Veröffentlicht am So., 12. Mai. 2013 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrer Felix Reuter

Predigt zu Gen 28,10-19 „Heilige Orte"

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Festgemeinde, liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden,

1. „Meine zwei heiligen Orte"

Wir fahren von der Konfirmandenfahrt in Nürnberg wieder nach Hause. Wir sitzen im Zug und haben eine erfahrungsreiche Zeit hinter uns: Wir haben die Jugendkirche in Nürnberg kennengelernt, einen „ganz anderen" Ort. Ein Haus Gottes – und doch auch ein Haus der Jugend. Irgendwie beides, irgendwie spannend, irgendwie interessant.
„So etwas sollten wir auch in Landshut haben. Eine Kirche nur für junge Menschen", höre ich einen der Jugendlichen sagen.

Wir fahren also nach Hause von eben diesem Ort, haben wenig geschlafen in einer nicht ganz sauberen Turnhalle (noch so ein ganz anderer Ort, aber auch da kann man eine Andacht feiern). Sind alle etwas müde und der Zug ist kurz vor Landshut. Wir stehen auf, strecken uns, packen unsere Sachen. Und dann sagt einer von Euch:
„Für mich gibt es genau zwei heilige Orte: Mein Bett. Und mein Klo!"

2. Was macht einen Ort heilig

Das kam so unvermittelt, und doch so ehrlich. Ein wenig provozierend, und doch irgendwie wahr.
In dem Moment, als ich dies gehört hatte, wusste ich: Darüber werde ich bei Eurer Konfirmation predigen. Eine Steilvorlage.
Mir als Pfarrer, der ich von Berufs wegen irgendwie mit heiligen Orten zu tun habe, wurden von einem Jugendlichen zwei heilige Orte genannt, die nach erstem Dafürhalten eher doch profan sind: Das Bett und das Klo.

Und doch, wenn wir uns mal nicht an der Provokation dieser Worte aufhängen, wenn wir den Ball, der uns hier zugespielt wird, aufnehmen und zurückspielen, so steckt doch auf den zweiten Blick etwas dahinter, worüber es nachzudenken lohnt. Das Bett und das Klo – als heilige Orte.

Was macht eigentlich einen Ort zu einem heiligen Ort?
Nehmen wir doch die genannten Beispiele, um dem Ganzen ein wenig auf die Spur zu kommen. Lassen Sie uns, lasst uns die Heiligkeit im Profanen entdecken!

Zunächst einmal werden an diesen Orten grundlegende Bedürfnisse gestillt.
Ich habe einen Schutzraum, kann die Tür hinter mir zumachen, bin für mich. Ich darf so sein, wie ich bin. Ich kann mir die Bettdecke über den Kopf ziehen. Ich habe einen Ort für meine Intimität.
Ich habe einen Ort zum Nachdenken, zum Lesen.
Ich werde Ballast und Müdigkeit los. Ich sammle neue Kräfte.
Ich darf mich wohl fühlen.
Ich suche diesen Ort regelmäßig auf.
An diesem Ort entziehe ich mich dem Alltagsstress.
Und mit verlassen dieses Ortes startet ein Neubeginn, ein neuer Tag.

Ist es das, was einen Ort tatsächlich zu einem heiligen Ort macht? Irgendwie steckt da schon einiges drin, was richtig sein könnte, was einen Ort tatsächlich zu einem heiligen Ort macht.

3. „Heilige Orte" Jugendlicher

Aber ich möchte noch eine zweite Suchbewegung starten, um die Frage nach dem heiligen Ort zu klären.

Dabei brauche ich Eure Hilfe, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Ich starte in Gedanken eine Umfrage unter Euch Jugendlichen. Bitte sagt Ihr mir doch die Orte, die Euch heilig sind!

Erst einmal müssten wir klären, was „Heilig-Sein" bedeutet. Um es nicht allzu kompliziert zu machen, gehen wir mal davon aus, das „Heilig-Sein" in Anlehnung an den Ausspruch „Das ist mir heilig!" irgendetwas mit einem besonderen Wert zu tun hat. Heilig ist, was mir im Besonderen ans Herz gewachsen ist, was mir wichtig ist, was ich gerne mache.

So, wie ich Euch beobachten durfte, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, könnten Eure Antworten wie folgt aussehen:

Heilig ist mir der Ort meines Hobbys: Fußball, Reiten, Skaten, Biken, Klavier, Cello, Chor. Dort kann ich mich ausprobieren und über mich hinauswachsen. Dort lerne ich meine Grenzen kennen. Dort bin ich mit anderen zusammen, die gleiche Interessen haben. Dort kann ich abschalten und Spaß haben. Dort ist es ungezwungener als daheim oder in der Schule. Mein Hobby ist mir heilig.

Heilig ist für mich der virtuelle Ort des Internets. Facebook, WhatsApp und Co. Das schöne ist: Ich habe diesen heiligen Ort eigentlich fast immer dabei! Ich zücke mein Smartphone, egal ob erlaubt oder nicht. In der Schule, Zuhause, in der Freizeit, im Konfirmandenkurs – und ich bin on, mittendrin, dabei. Ich verbringe viel Zeit im Netz, teile Fotos, Nachrichten, Ereignisse. Ich stelle mich dar. Habe „Freunde", Kontakte. Bin gespannt auf Kommentare. Gestern Abend nach dem Abendmahlsgottesdienst konnte man zum Beispiel noch sehen und lesen, dass der Gips herunter gekommen ist! Oder das neue Profilbild mit dem Schokokeks! Komisch – heute Morgen hat keiner gepostet, dass es jetzt zur Konfirmation geht... Das könnt Ihr ja vielleicht noch nachholen. Am besten jetzt gleich!?!
Mein Internetzugang ist mir heilig.

Heilig ist mir – und das würdet Ihr wahrscheinlich jetzt nicht so laut sagen – der Ort meines Zuhauses. Meine Familie meine Oma, meine Geschwister, mein Haustier. Gut, dass das einfach wie selbstverständlich da ist, auch wenn ich mich eigentlich davon abgrenzen möchte. Es ist doch gut, diesen Rückhalt zu haben. Und dieser Rückhalt ist mir tatsächlich auch heilig. Ein bisschen jedenfalls....

Über diesen zweiten Gedankengang sind wir der Heiligkeit eines Ortes noch ein wenig mehr auf die Spur gekommen. Es hat also auch etwas mit Wertigkeit zu tun. Und mit der Zeit, die ich an einem Ort verbringe. Und mit den Menschen, die ich da treffe.

4. Heiliger Ort Jakobs

Zu guter Letzt möchte ich Sie und Euch noch mitnehmen auf eine Spur, die schon vor sehr langer Zeit gelegt wurde. Von der wir heute nur noch erzählt bekommen. Aber die uns auch noch heute etwas ganz Entscheidendes über die Heiligkeit eines Ortes und deren Notwendigkeit für das Leben erzählt.

Es ist die Spur, die gelegt wurde in der alttestamentlichen Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter. Wir haben sie gerade in der Lesung gehört.

Jakob, einer der drei Stammväter der Israeliten im ersten Buch der Bibel, dem 1. Buch Mose, entdeckt einen heiligen Ort. Doch zunächst war von dieser Heiligkeit gar nichts zu sehen. Es war eigentlich ein sehr trauriger und trister Ort, den Jakob da aufgesucht hat, aufsuchen musste.

Jakob war von Zuhause abgehauen. Er hatte sich den Erstgeburtssegen mit List und Tücke erschlichen. Sein Zwillingsbruder Esau war fürchterlich wütend auf Jakob und trachtete nach seinem Leben. Jakob hatte etwas verbockt, musste fliehen, musste sein Zuhause verlassen, stand an der Schwelle, sein eigenes Leben in die Hand nehmen zu müssen, wirklich erwachsen zu werden.

Jakob war auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Er stand an dieser Schwelle, wusste aber eigentlich nicht so recht, wie es weitergehen soll. Wollte und konnte nicht zurückkehren. Hatte aber auch Angst vor der Zukunft.

In diesem Zustand kam Jakob an einen unwirtlichen Ort. Es war Abend geworden und Jakob bereitete sich eine Schlafstätte. Es sollte ungemütlich werden. Lediglich ein Stein stand ihm zur Verfügung. Er nutzte diesen als Kopfkissen, um darauf zu schlafen.

Und dann schlief er ein. Und er träumte. Einen lebensentscheidenden Traum. Der Himmel öffnete sich über ihm, er sah eine Leiter vom Himmel herab kommen und Engel, die darauf auf und ab gingen. Und er hörte Gottes Stimme!

Und diese Stimme, sie verurteilte ihn nicht. Grund genug hätte es gegeben. Bei der Schuld, die Jakob auf sich geladen hatte. Nein, die Stimme Gottes verurteilte nicht. Ganz im Gegenteil:

Nachdem sich Gott vorgestellt hatte:
„Ich bin der Herr, der Gott deines Großvaters Abraham und der Gott deines Vaters Isaak."
gab er folgenden Zuspruch:
„Ich werde bei dir sein und dich beschützen, wo du auch hingehst. Ich werde dich in dieses Land zurückbringen. Ich werde dich nie im Stich lassen und stehe zu meinen Zusagen, die ich dir gegeben habe."

Jakob war überrascht, geradezu überwältigt. Nie und nimmer hatte er erwartet, dass dieser Ort zu einem heiligen Ort werden würde. Aber nun war es für ihn ein heiliger Ort geworden, denn er hatte Gottes Stimme und seinen ermutigenden Zuspruch gehört.

Gleich am nächsten Morgen stellte er den Stein, auf dem er geschlafen hatte, auf. Es war fortan der Steinaltar und Gedenkstein für diesen heiligen Ort. Und er nannte diesen Ort Bethel, Haus Gottes. So konnte er immer wieder an diesen Ort zurückkehren, um immer und immer wieder die Nähe Gottes zu finden.

In der weiteren Geschichte wird dieser Ort Bethel ein wichtiger Ort für das Volk der Israeliten. In Erinnerung an die Gottesbegegnung Jakobs fanden auch viele andere Menschen zu diesem Gott, zum Gott der Väter Abraham, Isaak und Jakob, der allen Menschen nichts anderes als diesen Zuspruch immer und immer wieder sagt: „Ich werde bei dir sein und dich beschützen, wo du auch hingehst. Ich werde dich in dieses Land zurückbringen. Ich werde dich nie im Stich lassen und stehe zu meinen Zusagen, die ich dir gegeben habe."

5. Heiliger Ort als Ort der Begegnung mit Gott

Was macht nun diesen Ort, von dem die biblische Geschichte erzählt, zu einem heiligen Ort? Es ist die Tatsache, dass dieser Ort unvermittelt zu einem Ort der Gottesbegegnung wird. An diesem Ort höre, spüre und erfahre ich, was mir von Gott her gilt: Dass er immer bei mir sein wird. Dass er mich beschützen wird. Dass er mich nie im Stich lassen wird – was auch passieren mag.

Es klingt wie ein Liebeslied Gottes an uns. Eine moderne Fassung dieses Liebesliedes haben wir kurz vor der Predigt gehört: Wherever you go, whatever you do, I will be right here waiting for you!
Wo auch immer du hingehst, was auch immer du tust, ich werde genau hier auf dich warten!
In diesem Lied erfahren wir nicht, wer eigentlich singt. Wir vermuten zunächst, es singt ein Part einer Liebesbeziehung. Es könnte aber auch Gott sein, der dieses Lied für jeden von uns singt.

Ich werde genau hier auf dich warten! Ein heiliger Ort, gut dass er durch einen Gedenkstein markiert ist, dass wir ihn wiederfinden.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ihr dürft und sollt euch auf den Weg machen, einen solchen Ort der Gottesbegegnung zu finden. Ihr seid in einer ähnlichen Lebenssituation wie dieser Jakob. Vielleicht nicht ganz so dramatisch. An dieser Stelle soll es nun nicht um die Frage der Schuld gehen, die Jakob auf sich geladen hatte.
Die Lebenssituation ist ähnlich, weil auch Ihr, liebe Jugendlichen, an einer Schwelle steht in einen neuen Lebensabschnitt. Zurück in die Kindheit könnt und wollt Ihr nicht mehr. Und das Erwachsenenleben steht mit vielen, auch Angst machenden Fragezeichen vor Euch.

Ihr steht auch an einer Schwelle. Und vielleicht wird Gott sich Euch – ähnlich wie bei Jakob – ganz unvermittelt zeigen. Dort, wo ihr es nicht erwartet hättet.

Ihr dürft aber auch auf die vielen Orte zurückgreifen, die sich eben genau in dieser Tradition des Stammvaters Jakob verstehen: Dieser Altar hier vorne in der Kirche ist genau der Ort, an dem schon viele Menschen vor Euch eben diese Erfahrung der Begegnung mit Gott machen durften. Ihr dürft zurückgreifen auf diese Tradition. Wir, die Generation der Eltern und Großeltern, geben Euch diese Tradition mit auf den Weg, zeigen Euch diesen Ort, weil dieser Ort für uns schon ein Ort der Begegnung mit Gott geworden ist.

An diesen Ort seid Ihr eingeladen. Und vielleicht – das ist meine tiefe Hoffnung für einen jeden für Euch – stellt sich ja auch heute bei Eurer Konfirmation eben diese Erfahrung ein: Dass ihr in dem Segen, den ich und Eure Paten Euch zusprechen, Gottes Nähe spürt.

6. „Meine drei heiligen Orte"

Und vielleicht geht Ihr ja heute nach Eurem Konfirmationsgottesdienst aus dieser Kirche hinaus und erzählt den Menschen, die Euch wichtig sind: Heute habe ich zu meinen bisher heiligen Orten, einen heiligen Ort für mein Leben dazu bekommen: Meine Kirche.

Und wer sich nicht so ganz sicher ist, ob er das heute schon sagen kann, der ist herzlich eingeladen, immer wieder hier her zu kommen, um nachzuschauen, ob sich nicht doch für genau einen entscheidenden Moment der Himmel auftut!

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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