Veröffentlicht am So., 18. Nov. 2012 10:00 Uhr
Ansprache bei der öffentlichen Gedenkfeier der Stadt Landshut zum Volkstrauertag am 18.11.2012 in der Freyung

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und mehr als 8 Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg versammeln sich am heutigen Tag in allen Städten und Gemeinden unseres Landes Menschen, um in Stille und Würde an die Ereignisse, an die Ursachen und Konsequenzen zweier verheerender Weltkriege zu erinnern und deren Opfer zu gedenken. Uns vereint an diesem Tag die Trauer über das Leid, das durch Krieg über Menschen gekommen ist und uns schließt der feste Vorsatz zusammen, dass Krieg und Aggression nie mehr von unserem Volk ausgehen dürfen.

Es muss feste Absicht aller Menschen in unserem Land sein, die Opfer von Krieg und Gewalt nicht zu vergessen. Wir denken an die Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind, an die zivilen Opfer, die im Bombenregen oder durch Flucht und Vertreibung umgekommen sind oder ihre Häuser und ihre Heimat verloren haben. Wir wollen die Menschen nicht vergessen, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind, die in Gefängnissen und Konzentrationslagern gequält und getötet wurden oder in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Wir denken mit Scham an die 6 Millionen Juden, die getötet wurden, an die Angehörigen der Sinti und Roma und anderer Volksgruppen, an alle, die aufgrund ihrer politischen Einstellung, ihrer Religion, ihrer sexuellen Neigung verfolgt und getötet wurden. Wir gedenken der Menschen, die im Widerstand gegen das unmenschliche Nazisystem ihr Leben gelassen haben.

Wir erinnern an die Opfer der Kriege weltweit.

Unsere Gedanken gehen in die Kriegs- und Krisenregionen, in denen auch am heutigen Tag die Waffen nicht schweigen, besonders nach Syrien und Palästina. Wir denken an Afghanistan und an alle Regionen, in denen Soldaten der Bundeswehr und anderer Armeen bei friedensbringenden oder friedenserhaltenden Missionen ihren Dienst tun. Wir sind ihnen nahe in unseren Gedanken und auch mit unseren Gebeten.

Wir sind hier versammelt am Volkstrauertag. Es ist gut, dass wir diesen Gedenktag haben. Vor 90 Jahren, im Jahre 1922, fand im Deutschen Reichstag die erste Gedenkstunde für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges statt. Dieser Gedenktag war vom "Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge" vorgeschlagen und seit 1919 praktiziert worden. Aus dem damaligen "Gedenktag für deutsche Gefallene" ist ein Tag der Trauer für alle Kriegsopfer und ein Tag der Besinnung und der Mahnung für den Frieden geworden. Das ist gut so.

Wir brauchen diesen Gedenktag, denn in unserem Volk darf nicht vergessen werden, was diese beiden Kriege für die Menschen in unserem Land an Schrecken und Leid gebracht haben. Überhaupt müssen wir uns die Frage stellen, auf welche Weise die Erinnerung an unsere Geschichte im Bewusstsein unserer Bevölkerung lebendig bleibt. Es gibt mittlerweile nicht mehr so viele Menschen, die die Kriegsereignisse selbst miterlebt haben. Die Nachkriegsgeneration, zu der auch ich mich zähle, kennt all dies nur noch aus Erzählungen. Damals, als ich Kind und Jugendlicher war, wurde sehr viel vom Krieg erzählt. Meine Geschwister und ich wurden durch diese Berichte mit hereingenommen in die jüngste Vergangenheit unserer Familie und unserer Gesellschaft. Ich erinnere mich genau an die Erzählungen meiner Großmutter, die mit einem Leiterwägelchen durch den Winter von Liegnitz Richtung Westen zog. Meine Tante brachte mir die Gewalt des Feuersturms über Dresden nahe, in dem sie vergeblich versucht hatte, das in Brand geratene Elternhaus zu retten. Durch die Erzählungen meines Vaters hörte ich von seiner Kriegsgefangenschaft in Belgien und von seinem Kampf ums Überleben. Und in der Schule gab es noch Lehrer, die im Unterricht von ihren Kriegserlebnissen berichteten. Ich bin dankbar für diese Erzählungen, denn sie prägten meine Sicht auf die Vergangenheit und ließen in mir die feste Überzeugung wachsen, dass solche Ereignisse nicht wiederkommen dürfen.

Heute sind Zeitzeugen rar geworden. Wer erzählt unseren Kindern und Enkeln aus dieser Zeit? Es ist gut, dass in den vergangenen Jahren verstärkt Mahnmale und Erinnerungsstätten errichtet wurden. In vielen Städten werden Stolpersteine verlegt. Lehrer erforschen mit ihren Klassen das lokale Umfeld, recherchieren, welche Rolle einzelne Personen im Dritten Reich gespielt haben, fragen nach, wo Juden gewohnt haben und welches Schicksal sie erlitten. Wie wichtig ist solche Erinnerungsarbeit!

Wie wichtig ist es, dass wir uns den Wert von Frieden und Demokratie vor Augen halten. Wer in Freiheit aufgewachsen ist, dem fällt es schwer, sich vorzustellen, wie es auch anders sein könnte. Wer einer Generation angehört, die keinen Krieg im eigenen Land mehr erlebt hat, kann sich das Leid des Krieges und die Angst vor Waffengewalt nicht mehr vorstellen.

Wir dürfen nicht müde werden auf unser Gesellschaftssystem zu achten. Wir dürfen nicht meinen, Demokratie und Freiheit ist etwas, das, einmal errungen, uns selbstverständlich und unbegrenzt zur Verfügung steht. Und wir müssen hellwach sein, wo durch bewusste Stimmungsmache oder auch durch Nachlässigkeit oder Gedankenlosigkeit, die Rechte von Randgruppen missachtet und die Würde von Menschen beschädigt wird. Wir haben die Pflicht gegen rechtsextremes Gedankengut die Stimme zu erheben, uns wehrhaft zu zeigen und mit allen zur Verfügung stehenden demokratischen Mitteln und mit Mut und Entschlossenheit, Auftritten von Gruppen entgegenzutreten, die mit menschenverachtenden Parolen durch unsere Stadt ziehen wollen.

Der Volkstrauertag würde seinen Sinn verfehlen, wenn er als ein alljährliches Ritual gesehen wird, an dem teilzunehmen wir uns zur Pflicht gemacht haben. Der Volkstrauertag gewinnt erst seinen Sinn, wenn zum Erinnern und Gedenken der aktive Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde tritt. Wir sind aufgerufen, uns mit Kraft, Mut und Konsequenz für einen demokratischen und menschlichen Staat einzusetzen und damit beizutragen, dass die Völker auf der ganzen Erde in Frieden, Würde und Freiheit friedlich zusammenleben können. Dies sind wir nicht nur den Opfern der vergangenen Kriege schuldig, sondern auch den jungen Generationen für deren Zukunft wir heute die Verantwortung tragen.

Dekan Siegfried Stelzner
Landshut

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