Veröffentlicht am So., 29. Nov. 2009 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrer z.A. Felix Reuter

Predigt zu Röm 13, 8-12

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Die Epistellesung des heutigen 1. Adventssonntags aus dem 13. Kapitel des Römerbriefs ist zugleich Predigttext. Paulus schreibt:

"Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch unter­ein­ander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): «Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren», und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt [vorgedrungen], der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts." (Röm 13, 8-12)

Liebe Gemeinde,

Es ist Nacht. Dunkelheit hüllt alles in ein tiefes Schwarz. Nur Umrisse sind schemenhaft zu erkennen.

Es ist Nacht. Menschen schlafen, sammeln in der Ruhe Kraft für den nächsten Tag.

Es ist Nacht. Einige wachen, damit andere Ruhe haben.

Einige suchen Ruhe, finden aber keinen Schlaf, wälzen sich hin und her – ruhelos, schlaflos.

Einige fürchten die Dunkelheit, die Blindheit und die Bedrohung der Nacht. Sie fliehen und geraten dabei noch tiefer in die Nacht hinein.

Einige machen die Nacht zum Tage, legen erst richtig los, wenn andere schlafen.

Die Nacht ist vorgedrungen – und wir tappen im Dunkeln.

Wir tappen im Dunkeln, wenn es um die Lösung der großen Probleme in unserer Welt geht. Keiner weiß, wie die Spirale der Gewalt in Afghanistan, im Irak oder in Palästina gebrochen werden kann. Wir alle wünschen und ersehnen einen Frieden, der mehr ist als die bis an die Zähne bewaffnete tödliche Ruhe. Aber auch wir Christen haben keine andere Strategie als die, mit unseren Gebeten nicht nachzulassen und mahnende und kritische Begleiter zu sein.

Wir tappen im Dunkeln, wenn es um die nachhaltige Rettung unseres Planeten geht. Nicht, dass wir nicht wüssten,was zu tun sei. Nicht, dass uns führende Forscher eindringlich vor dem Klimawandel warnen. Nur: Es fehlt an Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen. Eigennutz steht immer noch über dem Allgemeinnutz. Mächtige missbrauchen ihre Verantwortung und ihren Einfluss. Vertrautes ist für uns alle so schwer aufzugeben.

Wir tappen im Dunkeln, wenn es darum geht, das eigene Leben so zu gestalten, dass wir uns selbst und die, die uns anvertraut sind, nicht verlieren. Nur allzu oft verfangen wir uns in eigenen Lebensmustern, lassen uns von Ängsten treiben und von Verzweiflung lähmen. Nicht, weil wir das wollten. Sondern weil wir nicht anders können.

Die Nacht ist vorgedrungen. Werke der Finsternis greifen um sich. Die vielen Lichter, die jetzt in der Adventszeit überall entzündet werden, lassen die Dunkelheit nur noch deutlicher zum Vorschein kommen. Wir sind Wächter der Nacht und kennen nur eine Sorge: Dass bei uns das Licht nicht ausgeht.

Darum hört, liebe Gemeinde von einer anderen Zeit; von einem anderen Kairos, von einem anderen entscheidenden Augenblick: Nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu jeder Zeit. Gott selbst kommt wie der Tag nach einer langen Nacht. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag aber nahe herbeigekommen. Gute Zeit, helle Zeit. Es ist Gott selbst, der sich auf den Weg hinunter auf unsere dunkle Erde macht um aller Finsternis zum Trotz sein Weihnachtslicht anzuzünden und sich uns allen in Erinnerung zu rufen.

Das Weihnachtslicht ist das Licht des Verstandes, der sehenden Auges wahrnimmt, der ernsthaft versucht, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Die Nüchternheit des Glaubens nötigt uns festzustellen, das nicht alles gut ist, so wie es ist. Von der Erlösungsbedürftigkeit der Welt zu reden ist kein krankhafter Pessimismus und kein Ausdruck christlicher Freudlosigkeit, sondern der von uns erwartete Realismus, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Schönredner und Schönfärber gibt es genug. Und geblendet wird Tag für Tag, als könnte man mit dem Scheinwerferlicht einer künstlichen Welt vom eigentlichen Dunkel ablenken.

Das Weihnachtslicht ist das Licht des Wortes Gottes, dass zur Umkehr ruft. Adventszeit ist Bußzeit, weil der Ernst der Lage in den Blick kommt. Gott kommt in unsere Welt, damit nicht alles bleibt, wie es ist, damit die Dunkelheit weicht. Die Nacht ist vorgedrungen - aber der Tag ist nahe herbeigekommen. Wenn die Nacht am dunkelsten ist, steht die Morgenröte unmittelbar bevor. Von der Erlösungsfähigkeit der Welt zu reden ist kein übermäßiger Optimismus und kein Ausdruck christlicher Naivität, sondern der von uns erwartete Versuch, den Lauf der Welt so mitzugestalten, dass Gottes Reich greifbar wird. Selbst ernannte Propheten und vermeintlich mächtige Macher gibt es genug. Sie kommen daher als Boten des Lichts, und bleiben doch den Werken der Finsternis verhaftet.

In der Zeit des Advents gehen wir diesem Licht entgegen. Es kommt der entscheidende Augenblick. Und weil er kommt, führt uns jeder dunkle Tag näher hin auf das kommende Heil. Es ist Zeit aufzustehen vom Schlaf, der verdrängt oder verleugnet oder resigniert, denn das Heil ist näher als viele denken und gegen das Dunkel gibt es Waffen des Lichtes. So wird der Advent zum Sinnbild unserer Existenz: Auf dem Weg durch die Nacht, dem Morgen entgegen. „Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen“, seufzt der Beter des 130. Psalms (V 6). Aber mit diesem Seufzer ist er schon ein adventlicher Mensch geworden und kein Nachtwächter mehr, sondern ein Wächter des Morgens.

Ich bin kein Nachtwächter mehr, der einzig von der Sorge getrieben ist, dass das eigene Licht, der eigene Ofen ausgehen könnte. Ich werde ein Wächter des Morgens, der solche Sorgen nicht mehr haben muss. Denn er weiß, dass es bald Wärme und Licht im Überfluss gibt. In diesem Licht, wird er den Schein der eigenen Laternen gar nicht mehr sehen. Es überstrahlt, was er vorher für seinen Halt und seine Rettung hielt.

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt. Jetzt wird uns klar, wie Paulus angesichts des kommenden Morgens zur Liebe mahnt, zu „Brot für die Welt“ und zur Abkehr von der Sorge, dass bei mir das Licht ausgehen könnte. Die Liebe, die von der Fülle des kommenden Heils austeilt, ist die einzig vernünftige Reaktion auf die Botschaft vom Advent Gottes. Die eigene Laterne ist bald gar nichts mehr wert. Jetzt eignet sie sich noch zum Verschenken.

Jetzt kann dem anderen noch ein Licht angezündet werden. Denn er, der andere, ist wie du! Hin und her gerissen zwischen der Angst um das eigene Licht und der Hoffnung auf den kommenden Morgen. Hin und her gerissen, zwischen der Ohnmacht in der Finsternis und den Taten hin zum Licht des kommenden Tages. Hin und her gerissen zwischen dem Gott, der die gute Zukunft der Welt ist und der Welt, dessen Zukunft ich zu meinem eigenen Nutzen selbst gestalten möchte.

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt. Hören wir genau hin. Paulus mahnt uns, nicht schuldig zu werden aus Neid, Hass oder Eigennutz. Das sind die Werke der Finsternis. Aber er mahnt uns, schuldig zu werden und zu bleiben in der Liebe. Den nächsten Lieben wie sich selbst. Das sind wir uns und einander schuldig. Das kann man nicht, ohne schuldig zu werden. Denn die Liebe ist ein Wagnis. Sie nimmt Anteil und gewährt Anteil – auch auf das Risiko hin, dass auf der einen oder anderen Seite am Ende Schulden zurückbleiben. Die Liebe ist ohne das Wagnis von Verlust und Schuld nicht zu haben. Doch dieses Wagnis ist in Anbetracht des heraufkommenden Tages ein begründetes Wagnis. Die Liebe ist nicht nur ein betörendes Gefühl oder eine praktische, helfende Tat, sondern vor allem der Grund, der mich im Leben trägt und mein Leben erträglich macht. Gott trägt mich, erträgt mich und macht mich erträglich – für mich und für andere. Er bleibt uns nichts schuldig, sondern schenkt uns alles. Darauf bereitet uns der Advent vor. Wenn Gott zur Welt kommen will, dann braucht das seine Zeit. Aber bald ist der Zeitpunkt da, die Nacht vorüber, der Tag angebrochen.

Immer wieder stecken wir fest, sind gehalten von den Werken der Finsternis. Wir klammern uns ängstlich an das eine Licht, das wir haben. Doch immer wieder kommt der Advent und kündet von der Ankunft Gottes in unsere Welt, kündet von dem Licht, das die Dunkelkheit vertreibt.

Gott geht mit durch die dunkle Nacht. Er zeigt, wie man vom Nachtwächter zum Wächter des Morgens wird. Zu einem Menschen, der sich selbst und anderen der Liebe schuldig wird und bleibt. Zu einem Menschen, der es wagt, sein Licht der Liebe weiterzugeben in der Hoffnung auf den kommenden Tag. Zu einem Menschen, der in seinen Einkaufstüten Brot für die Welt hat und Waffen aus Licht, vor denen jede Finsternis flieht.

Die Nacht ist vorgedrungen – und wir erwarten das Licht. Advent, der Tag Gottes bricht an.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Felix Reuter Pfarrer z.A.

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