Veröffentlicht am So., 10. Apr. 2011 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner

Predigt zu Matthäus 20, 28

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene.“
(Mt 20, 28)

Liebe Gemeinde,

in dem beeindruckenden Buch „Die Bücherdiebin“ schildert der Autor Markus Zusam die Zeit des Dritten Reiches aus der Sicht eines kleinen 10-jährigen Mädchens. Ihre Pflegeeltern verstecken im Keller einen jungen jüdischen Mann. Der junge Mann lebt im Keller, er muss mit Nahrung versorgt werden, in einer Zeit der Lebensmittelknappheit nicht einfach, er muss gepflegt werden, als er krank ist, die Nachbarn dürfen nichts erfahren, bei einer Kontrolle der Polizei entgeht er nur knapp der Entdeckung. Es ist eine gute Tat, aber eine gefährliche. Einen Juden verstecken wird mit Konzentrationslager und Tod bestraft. Warum tun Menschen so etwas, tun Gutes und setzten ihr eigenes Lebe aufs Spiel?

Eine Frau kümmert sich um ihre Schwiegermutter, die seit Jahren bettlägerig ist. Sie kann nicht aufstehen, sie kann nicht allein gelassen werden. Immer wieder ruft sie, braucht etwas, immer wieder muss nach ihr gesehen werden. Wenn der Gemeindepfarrer oder ein Verwandter die alte Frau besuchen, kann die Schwiegertochter für eine knappe Stunde aufatmen, etwas anderes tun, einmal kurz in den Garten hinaus gehen. Solche Momente sind für sie selten. Sie ist an diesen alten Menschen gefesselt. Die Schwiegermutter sollte es in ihren letzten Jahren noch gut haben, sie sollte nicht in ein Pflegeheim gebracht werden.

Warum tut die Frau das für ihre Schwiegermuter und verzichtet auf einen Teil ihres eigenen Lebens für eine andere Person?

Die Eltern freuen sich, dass ihr Sohn auf das Gymnasium geht, aber er tut sich mit dem Lernen schwer. Er hat bis jetzt jede Klasse geschafft, aber nur mit viel Mühe und Fleiß – und mit Unterstützung seiner Eltern. An jedem Tag lernen sie mit ihm, fragen Vokabeln ab, erklären Mathematik. Nicht immer ist der Sohn dabei geduldig. Oft kommt es zum Streit, doch die Eltern lenken immer wieder ein, helfen, motivieren, geben ihm am Nachmittag und am Wochenende unendlich viel von ihrer Zeit, bis er nach neun Jahren das Abitur geschafft hat.

Warum tun sie das, leben ihr eigenes Leben nach dem Rhythmus der Schule und verzichten auf ihre eigene Freizeit? Warum tun das Menschen? Für andere da sein, sich opfern, sich hintanstellen? Warum tun sie das? Aus Pflichtgefühl, aus Liebe, weil sie gutmütig sind? Menschen tun etwas für andere. Geben einen Teil ihrer Zeit, ihrer Kraft, ihrer Gesundheit.

Das ist gut. Nur so funktioniert unser Leben. Nur so funktioniert eine Gemeinschaft, nur wenn einer für den anderen da ist, kommt die Liebe zu uns Menschen. Man kann darüber reden, ob ein Mensch sich für eine Aufgabe wirklich aufopfern soll, auf alles verzichten, ganz und gar für einen anderen da sein soll. Man kann darüber reden, wieweit bei aller Hilfsbereitschaft man auch die Pflicht hat, an sich selbst zu denken. Darüber kann man reden. Nicht reden jedoch kann man, wenn ein Mensch nur für sich selbst da ist, wenn ihm die anderen egal sind, wenn er nur an eigenes denkt.

Jesus Christus war ein Mensch für andere. Es war sogar seine Aufgabe, für andere da zu sein.

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene“, heißt es im Evangelium (Mt. 20,28)

Auch der Gottessohn, stellt sich nicht außerhalb der Verpflichtung, für andere da zu sein. Der Sohn des Allmächtigen, der König der Welt, der Messias, der Lehrer und Rabbi, lässt sich nicht bedienen, sondern er dient anderen. Er wäscht seinen Jüngern die Füße, tut den Sklavendienst. Er trägt die Hitze des Tages und den Staub der Straßen, um zu den Menschen zu gelangen, die Liebe Gottes zu verkünden und die Krankheiten zu heilen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, tritt ein für die Wahrheit, macht sich nicht unbedingt Freunde, als er die Reichen und Scheinheiligen kritisiert und die Händler und Wechsler aus dem Tempel wirft.

Jesus Christus spricht vom Reich Gottes, wo die Menschen im Frieden mit einander leben, wo Hunger und Durst verschwinden, wo Liebe und Solidarität herrschen und er setzt sich in seinem Tun dafür ein.

Und was gilt davon für uns heute? Martin Luther hat vom Priestertum aller Gläubigen gesprochen. Wir alle haben Teil an der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden in Wort und Tat. Wir alle sind Kirche und darin hat ein jeder und eine jede seinen und ihren Platz. Da gibt es kein oben und unten, da gibt es keine guten und schlechten Plätze. Es geht nicht um Ober und Unter, um Ruhm und Anerkennung, auch nicht um Leistung und Versagen. Es geht darum, dass wir mithelfen am großen Werk Gottes für uns Menschen. Es geht um den Glauben, darum, dass wir getragen und gehalten sind von Gott mit unserem Können und unseren Begabungen aber auch mit unseren Schwächen und Misserfolgen. Sie alle, die Sie Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in unserer Gemeinde sind, sind in die Kirche eingebunden. Sie alle arbeiten und engagieren sich an Ihrem Platz, den Sie sich ausgesucht haben und den Gott Ihnen zugewiesen hat. Wir alle leben zusammen am Leib Christi und wir alle leben zusammen von der Liebe Christi und von der Gewissheit, dass wir bei ihm angenommen sind, so wie wir sind. Und wir alle dürfen aus dieser wunderbaren Botschaft heraus leben und sie weitersagen und weiterverbreiten unter allen Menschen.

Ich persönlich freue mich über diese Aufgabe und tue sie gerne, und ich bin sehr froh, dass ich sie mit Ihnen zusammen tun darf, mit den Menschen und für die Menschen, die uns anvertraut sind.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Siegfried Stelzner
Dekan

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