Veröffentlicht am So., 14. Mär. 2010 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrer z.A. Felix Reuter

Predigt zu Phil 2,5-11

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen.

Mit diesen Worten beginnt der Apostel Paulus seinen 2. Brief an die Korinther. Nach diesem apostolischen Gruß begegnen wir dem heutigen Predigttext. Ich lese aus dem 1. Kapitel des 2. Konrintherbriefs die Verse 3 bis 7:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2Kor 1,3-7)

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist.

Amen.

Liebe Gemeinde,

zehnmal begegnet uns in diesem kurzen Abschnitt das Wort „Trost“. Ich werde hellhörig – als ob die Häufigkeit eines Wortes schon die Wirklichkeit bedeutete. Im Überschwang spricht der Apostel Paulus hier von der Wirklickeit des Trostes, der in Gottes gnädiger Zuwendung zu uns Menschen liegt. Und wir hören diesen Text am Sonntag Lätare, freuet euch! Gelobt sei Gott – so spricht Paulus!

Doch was gibt es hier zu loben? Sich freuen inmitten der Passionszeit, der Leidenszeit. Mitten im Schmerz, in der Trauer sollen wir zur Freude finden? Solche Aufforderungen klingen vor Menschen, die Leid und Schmerz erleiden, abgeschmackt, vertröstend. Sie kennen die Trübsal – Leiden, Trauer, Schmerz – und nun soll darin der Weg über den Trost hin zur Freude liegen? Das ist schwerlich zu verstehen.

In einem Gottesdienst zu Karfreitag habe ich einmal Ausschnitte aus den Passionen von Heinrich Schütz gehört. Ich hörte und las Formulierungen, die mich aufmerken ließen. Was war gemeint mit „Jesu, deine Passion ist mir lauter Freude“? Wie kann das Leiden Jesu mir eine Freude sein, fragte ich mich. Eine andere Formulierung klang noch rätselhafter: „Lass uns deine Passion fruchtbarlich bedenken.“ Zunächst dachte ich, es wäre ein Druckfehler. Es sei gewiss gemeint „furchtbarlich bedenken“, wo doch alles so furchtbar sei. Doch der Chor sang tatsächlich „fruchtbarlich bedenken“. Passion und fruchtbar – wie geht das zusammen? Ist hier eine Form von Masochismus gedacht? Trägt der christliche Glaube eine Lust am Leiden in sich? Als ob ich bewusst ins Leiden gehen müsste, um die Wahrheit des christlichen Glaubens zu erfahren. (Vgl. Predigstudien. Perikopenreihe 2009/10 II/1, Freiburg 2009, S. 169ff.)

Der Apostel hatte die Wahrheit des Glaubens für sich erfahren. Um dem Gedankengang vom Leiden, von der Trübsal über den Trost hin zur Freude und dem Lob Gottes zu verstehen, wollen wir uns vergegenwärtigen, in welche Situation hinein der Apostel seinen Briefanfang geschrieben hat.

Die Trübsal, die Paulus erlebte in der Beziehung zu der von ihm gegründeten Gemeinde, ist das Leiden an zwischenmenschlichen Konflikten. Große Schwierigkeiten und Spannungen hatte es zwischen ihm und der Gemeinde in Korinth gegeben. Der Konflikt raubte viel Kraft, es ging an die Existenz. In den Auseinandersetzungen war es um Paulus' Amt als Apostel gegangen. Sein Auftrag wurde angezweifelt. Misstrauen gegen ihn als Person wurde laut. Argwohn trübte die Beziehung zueinander. Der Konflikt hatte sich ausgeweitet. Es gab gegenseitige Angriffe und Verletzungen. Schließlich war die Situation ziemlich verfahren und trostlos. Paulus drohte zu scheitern. Und inmitten des drohenden Scheiterns kam Paulus in Ephesus in große Lebensgefahr.

Doch der Apostel und die Christen in Korinth gaben die Sache und einander nicht auf. Sie waren nicht müde geworden, nach einem Ausweg und Neuanfang zu suchen. Paulus empfindet sich in seinen Erfahrungen, inmitten seines Leidens „dem Tode Christi gleichgeschaltet“, und er kennt darin „die Kraft der Auferstehung“. Die Begleitung in der Trübsal und die Errettung aus der Lebensgefahr entlocken ihm den Ruf: „Gelobt sei Gott!“

Doch die Frage bleibt, wie Trost in der und durch die Gemeinschaft entsteht. Wann ist es wirklicher Trost, und wann bleiben wir im gegenseitigen Vertrösten stecken. „Es wird schon wieder.“ - sagen wie schnell dahin. Wer kennt das nicht, die Wortlosigkeit, nicht zu wissen, was man sagen soll, in Zeiten der Trübsal, der Trauer, des Schmerzes. „Es wird schon wieder.“ - „Mein Beileid.“ - „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Formeln der Hilflosigkeit, der Ohnmacht. Oft fällt es leichter zu verdrängen als den Schmerz auszuhalten. Wir erleben die Trostlosigkeit des Trostes.

Fulbert Steffensky schreibt: „Einen Menschen zu trösten, heißt, ihn bedürftig sein zu lassen, ihn kleiner sein zu lassen als er ist. Wenn ein Mensch einen Unglücklichen in den Arm nimmt, macht er automatisch eine wiegende Bewegung. Er wiegt den Geschlagenen, wie man trostloses Kind wiegt.“

Trost geben zu wollen sitzt der falschen Annahme auf, den Trost selbst machen, herstellen zu können. Gerade in einer Zeit, in der wir alles meinen selbst machen zu müssen, wird uns die Trostlosigkeit des Trostes nur noch schmerzlicher bewusst. Vor lauter Schaffen, Machen, Können, Müssen kommt Freude nur auf, wenn absolutes Glück gelingt. Doch die Trübsal bleibt trostlos, wenn wir meinen die Freude wieder selbst herstellen zu müssen. Um das zu schaffen, wird Trübsal verdrängt oder mit noch größerem Aktivismus überdeckt.

Der Ausruf des Paulus „Gelobt sei Gott“ beruht nicht auf einem posivistischem Weltbild, alles selbst machen zu können. Der Geist Gottes hilft ihm, sich mit den schwierigen Realitäten des Lebens im Geschick Christi wieder zu finden. Gerade im eigenen Leiden wird die Gemeinschaft mit Christus besonders erfahrbar. Sein Trost für andere besteht nicht in direkten tröstenden Worten. Er besteht einfach darin, dass er sich als Leidender und Getrösteter mit den anderen verbunden weiß. Der Trost ist also nicht ein Hinwegreden des Leidens, sondern das Verstehen des Leidens als Christusleiden. Das alles bewirkt nicht eine Vertrröstung, dass alles wieder werden wird, wie's vorher war. Es geht vielmehr um eine „neue Schöpfung“ im Sinne eines neuen Lebens.

Eine Frau, deren Mann vor 18 Monaten gestorben ist, weil er sich selbst das Leben nahm, war eingeladen und erlebte einen schönen Tag. Plötzlich erschrickt sie, ihr Mann ist tot und ihr geht’s gut. Schuldgefühle kommen auf. Doch dann, so erzählt sie, habe sie die Stimme ihres Mannes gehört, der sagte, das sei gut so. Früher habe sie ihren Mann nur vor seinem Bild, an seinem Schreibtisch oder am Grab deutlich gespürt. Nur dort war der Schmerz auszuhalten. Jetzt fühlt sie ihn beständig in ihrem Herzen. Und das sei ein wahrer Trost. Und sie bestaunt die Verwandlung, die sie selber nicht gemacht hat.

Ein Mann versinkt vor lauter Trauer um seine Frau im Zweifel an sich selbst. Er war und ist ein Griesgram ohne Wert. Sein ganzes Leben war er ein Nichts. Sein Vater war im Krieg geblieben. Die Mutter fand, dass er so „klein und schmächtig“ wäre wie sein Vater. Das kränkte ihn als Kind. Bald ging er aus dem Haus, weit weg. Allein und einsam in der Fremde fand er Halt in einer fundamentalistisch frommen Jugendgruppe. Seine Frau ertrug ihn, wie er war. Sie war die „Tür nach außen“. Und jetzt ist sie nicht mehr da. Jetzt ist er wieder wertlos, „klein und schmächtig“. Er spürt, es geht ums ganze Leben. Woran er immer litt, jetzt sucht er ganze Heilung.

Eine Frau, chrislich erzogen, in Partnerschaft lebend mit einem Mann, der nicht getauft ist. Sie haben ein Kind. Zweite Schwangerschaft, Down-Syndrom festgestellt. Die werdende Mutter fühlt sich überfordert, lange Beratung, Abbruch der Schwangerschaft, danach große Gewissensbisse, dazu Vorwürfe der frommen Herkunftsfamilie Sie ist die „große Sünderin“. Sie entdeckt andere, die ihre Down-Syndrom-Kinder lieben, nur sie hat's nicht geschafft. „Das liegt für immer auf mir.“ Das alte Wort „Sünde“ ist für sie jetzt nicht mehr fremd. Ist das, was Paulus über Sünde und Vergebung weiß, jetzt aktuell für sie? Dann sagt sie: „Dieser ganze Vorgang, der mich so belastet, ist ein Teil von mir geworden. Ich stelle ihn in das Regal meines ganzen Lebens.“ Sie weist dem Schmerz und der Trauer einen Platz zu. Das befreit. Spontan kommt sie in einem Gottesdienst zum Abendmahl und bringt ihren Partner mit. Der staunt, wie Trost und Freiheit wachsen, in dem Glaubensvollzug, der ihm so fremd ist. Sie wollen sich kirchlich trauen lassen, ein neues Leben feiern. (Predigstudien. Perikopenreihe 2009/10 II/1, Freiburg 2009, S. 169ff.)

Trost braucht Zeit, sie braucht vergebende Zuwendung. Wenn einer dem anderen zuhört, eigene Ohnmacht aushält, dabei bleibt, obwohl er gar nichts „machen“ kann, an Christus glaubt, auch wenn er vielleicht gar nicht davon spricht, dann entsteht in der Trostgemeinschaft von Seelsorge-Suchendem und Seelsorge-Gebendem ein Urvertrauen auf jene Kraft, die auch der Helfende nur empfangen hat. Es wächst die Freiheit, das eigene Unglück zuzulassen. Obwohl die Angst und die Klage und das Weinen stärker werden, spürt der Betroffene, wie gut das tut. Der Blickwinkel fürs ganze Leben öffnet sich. Trauer, Schmerz und Schuld finden ihren Ort. Man staunt, weil Klarsicht sächst, wo Nebel und Verdrängung war. Die Last der Schuld kann stehen bleiben und verliert an Kraft. Ein neues Leben wächst. Je genauer Menschen diese Prozesse an sich selbst entdecken, desto deutlicher wird, wie Christi Weg dabei in unserem Leben aufscheint.

Unser Anspruch, Unglück, Trauer und Trübsal allein miteigenen Kräften besiegen oder verhindern zu wollen, macht uns unfähig, mit Scheitern positiv und offen umzugehen. Befreit von Christus, schwach zu sein und schuldig zu werden, wachsen in der Trübsal Kräfte, in Trauer Trost, in Schuld Vergebung und aus Verstrickung neues Leben. Und wir stimmen ein in die Worte des Apostel Paulus: Gelobt sei Gott! Dann ist die Passion Jesu für uns „fruchtbar“ und nicht „furchtbar“. Und wir blicken mitten in der Leidenszeit auf das österliche Geschehen, dass uns vom Tod befreit: Freut euch!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Felix Reuter
Pfarrer z.A.

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