Veröffentlicht am So., 5. Aug. 2012 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner

Predigt zu 1. Mose 12, 1-4a:

"Und der HERR sprach zu Abraham: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abraham aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abraham aber ward fünfundsiebzig Jahre alt, da er aus Haran zog."

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

ich empfinde das als etwas ganz Schlimmes und Brutales, als etwas, das ganz viel Schmerz und Zukunftsängste hervorruft, was hier in Gottes Befehl von Abraham verlangt wird. "Geh aus deinem Vaterland, und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will."

Das ist wie bei den Boatpeople, die von der Nordküste Afrikas, auf kleinen überfüllten Motorbooten das Mittelmeer überqueren, um in Europa ein neues Leben aufbauen zu können. Wie gefährlich ist die Überfahrt, wie schmerzlich, Vater und Mutter, den Freund und die Heimat zurückzulassen! Ich denke an Menschen, die in diesen Tagen aus Syrien vor dem Bürgerkrieg fliehen.

Und manche von Ihnen werden an Ihr eigenes Leben denken, wie sie aus Schlesien, aus dem Sudetenland, aus Ostpreußen vertrieben wurden oder fliehen mussten, aus Siebenbürgen aussiedelten oder aus Kasachstan und ihren Hof, ihre Wohnung, ihre Heimat, ihre Dorfgemeinschaft zurücklassen mussten.

Weg müssen ist nicht schön. Vielleicht begreift man es am Anfang noch nicht, aber später wird die Erkenntnis und der Schmerz immer größer: Wenn ich meine Heimat verlasse, lass ich einen Teil meines Leben zurück, den Ort, wo ich mich auskenne, den ich liebe, wo mir alles vertraut ist, wo ich mir meine Zukunft vorgestellt habe - und es geht ins Ungewisse.

"Geh aus deinem Vaterland." Auch der, der nicht auf Grund einer großen politischen Katastrophe gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, bleibt von Aufbrüchen oft nicht verschont. Der Umzug der Eltern, der Beginn eines Studiums, ein beruflicher Wechsel oder ein dienstlicher Auslandsaufenthalt zwingen viele Menschen, das Vertraute hinter sich zu lassen und irgendwo an einem anderen Ort ein neues Leben anzufangen.

Manchmal zieht man nicht einmal aus seiner Stadt fort oder aus seiner Wohnung aus, und lässt trotzdem alles Vertraute zurück:
Wenn eine Krebserkrankung festgestellt wird, wenn ein Ehepartner stirbt, wenn die Partnerschaft zerbricht: Plötzlich ist man allein, ist man auf sich gestellt, die Stütze, der Halt fehlen. Freunde ziehen sich zurück und das Leben ist auf einmal ein anderes geworden. Wie geht es dann weiter? Geht es überhaupt weiter? Werde ich meinen Lebensunterhalt weiter verdienen können? Werde ich wieder Freude finden oder einen neuen Partner? Werde ich je wieder glücklich sein?

Abraham wird dieses Gefühl des Zweifels und der Unsicherheit auch gehabt haben: Was will Gott von mir? Warum muss etwas Neues kommen, wo es doch so in Ordnung ist, wie es ist? Was ist mit meinen Plänen, meinen Vorstellungen von der Zukunft? Was wird wohl kommen?

Aber genau besehen muss ein Aufbruch, muss etwas Neues ja nicht gleich ins Unglück führen. Im Gegenteil, mancher bricht auf, weil er auf einem neuen Weg eine Chance für sich sieht. Allein die Hoffnung auf ein besseres Leben lässt einen Bootsflüchtling die gefährliche Fahrt über das Meer wagen. Nur die Chance auf beruflichen Aufstieg veranlasst einen Arbeitnehmenden, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen oder eine Stelle in einer anderen Firma anzutreten.

Wer nichts wagt, der kann auch nichts gewinnen. Und so besteht bei einem Aufbruch, bei einen Weg aus den Alten und Vertrauten hinaus in ein neues Land auch immer eine Chance und eine realistische Hoffnung, dass sich die Lebenssituation verbessert und man neues Glück gewinnt, dass alles gut ausgeht und die neuen und zukünftigen Freuden die Trauer über die verlorene Heimat überstrahlen. Im Kirchenlied heißt es: „Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit."

Dem Abraham wird so ein weites und helles Land sogar direkt von Gott versprochen. Gott verheißt ihm in dem Land, das er ihm zeigen will, seinen Segen. Und noch dazu eine große Nachkommenschaft.

Vielleicht können auch wir, die wir immer wieder neue Aufbrüche auf uns nehmen müssen, uns an dem Versprechen des Segens Gottes orientieren. Wenn wir aufbrechen müssen oder aufbrechen wollen, dann haben wir doch in Gott einen Wegbegleiter. "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende" lesen wir in der Bibel.

Ja, auf Gott können wir schon hoffen und seinen Segen haben wir schon oftmals erlebt. Ja, wenn Gott mir seinen Segen schenkt, dann will ich wohl getrost aufbrechen. Wenn mein Leben gesegnet ist, dann kann ich davon ausgehen, dass es gut und erfüllt wird. Das ist es doch, was ich erreichen will. Ich brauche nicht Reichtümer, ich brauche nicht nur Glück und Erfolg, doch ich erwarte mir ein glückliches, stimmiges Leben. Ich bin da ganz realistisch: Wenn Gott mich in die Zukunft begleitet, dann werde ich dort nicht nur helle, sondern auch trübe Tage finden, dann werde ich mich nicht nur über Erfolge freuen, sondern muss auch Niederlagen hinnehmen, dann werde ich nicht immer in Hochstimmung sein, sondern muss auch die Trauer annehmen. Doch wenn dieses Leben am Ende rund und erfüllt wird, wenn die hellen und glücklichen Zeiten überwiegen, wenn Schwierigkeiten überwunden werden und neue Perspektiven auftauchen, wenn man am Ende sagen kann, ich habe ein erfülltes Leben gehabt, dann will ich zufrieden sein.

Ich denke, das Leben setzt sich aus sehr vielen Puzzlesteinen zusammen. Die gibt es in allen Schattierungen, da sind helle und dunkle dabei, da finden sich Zonen großer Bewegung und schöner Harmonie. Alles, was ich erlebe, findet darin seinen Platz und ordnet sich zu dem bunten Bild meines gelebten Lebens.

Wenn ich es mir dann rückblickend anschaue, kann ich feststellen, wie manche Erfahrung seinen Schrecken verloren hat, weil Gutes und Hilfreiches und Freundliches dem Schlimmen gefolgt sind. Dann sehe ich, dass ein schweres Ereignis sein Grauen verloren hat, weil es eingebettet ist in viel Helles und Schönes. Ja, da erkenne ich, dass dunkle Schatten in meinem Leben vielleicht sogar nötig waren, damit das Helle umso mehr strahlen kann. Und ich erkenne, dass ein Leben erst durch den Kontrast von Hell und Dunkel seine Schönheit gewinnt.

Man könnte den Abschnitt aus dem 1. Buch Mose, die Verheißung an den Abraham, auch als eine Beschreibung unseres menschlichen Lebens verstehen.
Wir brechen als Geschöpfe auf in ein weites und unbekanntes Land. Wir setzen einen Schritt vor den anderen, wir suchen unseren Platz im Leben, sind mit den Eltern und Verwandten unterwegs, erleben Glück und haben Erfolg, machen Durststrecken durch und nehmen Rückschläge hin.
Das Leben ist eine Reise, ein Aufbruch ins Unbekannte. Und alles fügt sich im Laufe der Jahre zum Bild unseres Lebens.

Gott geht diesen Weg mit. Er setzt den Rahmen, aus dem ich nicht hinausfallen kann.
Oder vielleicht anders, Gott ist der Autor, der Maler, der mein Lebensbild gestaltet. Er greift mit seiner gütigen Hand ein, rückt manches zurecht. Er achtet darauf, dass hell und dunkel, Schrecken und Freude in guter Mischung stehen und führt mich so sanft und mit großer Liebe in das Land, das er mir zeigen möchte. Er lässt mir selbst Raum, er überlässt mir Entscheidungen, er gibt mir Freiheit, doch er lässt mich nicht allein, er schenkt mir immer wieder rechtes Tun und Gelingen.

Er will mich segnen. Er schenkt mir einen Beruf, ein Kind, er schenkt mir Freude und lässt mich in der Niederlage nicht allein. Er trägt mein Leben. Er nötigt mich immer wieder aufzubrechen, er veranlasst, sorgt dafür, dass das Bild meines Leben immer bunter und vielfältiger wird, er führt mich durch Wüsten und blühende Gärten, aber er lässt mich nicht allein, er lässt meinen Fuß nicht gleiten, er bewahrt mich.

Ja, ich muss immer wieder aufbrechen. Ja, ich muss immer wieder Vertrautes verlassen. Aber ich gehe nicht ins Ungewisse, sondern Gott führt mich, lässt mich mein Leben gestalten, so dass es richtig wird, ein buntes Bild mit Schönheit und Würde.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Siegfried Stelzner
Dekan

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