Und mit dieser Entscheidung ging jeweils viel tätige Arbeit einher: Zimmer einrichten, Einkaufen, Deutschunterricht, Seelsorgegespräche, ärztliche Betreuung, Gespräche und Verhandlungen mit Rechtsanwälten und Behörden, ein hohes Spendenaufkommen.
Es wurde viel Tatkraft, Zeit und Geld investiert, damit Menschen in Not und auf der Flucht schlicht und ergreifend geholfen wird. „Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!“ (Mt 25,40)

Dabei ist mir noch einmal wichtig zu betonen, dass wir mit dem Institut des Kirchenasyls keinen rechtsfreien Raum betreten oder uns gar gegen geltendes Recht gestellt haben. Wir haben nicht im Geheimen agiert. Der Staat war und ist über unser Vorgehen zu jederzeit informiert. Wir haben immer unsere tatkräftige Mithilfe angeboten, um der Menschlichkeit Recht zu geben. Ich bin heilfroh, dass unser Rechststaat auf diesen Prinzipien der Menschenlichkeit und Menschenwürde aufbaut. Erst vergangene Woche wurde am Oberlandesgericht der Freispruch eines Flüchtlings, der wegen Kirchenasyl angeklagt worden war, bestätigt. Heribert Prantl schrieb dazu in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung vergangenen Donnerstag: „Kirchenasyl ist kein rechtsfreier Raum, es ist ein Freiraum des Rechts“ (SZ vom 3.5.2018) Dem ist nichts hinzuzufügen.

Danksagung, die vierte: Danke allen Beteiligten für Eure Tatkraft! Es erfüllt mich großer Freude und Dankbarkeit, dass drei der Schützlinge heute diesen Gottesdienst mitfeiern und dass wir uns heute Freunde nennen. Frieden wächst durch Gebet als Arbeit.

5. Auf dass ich es offenbar mache! – Gebet als Haltung

Wir sitzen im Kreis in der Kleingruppe am Kinderbibeltag. In der Mitte vor uns auf dem Boden das vorbereitete Mittagessen. Die Kinder schauen in die Runde, ob einfach so angefangen werden kann. Es entsteht ein kurzer Moment der Stille, weil niemand ein passendes Wort parat hat. Das klassisches Tischgebet, das mir ad hoc eingefallen war, kam mir selbst in diesem Moment nicht passend vor. Ein Mädchen greift einfach nach den Händen ihrer Nachbarn und spricht: „Lieber Gott, ich habe sooo großen Hunger, deswegen habe ich jetzt keine Zeit zum Beten. Danke, dass du mich verstehst. Amen.“ Es waren die genau passenden Worte für eben diesen Moment. Einfach so, frei raus. Und wir fangen fröhlich an zu essen.

Andere Szene. Wieder ein Tisch. Wir sitzen zusammen, aber nicht, weil es Essen gibt. Die Mutter der Familie war ganz plötzlich gestorben. Ich bin gerufen worden. Betretene Stille, die tiefe Trauer ist zum Greifen nah. Auch ich weiß für einen kurzen Moment nichts zu sagen. Mit einem Mal setzt der Witwer an und spricht die Worte, die ihm gerade in den Sinn kommen: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“

Einmal kein Tischgebet zum Essen. Aber passend.
Einmal ein Tischgebet nicht zum Essen. Auch passend.
Auf die Worte kommt es nicht an. Gebet ist weniger Wort. Gebet ist Haltung.
Manchmal auch ganz ohne ein einziges Wort.
Durch das Gebet als Haltung setzte ich mich der Kraft Gottes aus.
Beten würde ich ja gerne. Allein: Mir fehlen die Worte.
Das ist aber nicht schlimm. Denn die Worte fallen mit entweder zu, aus der Tradition oder aus der Situation. Oder ich gebe einfach meiner Sprachlosigkeit durch das Schweigen einen Ausdruck.

Danksagung, die fünfte: Danke für die Worte der Tradition, die wir gemeinsam in den letzten 11 Jahren weitergetragen haben. Danke für die vielen neuen Worte, vorgetragen mit Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit Freude und Humor. Danke für die gemeinsam ausgehaltene Sprachlosigkeit.

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll. (Kol 4,2-4)
Jubilate – Kantate – Rogate

Diese drei Sonntage des Osterfestkreises werden bleiben. Und es sind jetzt schon erste Planungen angestellt für das nächste Jahr!
Gott hat so viele Samenkörner in die fruchtbare Erde dieser Kirchengemeinde gesät. Daraus wird immer wieder neues und reiches Leben erwachsen. Und Sie alle sind ein Teil davon.

Heute ist meine letzte Predigt als Pfarrer der Christuskirche.
Das macht mich sehr traurig. Ich werde euch vermissen.
Doch ich bin erfüllt mit großer Dankbarkeit. Sie wird mich tragen.
Und die Tür bleibt offen.
Im Gebet sind und bleiben wir mit Gott und untereinander verbunden.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Die Bildergalerie der Verabschiedung ist hier zu finden.

Kategorien Predigt Pfr. Reuter

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