Veröffentlicht am Mi., 31. Okt. 2012 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner

Predigt zu Galater 5, 1-6:

"1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So stehet nun fest und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasset, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist."

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

ihre ganze Jugend hatte sie in der Kleinstadt in Niederbayern gelebt. Nun endlich nach der Lehre will sie weg. Hinaus in die Welt, in die Großstadt, München oder Berlin. 
Doch dann ist es dort nicht das, was sie erwartet hat. Alles zu groß, zu hektisch, keine Freunde, nichts Vertrautes. Irgendwann will sie wieder nach Haus. Jahre lang war ein junger Mann mit seiner Freundin zusammen. Sie haben sich geliebt und einander vertraut, sich gestritten und einander auch verletzt. Schließlich war es aus. Es ging auseinander. Wie schwer ist es, auf einmal ohne diesen Menschen. Das Leben ist ein anderes. Er hatte seine Mutter kaum mehr besucht. Sie war alt geworden, hörte kaum noch, sprach wenig, er hatte ihr wenig zu sagen. Nun ist sie gestorben und der Schmerz überschwemmt ihn. Was habe ich versäumt, was wollte ich ihr noch sagen, was sie noch fragen? Sie fehlt ihm sehr.

Manchmal weiß man erst, wenn man es verloren hat, wieviel einem fehlt. Das ist ganz besonders bei der Freiheit so. Für viele Menschen, besonders in einem freien Land, wie dem unseren, ist die Freiheit etwas Selbstverständliches. Ich kann tun und lassen, was ich will, der Staat redet mir nicht drein, er verfolgt mich nicht, er diskriminiert mich nicht. Ich kann den Beruf wählen, den ich will, mit meinem Geld machen, was ich möchte, niemand verbietet mir meine Meinung.

Man merkt erst, was einem fehlt, wenn diese Freiheit verloren gegangen ist. Wenn man für seine Ansichten, seiner Religion oder Rasse verfolgt wird oder wegen der Zugehörigkeit zur Gewerkschaft oder Kirche eingesperrt wird. Die Freiheit zu hüten und zu bewahren ist unendlich wichtig. Unser Bundespräsident  wird nicht müde, für die Freiheitsrechte zu werben. Die Freiheit ist auch ein religiöses Thema. Wie ein Glockenschlag klingt der erste Satz des Predigttextes: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit." Wir sind frei, sagt Paulus. Gott will, dass wir die Verantwortung selbst in die Hand nehmen und unser Leben gestalten. Grenzen setzt nur die Liebe.

Paulus schreibt diesen Brief an die Gemeinden in Galatien, in der heutigen Türkei. Das ist ein Gebiet, in dem er selbst den Menschen den Glauben gebracht hat. Kleine, lebendige Gemeinden sind durch seine Predigt entstanden. Doch nach ihm haben andere Apostel die Gemeinden aufgesucht. Sie haben ein etwas anderes Evangelium gepredigt, als das des Paulus. Sie sagten: Bevor ihr Christen werdet, müsst ihr zunächst zum jüdischen Glauben übertreten, euch beschneiden lassen und euch an die Gesetze des Judentums halten. Erst durch die Einhaltung der Thora, durch das Hören und Befolgen des Gesetzes könnt ihr zu Gott kommen. 

Paulus bekämpft diese Botschaft. Nein, Gott nimmt uns als freie Menschen an. Wir stehen unter keinem Gesetz. Er hat uns als sein Gegenüber geschaffen, und Christus hat uns mitsamt unseren Sünden erlöst. Wir müssen nicht ängstlich auf das Gesetz schauen, sondern dürfen frei unser Leben gestalten, wenn wir Gottes Liebe trauen. Martin Luther hat diesen Gedanken des Paulus aufgenommen und ins Zentrum seiner Predigt gesetzt. Wir werden gerecht nicht durch die Erfüllung der religiösen Gesetze, sondern weil Christus für uns gestorben ist und uns erlöst hat, nicht durch eigenes Verdienst, sondern durch reine Gnade. Allein auf Christus (solus christus) kommt es an, sagt er, nicht auf Ablass, nicht auf die Vermittlung der Heiligen, nicht auf kirchliche Auflagen. Allein der Glaube an ihn befreit uns von allen Sünden.

Christen sind von niemandem abhängig, sagt Martin Luther weiter, auch nicht wenn es um das Verständnis der Bibel geht. Allein auf die Heilige Schrift (sola scriptura) kommt es an. Durch sie spricht Gott direkt zu uns, daher übersetzt Luther sie, damit sie jedem unmittelbar zur Verfügung steht. Und allein auf die Gnade kommt es an (sola gratia). Nicht durch Werke müssen wir uns den Himmel erwerben, wir dürfen unser Leben leben in Fröhlichkeit als gerechte Kinder Gottes.

Martin Luther schenkt mit seiner Auslegung den Menschen ein großes Maß an Freiheit. Nicht mehr die Angst, etwas verkehrt zu machen, dem Willen Gottes nicht zu genügen, bestimmt das Leben, sondern die Freiheit, die Erde zu bewohnen, die Gott uns geschenkt hat, als Kinder Gottes, die von Gott geliebt sind. Nur die Bibel (sola scriptura), nur die Gnade (sola gratia), nur Christus (solus Christus) wird zum Dreiklang des Lebens, zur Grundlage der Freiheit.

Deutlich macht Martin Luther aber auch, dass es keine grenzenlose Freiheit, keine Freiheit ohne Verantwortung geben kann. In seiner großen Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", die wir vor einem Jahr hier in der Christuskirche so anschaulich und plastisch vorgetragen bekommen haben, hießt es zu Beginn: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan."

Freiheit ist ein großes Geschenk, wird aber immer dann missbraucht, wenn sie einem nur zum Selbstzweck dient. Für den Blick auf Christus heißt dies, man soll seine Lebenshaltung an Christus ausrichten und dessen enge Beziehung zum Vater auch im eigenen Leben praktizieren.

Und auch der Umgang mit der Bibel darf nicht zur Selbstherrlichkeit führen, wo man meint, dass man selbst die richtige Auslegung für jede Lebenslage findet. 
Die Bibel ist keine Argumentationshilfe für die eigene Meinung, sondern man sollte sich   - wie Luther sagen würde - mit "Fleiß" mit dem Wort Gottes beschäftigen, es studieren und sich belehren lassen von guten Auslegungen der Frohen Botschaft. Und die Freiheit darf in Bezug auf die Gnade nicht dazu führen, ganz auf  Werke zu verzichten, sondern sich um seine Mitmenschen bemühen und ihnen helfen, wie es die Liebe von einem verlangt.

Wenn es das Gesetz nicht ist, so ist es die Liebe, die die Richtschnur und die Messlatte für uns geworden ist. Ein Christ kann sagen "Ich bin so frei." Das klingt selbstbewusst und zeugt von Unabhängigkeit. Wer sagt "Ich bin so frei", der wird sich als einzelner nicht fürchten, unerschrocken seine Meinung zu sagen, die Wahrheit nicht verstecken, und sich nicht scheuen, sich auch einmal unbeliebt zu machen.

Wenn eine Kirche sagt "Wir sind so frei", dann wird sie sich einsetzen überall dort, wo Freiheit beschnitten wird, dann wird sie das Sprachrohr sein für die verstummten und die mundtot gemachten, dann wird sie auch unangenehme Themen auf die Tagesordnung bringen, auch wenn das nicht jedem so gefallen wird.

Und wenn ein Kirchenvorstand sagt "Wir sind so frei", dann wird er sich in der Gemeinde dafür einsetzen, dass jeder sich in der Kirche zu Hause fühlen kann, dann wird er die Türen öffnen für die Kinder und Jugendlichen und ihre Lebendigkeit aushalten, dann wird er sich einsetzen für Recht und Gerechtigkeit und für die Schöpfung, dann wird er dafür sorgen, dass die  Obdachlosen beherbergt werden und dass für die Entrechteten gebetet wird.

Wer frei von den Anforderungen Gottes ist, der wird keine Angst haben, weder vor der Verdammnis oder der Hölle, noch vom Gerede oder gar dem Spott anderer Menschen.
Sondern der wird seinen Auftrag erfüllen, indem er sein Leben anpackt, die Chancen nutzt, die Gott ihm gibt und sich einsetzen für seine Mitmenschen und die Welt. Denn ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Siegfried Stelzner
Dekan

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