Veröffentlicht am Do., 24. Dez. 2009 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrer z.A. Felix Reuter

Predigt zum Weihnachtsspiel "Marias kleiner Esel"

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

 

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

was sind wir doch alle für dumme Esel! Ist es jemandem aufgefallen? Wer hat dem Weihnachtsevangelium genau zugehört? Jedes Jahr hören wir es immer wieder „Es begab sich aber zu der Zeit...“, die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas. Und nirgends ist dort die Rede von einem Esel, auch der Ochse taucht nicht auf. Und doch stehen beide Tiere an jeder Krippe, an der, die wir zu Hause aufgebaut haben, an der lebensgroßen in der Landshuter Altstadt oder jeder anderen Krippe.

Auch heute in unserem Weihnachtsspiel tauchte der Esel auf. Und nicht nur das, er war die entscheidende Haupfigur: In der Geschichte von Marias kleinem Esel hat das störrische Vieh im wahrsten Sinne des Wortes die tragende Rolle. Das Tier, das gemeinhin als dumm gehalten, geschimpft und geschlagen wird, wird zum Heilsträger. Der Esel trägt den ungeborenen Jesus, geleitet den Heiland in die Welt. Der Esel wehrt sich gegen Ausbeutung und Bevormundung. Der Esel spürt die liebende Zuwendung und begegnet mit Hilfsbereitschaft und Demut. Der Esel wehrt sich gegen Ungerechtigkeit und beugt sich der Liebe. Der Esel sieht den Engel und kennt seine Aufgabe. Der Esel stellt sich in tiefem Vertrauen den Herausforderungen und Gefahren der Welt, wird selbst zur Eselsbrücke zwischen den Menschen. Der Esel weiß sich einzubringen und zurückzunehmen, je nachdem, was notwendig ist. Glücklich, wer sich einen solchen Esel nennen kann.

„Ich bewundere Esel, doch nur die vierbeinigen, denn sie kennen ihren Weg und gehen ihn unbeirrt, während sie sich oft weigern den Weg der Menschen zu gehen. Wie anders verhält es sich da doch mit den Menschen, die andere einen Esel nennen, ihren Weg zwar sehen, ihn aber nicht gehen wollen.“ (Rose von der Au)

Was hat nun der Vierbeiner unserer Geschichte mit uns und mit Weihnachten zu tun? Heinrich Heine soll einmal gesagt haben: „Gott hat die Esel geschaffen, damit sie dem Menschen zum Vergleich dienen können.“ Zunächst scheint dies nicht sonderlich schmeichelnd für uns Menschen zu sein. Der Esel als stures und dummes Tier. Und damit liegt man nicht allzu weit entfernt von dem, was man über den Menschen sagen würde, wenn man sich den Lauf der Welt und die Rolle der Menschheit darin ansieht.

Und doch liegt in dem Bild des Esels auch noch etwas anderes: Als traditionelles Stalltier kennzeichnet er den überlieferten Geburtsort des Gottessohnes: Es sind eben nicht die Paläste dieser Welt, die Prunksäle der Regierungen, die Finanztempel der Banken oder auf Hochglanz polierten Shopping-Mals, der Einkaufszentren. Sondern es ist der letzte Unterschlupf, die einfachste Behausung, dort, wo das Licht am Meisten auszurichten vermag. Der Esel wird somit zu einem Symbol für die einfache und ärmliche Herkunft Jesu sowie dessen Leben in Demut und Aufopferung. Im Alten Testament heißt es bei dem Heilspropheten Jesaja: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn" (Jesaja 1,3) Der Esel als derjenige, der weiß, zu wem er gehört, wem er zu dienen hat und wem eben nicht. Außerdem weist die Figur des Esels schon voraus auf denjenigen, der den neuen König nach Jerusalem hineintragen wird, den neuen König, der die Welt durch Tod und Auferstehung erlöst.

Und eben diesen König erwarten wir heute Nacht. Er kommt zu uns und will die Welt verwandeln. Seine Macht ist die ohnmächtige Liebe, sein Zepter ist der Glanz Gottes, sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber wirkt in unsere Welt hinein. Er erlöst die Welt von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, von Ausbeutung und Bevormundung. Er bringt einen neuen Frieden, der die Menschen von innen heraus erfüllt, der sie mutig die Herausforderungen und Gefahren der Welt angehen lässt. Er schenkt die Hoffnung, dass Gottes Herrlichkeit das Erste und Letzte ist, was uns gilt. Und das hat die Welt nicht weniger nötig, als vor einem, vor 50 oder vor 2000 Jahren. Jesus Christus kommt in unsere Welt, um die Not zu wenden – damals wie heute. Nichts weniger erhoffen wir, wenn wir jetzt zur Krippe kommen und den neuen König willkommen heißen.

Und wir tun nicht schlecht daran, uns an Heinrich Heine zu halten, uns den Esel zum Vergleich dienen zu lassen. Der Esel in unserer Weihnachtsgeschichte ist nicht irgendwer, sondern das bist du und ich, das sind wir alle.

Was, der Esel bin ich? Gott bewahre, das habe ich schon zu oft gehört.

Ich und Du,
Müllers Kuh, 
Müllers Esel,
der bist Du.

In unserer Welt zählen wir aus, da gibt es Gewinner und Verlierer, da werden die dummen, störrischen Esel aussortiert, landen auf dem Abstellgleis, landen in den ärmlichsten Hütten in der Dunkelheit. Zu diesen Eseln wollen wir doch nicht gehören.

Doch. Wir sind diese Esel, ob wir es wollen oder nicht. Doch in Maria wendet sich Gott uns mütterlich zu, wir spüren, dass wir geliebt und gebraucht werden. Darin liegt neue Kraft für den Weg unseres Lebens. In der Liebe sehen wir die Boten Gottes, die Engel, die uns den Weg weisen. Wir tragen Christus, kommen zu seiner Krippe, mit all der Last, die uns niederdrückt, und bekommen das größte Geschenk unseres Lebens: eine neue Welt.

Ich und Du,
Gottes Zier,
Christi Esel,
das sind wir.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Felix Reuter, Pfarrer z.A.

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