Veröffentlicht am So., 28. Feb. 2010 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrer z.A. Felix Reuter

Predigt zu Röm 5, 1-5

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,
es geht ganz schön zur Sache in diesem Gottesdienst: Zunächst sollen wir Gott an seine Güte und Barmherzigkeit erinnern (reminiscere!), um dann laut zu singen, dass seine Güte ohnehin reicht, soweit der Himmel ist. Im Gebet geben wir der Tatsache Ausdruck, dass wir nur allzu oft nicht in der Gewissheit der Güte Gottes wandeln und bitten Gott, dass er uns gerade deswegen Zuflucht schenkt. In der Taufe sind wir wiederum von Grund auf hineingenommen in die Gemeinschaft der Gerechten, um uns dann in der Lesung das Gleichnis von den bösen Weinbauern vorhalten zu lassen: Wohl wissend, was sie tun, bringen die Weingärtner den Sohn des Besitzers um, hoffend, dass sie dann den ganzen Besitz für sich einstreichen können. Und wenn ich jetzt ohne Unterbrechung mit dem Predigttext fortfahren würde, ginge die Achterbahnfahrt ungebremst weiter. Schon im ersten Satz des heutigen Predigttexts formuliert Paulus in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel mit großer Gewissheit:

"Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus." (Röm 5,1)

Von der Kanzel herab wird also schon wieder behauptet, es ist Friede. Wir haben Frieden mit Gott, wir sind gerecht durch den Glauben. Also: Weg mit den Waffen, Pflaster auf die Wunden, Schluss mit den Mordgelüsten. Aber was ist denn nun? In den Kirchenbänken sitzen immer noch Sie, die gleichen Menschen. Kampf oder kein Kampf, Krieg oder Frieden. Gar nicht einfach, da mitzukommen. Gut möglich, dass Sie sich bei dieser Achterbahnfahrt innerlich zurücklehnen in der Kirchenbank. Rechtfertigung, Frieden, Versöhnung – wunderbar theologische Begriffe – doch das hat nichts mit mir zu tun.

Was hat das, wovon Paulus schreibt, mit mir zu tun? Karl Barth, der große Theologe des 20. Jahrhunderts, schreibt:
„Was einmal ernst gewesen ist, das ist es auch heute noch und was heute ernst ist (…), das steht auch in unmittelbaren Zusammenhang mit dem, was einst ernst gewesen ist. Unsere Fragen sind, wenn wir uns selbst recht verstehen, die Fragen des Paulus und des Paulus Antworten müssen, wenn ihr Licht uns leuchtet, unsere Antworten sein.“ (K. Barth, Der Römerbrief, Zollikon-Zürich, 51926)

Wenn wir uns selbst recht verstehen und wenn uns das Licht leuchtet, finden wir nach Karl Barth bei Paulus Antworten auf unsere Fragen. Wir hören den gesamten Predigttext aus dem 5. Kapitel des Römerbriefs:

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Röm 5,1-5)

Wir haben Frieden mit Gott und finden Zugang zu Gottes Gnade im Glauben an Jesus Christus. Wir rühmen uns der Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit. Wir rühmen uns darüber hinaus der gegenwärtigen Bedrängnisse, denn Bedrängnis bringt Geduld, Geduld bringt Bewährung, Bewährung wiederum bringt Hoffnung. Nichts also lässt uns Schaden zukommen. Stimmt das denn?

Als ob das alles so klar wäre, so einfach zu handhaben. Wann verstehen wir uns schon selbst recht, wann leuchtet uns schon das Licht, dass wir ungebrochen die Wahrheit schauen können?

Bei näherem Hinsehen ist selbst die paulinische Klarheit nicht mehr ganz so klar. Im Apparat der textkritischen Bibel finden wir schon beim ersten Satz die viel besser bezeugte Lesart: „Wir hätten Frieden mit Gott“ bzw. „Wir sollten Frieden mit Gott haben“. Weil das aber so gar nicht in die paulinische Theologie passt, übersetzen sowohl Luther als auch heutige Kommentatoren: „Wir haben Frieden mit Gott“ - Nicht hätten oder sollten haben.

Doch so rückt Paulus in weite Ferne. Ist es vielleicht doch nur ein Privileg der Heiligen, der Gottesmänner und -frauen, diesen Frieden tatsächlich zu haben. Sie schaffen es, im Glauben zu bleiben, auf Bedrängnis mit Geduld zu reagieren, und in der Bewährung die Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes nicht fahren zu lassen.

Für uns sind es doch immer wieder die Brüche, die Irritationen, die Stolperfallen die uns am Glauben zweifeln lassen, die uns in Bedrängnis bringen. Und nur zu oft ruft diese Bedrängnis eben nicht Geduld, sondern Ungeduld hervor, bleiben wir trotz unseres Getauft-Seins stecken im irdischen Kampf um die Besitztümer unseres Lebens. Wir bekommen es zwar immer wieder gesagt: Wir haben Frieden mit Gott. Aber es ist ein Haben, als hätte ich nicht. Gerne hätten wir Frieden und scheitern daran, dass wir Frieden haben sollten.

Der Paulustext kommt daher, als ob Frieden etwas statisches wäre, das man haben, in seinen dauernden Besitz nehmen könnte.  Die Worte des Paulus kommen zwar statisch, bloß behauptend daher – und sind es doch nicht. Die konjunktive Lesart „wir hätten Frieden“, die vielleicht sogar ursprünglicher ist, also eher von Paulus stammt, führt uns auf eine Fährte, auf der wir dem Text auch in Bezug auf unsere Lebenswirklichkeit näher kommen. Der Apostel Paulus ist selbst ja kein statisches Gebilde, keine Person, die zu jeder Zeit ungebrochen im Glauben stand. Schon allein sein Leben als Saulus, in dem er selbst zu den Mördern an den Kindern des Weinbergs gehörte, spricht eine andere Sprache.

Ich könnte nun die Aussage des Paulus in den biographischen Kontext stellen, um dem theologischen Gewicht des Textes und der Bedeutsamkeit für unser Leben auf die Spur zu kommen. Ob das uns allen das notwendige Licht und die Selbsterkenntnis bringt, bleibt schwierig. Wenn man eine Lehre wie die, von der Paulus uns heute predigt, nicht mehr versteht, muss man sie erzählen, aus einer Lebensgeschichte heraus erfahren.

Dorothee Sölle, die evangelischen Theologin, die 2003 verstarb, und mit der wir uns im Konfirmadenkurs in der letzten Woche beschäftigt haben, schreibt in ihrer Rede über „Vom Gott-über-uns zum Gott-in-uns“: „Ich habe im Laufe meines Lebens sehr stark die Zickzack-Wege einer normalen Frau erlebt: rein in die Uni, raus aus der Uni, Kinder, Ehen – was es so alles gibt im Leben. Ich habe diese Gebrochenheit der Karriere erlebt, denn ich habe nie länger als einige Jahre in einem Zustand zugebracht, der eigentlich dazu gedacht ist: Marsch, rauf auf die Leiter, bis man oben ist. Das habe ich nie erlebt. Ich halte das für einen Vorteil. Ich halte das für eine große innere Distanz. Ich erinnere mich, als ich nach drei Kindern an die Universität zurückkam und Assistentin war, waren meine Konassistenten alles junge Männer, zehn Jahre jünger als ich. Und wenn der Professor einen Witz machte, dann durften sie auch mal lachen, sonst lachten sie nie. Ich fand das sehr merkwürdig, vor allem, wenn der Witz dumm war. Ich merkte, dass ich eine – nicht wissenschaftliche, aber lebensmäßige – ganz andere Distanz und Beziehung zu diesen Dingen hatte, die es mir leichter machte, die Wissenschaft und die Karriere nicht anzubeten und nicht mit Gott selbst zu verwechseln, sie nicht zu einem Götzen zu machen, was ja eine der Hauptgefahren in diesem Berufen ist. Deswegen meine ich, die Verzögerung, der Umweg, das Umständliche, das Langsame, all das ist ein Vorteil. Auch heute noch treffe ich immer wieder Frauen, die über 60 sind und plötzlich sagen: „Ja, und dann habe ich da etwas entdeckt, irgendetwas ganz Neues ist da mit mir passiert; da ist mir was aufgefallen, über das ich nachgedacht hatte.“ Nehmt also die Beschädigungen als die größere Hilfe. Sie ist nicht notwendig selbstzerstörerisch, tödlich. Sie kann an sehr vielen Stellen tatsächlich etwas sein, was uns aufmerksamer gegenüber dem Leben macht und weniger verführbar durch die Hauptwerte unserer Gesellschaft: Karriere, Konsum, Gewalt. Und uns Ihnen nicht unterzuordnen, noch „Nein“ sagen zu können ist ein großes Privileg, das aus dem Umweg der Verzögerung, der Nicht-Geradlinigkeit unserer Lebenswege kommt. Diese (biologischen) Verzögerungen, die wir alle mit uns herumtragen, so oder so, nehmt die nicht als einen peinlichen Erdenrest, den man möglichst schnell maschinell überwinden soll, wie manche (Frauen) sich einbilden, sondern als die Wahrheit unseres Lebens, die uns etwas langsamer macht als die Türme in den Himmel bauenden Männer.“ (Aus: Dorothee Sölle, Rede über „Vom Gott-über-uns zum Gott-in-uns“ beim 6. Ökum. Frauentag in Saarbrücken, 21.3.1993.Zitiert nach einer Aufnahme des Saarländischen Rundfunks)

Die Achterbahnfahrt, der Zickzack-Kurs unseres Lebens wird greifbar. Die Bedrängnis ist kein bloßes Wort, sondern gewinnt Form als die Verzögerungen und Beschädigungen unseres Lebens. Die Geduld ist nichts, was sich sofort und ohne Umschweife aus dem Glauben heraus einstellt, sondern sie muss gelernt, angeeignet werden, was nicht selten mit Schmerz und Zweifel verbunden ist. In der Bewährung liegt der große Schatz: Der Umweg, die Nicht-Geradlinigkeit ist ein Vorteil, eine Hilfe. Sie macht aufmerksamer und weniger verführbar. Wir fallen nicht zurück in den Kampf mit Gott, doch der Größere sein zu wollen. Die Wahrheit kommt ans Licht, wir erkennen uns selbst: Das Leben können wir nicht selbst machen, sondern wir sind angewiesen auf die Gnade Gottes.

Den Frieden haben, so als hätten wir ihn nicht – immer wieder changieren zwischen „Ich hätte Frieden“, „Ich sollte Frieden haben“ und „Ich habe Frieden“. Das ist die Lebensbewegung, von der Bedrängnis über die Geduld zur Hoffnung.

Eine andere der evangelischen Kirche tief verpflichtete Frau, Margot Käßmann, die zurückgetretene Bischöfin, hat in der letzten Woche der ganzen interessierten und mitunter empörten Öffentlichkeit ins Lebensbuch geschrieben: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Felix Reuter
Pfarrer z.A.

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