Veröffentlicht am So., 11. Aug. 2013 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner

Predigt zu Lukas 7, 36-50

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

für mich gehört diese Geschichte zu den beeindruckendsten und anrührendsten Abschnitten, die in der Bibel zu finden sind. Bei einem Gastmahl im Haus eines vornehmen Bürgers kommt eine Frau zu Jesus. Man kennt sie als Sünderin, nach landläufiger Meinung der Ausleger eine Prostituierte. Sie fragt nicht, sie hält sich nicht an die Sitte, sie tut, was ihr  Herz ihr eingibt. Sie tritt zu Jesus, benetzt seine Füße mit Tränen, trocknet sie mit ihren Haaren, salbt sie mit Öl. Was ist in die Frau gefahren? Woher nimmt sie den Mut und woher nimmt sie die Liebe für den Menschen Jesus, dem offenbar ihr Herz gehört?

Ich habe große Sympathie für diese Frau, die sich traut, ihre Gefühle so offen zu zeigen.

Sie ist nicht geladen. Sie ist schon gar nicht erwünscht. Sie müsste sich nicht wundern, wenn sie  hinausgeworfen wird. Sie muss mit Anfeindung rechnen, mit Beschimpfungen, vielleicht sogar mit Prügel. Ja, sie konnte nicht einmal sicher sein, ob nicht auch Jesus sie zurückweisen würde. Aber ihr Herz zieht sie zu dem Mann, dem sie danken will.  Sie kümmert sich nicht um die Menschen, die sie scheel ansehen, sondern lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Sie tut das, was ihr Herz ihr sagt.

Jesus lobt diese Frau und ihren Glauben. Sie hat verstanden, was Gott ihr schenkt. Sie ist dankbar, dass Gott sie nicht fallen lässt, trotz ihres liederlichen Lebens. Sie ist überwältigt, dass der zu ihr hält, wo alle anderen Menschen sie verachten.

Dagegen beobachtet der Gastgeber, als sein Name wird Simon genannt, die Szene eher kühl. Ihn interessiert die Reaktion von Jesus. Fast genüsslich stellt er fest, dass es mit den prophetischen Gaben des Meisters wohl doch nicht so weit her sein kann, dass der nicht erkennt, mit welcher Art von Frau er sich da einlässt.

Doch Jesus dreht den Spieß gegenüber dem Gastgeber um:

Er will gar nicht bestreiten, dass der Pharisäer sich in seinem Leben wenig zu Schulden kommen lässt, dass er ein weit besserer Mensch ist, als diese Frau. „Aber warum zeigst du mir dann so wenig Liebe?“, fragt er ihn.

Und so steht der Pharisäer Simon, trotz seines untadeligen Lebens als liebloser, oberflächlicher Mensch da, während die Sünderin plötzlich zum Vorbild geworden ist.

„Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Waser für meine Füße gegeben, diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren abgetrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben, diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.“ (Lk. 7, 44-46)

Bisher war es der Gastgeber, der geachtet war, denn er, als frommer Mann,  hat wenige Sünden. Doch nach Jesu Worten wird auf einmal klar, dass das ja gar nicht so ein großer Vorteil sein muss. Wer Weniges zu bereuen hat, wer untadelig lebt, wer den Eindruck hat, dass bei ihm alles in Ordnung ist, wer das Gefühl hat, es schon ganz gut alleine zu schaffen, der braucht Gott nicht, der steht in der Gefahr, die Dankbarkeit und die Liebe zu Gott zu vernachlässigen.

Es ist charakteristisch für die Botschaft Jesu, dass sie unsere Blickrichtung verändert. Jesus stellt Menschen als Vorbilder hin, die im Allgemeinen keine Beachtung finden würden. Er stellt ein Kind in die Mitte, und sagt all den klugen und verständigen Männern und Frauen: So sollt ihr werden. Er verweist auf die Vögel im Himmel, die nicht säen, nicht vorsorgen, sondern sich in ihre Sorglosigkeit auf die Gnade Gottes verlassen. Er preist den Friedfertigen selig, der sich lieber zum zweiten Mal schlagen lässt, als sich durch Gewalt an einem Mitmenschen zu versündigen. An denen, die andere belächeln, missachten, übersehen, findet er etwas, das als vorbildlich dienen kann und er öffnet uns die Augen, so dass wir es auch erkennen.

Bei der Sünderin ist es ihr Herz, das vor Liebe überfließt, ihre große Dankbarkeit für das Geschenk Gottes, dass er sie wahrnimmt, dass er sie trotz ihrer Sünde schätzt und liebt und gelten lässt in all ihrer Schwachheit und ihrer Not.

Ich habe auch so einen Menschen kennengelernt in meiner Jugend. Diese  Frau führte ein Leben, das nicht zum Herzeigen geeignet war, das sie aber mit großer Liebe und tiefer Frömmigkeit ausgefüllt hat. Mit Hoffnung und Gutmütigkeit hat sie darin jedem Elend und jeder Resignation getrotzt.

Während meiner Kindheit  wohnte sie in unserer Nachbarschaft. Sie hatte sieben Kinder, mit denen meine Geschwister und ich immer wieder spielten. Ihr Mann war alkoholkrank. Er hat nicht mehr gearbeitet, später ist er an den Folgen des Alkohols gestorben.  Das Haus, in dem sie lebte, war alt und baufällig. Sie hatte einen verwilderten Garten, von dem die Familie sich ernährte, fütterte ein Schwein und hatte Hühner, die überall herumliefen. Alles wirkte provisorisch und notdürftig. Aber die Frau, mitten in diesem Elend, die war liebenswert. Herzensgut war sie, immer optimistisch, voller Hoffnung und Vertrauen. Sie sorgte für ihre Kinder wie eine Bärenmutter, sie hatte ein weiteres Herz. Selbstverständlich bekamen auch wir von dem Brot ab, das sie ihren Kindern abschnitt. Und einem armen Dorfbewohner, der seinen Unterhalt mit Schnitzereien verdiente, kaufte sie immer etwas ab. Dabei hatte sie selbst nichts.

Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir nicht verboten, dorthin zugehen. Ich habe bei dieser Familie gelernt, was Armut bedeutet und wie man trotz schwieriger Umstände seine Würde behalten kann. Und ich habe gesehen, was Liebe und Herzensgüte bewirken kann. Ich muss manchmal an diese Frau denken. In ihrer Güte, in ihrem Optimismus ist sie ein Vorbild für mich geworden.

Ich komme zurück zur Geschichte von der Sünderin beim Gastmahl bei Simon, dem Pharisäer. Sie endet damit, dass Jesus der Frau ihre Sünden vergibt, dass er ihr sagt: „Dich trennt nichts von Gott. Er nimmt dich an, trotz deiner liederlichen Lebensweise.“ Mehr kann man nicht bekommen und das ist ein schönes Ende für diese Geschichte.

Aber wie geht es weiter mit Simon, dem Pharisäer? Hat er die Lehre Jesu verstanden? Oder bleibt er „nur“ ein gerechter Mann, der die Gebote hält, sich selbst mehr als Gott vertraut und damit nichts von der Liebe und der Dankbarkeit weiß, die die Sünderin zum frohesten Menschen der Welt gemacht hat.

Im Evangelium erfahren wir leider nichts mehr davon. Aber wenn man seine Phantasie benutzt …

Vielleicht könnte es mit Simon so weitergegangen sein:

Simon schlief schlecht in dieser Nacht. Die Worte Jesu, die Kritik an seiner Gastfreundschaft waren ihm nahegegangen. Die Sicherheit seines Lebens war dahin. Bin ich tatsächlich der gute Mensch,  für den ich mich bisher immer gehalten habe?

Am nächsten Morgen fragt er die Magd, die ihm die Milch zum Frühstück bringt, aus einer Laune heraus, wie es ihr geht, fragt nach ihrer Familie, ihren Eltern. Die Magd ist erstaunt, dass ihr Herr sich für sie interessiert. Tatsächlich interessiert sich Simon nun für die Menschen. Er grüßt auf der Straße die Knechte und Mägde, die Bauern und Handwerker, er fragt nach ihrem Befinden und ihren  Sorgen. Er gibt der Mutter, deren Kind krank ist, eine Münze und weist den Bettler nicht mehr ab an der Türe. Wenn ihm die Sünderin begegnet, die Jesus die Füße gewaschen hatte, wechselt er nicht, wie früher, die Straßenseite, sondern grüßt auch sie.

In sein Haus kommen nun keine Gäste mehr und in der Synagoge sitzt er allein auf der  Bank, wo seit alters her sein Platz ist. Die Glaubensgenossen lassen sich anderswo im Gotteshaus nieder.

Aber sein Leben ist nicht einsamer und leerer geworden. Im Gegenteil. Er merkt, wie ihn die einfachen Menschen im Dorf achten, wie sie sich über seinen Gruß freuen, wie sie größer werden, wenn er sie anblickt und selbstbewusster, wenn er mit ihnen redet.

Oft muss er an Jesus denken. Wer viele Sünden hat, der empfindet große Liebe und Dankbarkeit. „Ich hatte früher wenige Sünden“,  denkt er, „Ich führte ein untadeliges Leben, habe alle Gebote beachtet, hatte aber doch eine größere Sünde als alle Diebe und Halunken: Bei mir hatte sich der Hochmut eingenistet. Doch davon ist mein Leben nun frei geworden. Gott hat mir vergeben. Mein Herz ist froh und dankt Gott. Nun spür ich das Leben erst. Nun weiß ich, was Liebe heißt. Ich danke meinem Gott.“

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Siegfried Stelzner
Dekan

Kategorien Predigt Dekan Stelzner