Veröffentlicht am Do., 31. Okt. 2013 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dekan Siegfried Stelzner
Bachkantate "Wachet auf, ruft uns die Stimme" (BWV 140)

Predigt zu Jes 62, 6-7 + 10-12

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

Wächter allenthalben.

„Wachet auf, ruft uns die Stimme des Wächters sehr hoch auf der Zinne“, so hören wir es stimmgewaltig von der Empore. Aber auch der Predigttext, der für den Reformationstag vorgesehen ist, stellt uns das Bild der Wachposten auf den Mauern Jerusalems lebendig vor Augen.

Ein Wächter hatte in früheren Zeiten eine wichtige, ja lebenswichtige Aufgabe. Auf dem Wachtturm, auf dem höchsten Kirchturm der Stadt, oder wie hier im Bibeltext, auf den Zinnen der Stadtmauern, steht er und beobachtet genau alle Vorkommisse in seinem Umfeld. Seine Aufgabe ist es zu warnen, Alarm zu schlagen, falls sich etwas Verdächtiges oder Gefährliches zeigen sollte, wie das Herannahen von Feinden oder Feuer in der Stadt. Durch die Straßen patrouillierte der Nachtwächter. Er war für die Ruhe und Sicherheit der Bürger verantwortlich, warnte vor Dieben und Halunken.

Die Zeiten, in denen man einen Wächter benötigte, sind vorbei. Sogar der Beruf eines Parkwächters ist aus der Mode gekommen. Aber die Aufgabe des Wachens, des Warnens, des Alarmschlagens, die ist nach wie vor nötig. Jemand muss doch Alarm schlagen, wenn im Mittelmeer vor den Augen der Weltöffentlichkeit Männer, Frauen und Kinder auf dem Weg nach Europa ertrinken. In den Fabriken Asiens nähen Arbeiterinnen unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn die Kleidung, die wir in unseren Boutiquen kaufen.

Tausende von Menschen finden keine Arbeit, sind als Langzeitarbeitslose ausgemustert, weil sie wegen ihres Alters, einer Krankheit oder einer Behinderung im anstrengenden, kräftezehrenden Arbeitsalltag keinen Arbeitgeber mehr finden. Vielleicht muss mancher von uns auch aufgerüttelt werden, was sein eigenes Leben, seine eigene Gesundheit betrifft: Wie viel Stress, wie viel Alkohol, wie viele Medikamente muten wir unserem Körper zu?

Es braucht „Wächter“, die diese erschütternden gesellschaftlichen Vorkommnisse beim Namen nennen, die die Menschen informieren, aufrütteln, zum Handeln bewegen. Oft sind es Journalisten oder andere mutige Menschen, wie der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, der den Kampf gegen den mächtigen amerikanischen Geheimdienst aufgenommen hat. Auch in unserer, ebenso wie in der Katholischen Kirche gibt es Menschen, die die Verantwortung für die Welt und die Menschen in ihr wahrnehmen, die sich für Frieden einsetzen, wie Pax Christi oder für die Umwelt, wie die vielen Gruppen, die im Zusammenhang mit dem Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung entstanden sind.

Martin Luther war selbstverständlich auch so ein Wächter. Er erkannte klarer als andere, was nicht in Ordnung war in Kirche und Gesellschaft. Er hat gesehen, dass den Menschen etwas vorgemacht wird, wenn ihnen gesagt wird, dass man durch Geld oder durch gute Werke zur Seligkeit gelangen kann. Er hat mit dem Wort, mit seinen Predigten und Büchern dafür geworben, dass an Stelle der Werkgerechtigkeit der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes tritt, an den Gott, der uns unser Fehlverhalten vergibt, allein aus seinem Willen, seiner Barmherzigkeit heraus. Martin Luther wollte damit keine Kirche spalten, ganz im Gegenteil, er wollte, dass alle Menschen die wahre, an der Bibel orientierte Kirche schätzen und für ihr Leben ernst nehmen.

Es scheint mir so, als wäre in unseren Tagen Papst Franziskus so ein Wächter. Er stellt die Privilegien und den Luxus der Kirche zur Diskussion. Er will die Augen öffnen für den wahren Auftrag der Kirche. Diese muss sich vorrangig an den Kleinen, den Armen, den Benachteiligten orientieren, so wie Jesus es getan hat. Ich glaube, diese Botschaft des Papstes ist für uns evangelische Christen genauso wichtig. Trotz unserer Diakonie und unserer prinzipiellen Nähe zu sozialpolitischem Denken sollten auch wir unsere Ausgaben und unsere Schwerpunkte bei der kirchlichen Arbeit überprüfen.

„Wachet auf ruft uns die Stimme“, die Bachkantate, der Choral zielt damit ab auf ein Gleichnis Jesu aus Mt. 25, das Sie bestimmt kennen. Zehn Jungfrauen sollen mit ihren Öllampen den Bräutigam zum Fest geleiten. Doch dessen Ankunft verzögert sich und das Lampenöl, das für eine so lange Zeit nicht berechnet ist, geht zur Neige, so dass die Lampen verlöschen. Als dann endlich der Wächterruf den Bräutigam ankündigt, ist nur ein Teil der Frauen vorbereitet. Die klugen Jungfrauen haben Ersatzöl dabei und dürfen mit zur Hochzeitsfeier, die anderen haben die Stunde versäumt, ihre Chance vertan und bleiben ausgeschlossen.

Die Erfahrung des Wartens, verbindet dieses Gleichnis mit dem Predigttext bei Jesaja. Dieser trifft in die Zeit nach der Rückkehr der Menschen aus der Gefangenschaft in Babylon. Mit großer Freude war die Ankunft in Jerusalem, der zerstörten Stadt, gefeiert worden. Doch nun stockte alles. Der Aufbau der zerstörten Häuser zog sich hin. Niemand hatte Mut und Kraft voranzugehen. Die Menschen hatten den Eindruck, Gott habe sie nach wie vor verlassen. Das Volk war zurückgekehrt in die Gottesstadt Jerusalem, aber Gott selbst schien noch nicht zurück zu sein in seinem Tempel auf dem Berg Zion.

Und auch uns ist ja so eine Erfahrung des Wartens nicht fremd. Manchmal dauert alles so lange! Wir reden vom Frieden, von der Bewahrung der Schöpfung, es gibt Unterschriftenlisten und Demonstrationen seit Jahrzehnten - doch es ändert sich einfach nichts. Wir hören von Flüchtlingselend von Lampedusa beinahe täglich – doch niemand in der Politik scheint zu reagieren.

Hilft da nur geduldig zu bleiben, zu warten und bereit sein, wenn die Stunde da ist, wo das Handeln Sinn macht? Die Jungfrauen im Gleichnis, die machen es so. Sie warten auf den Augenblick, wo es voran geht, wo der Bräutigam kommt – und dann handeln sie, weil sie darauf vorbereitet sind.

Interessant ist es, wie die Menschen im zweiten Text, dem des Jesaja, im zerstörten Jerusalem reagieren. Auch sie warten ab, es bleibt ihnen auch gar nichts anders übrig. Aber sie legen die Hände nicht in den Schoss. Sie fordern lautstark Hilfe von Gott. Sie bestimmen Menschen – interessanterweise werden die auch Wächter genannt - die Gott auf ihre traurige Lage aufmerksam machen sollen. Sie stehen auf den Zinnen der Stadt und beten zu ihm. Sie bitten um sein Kommen und erinnern ihn an sein Versprechen: „Ihr seid mein Volk und ich bin euer Gott.“

Mir erscheint dieser Weg, Gott in die Pflicht zu nehmen, zu ihm zu schreien, ihn anzuflehen, ja beinahe ihn zu drängen, nicht nur erlaubt, sondern geradezu gefordert. „Bittet, so wird euch gegeben“, hat Jesus später gesagt.

Von diesem Wort her hat unser Fürbittgebet, das wir im jedem Gottesdienst am Ende halten, seine Berechtigung. Wir beten, wir bitten als gottesdienstliche Gemeinde darin für andere. Wir bringen den Hunger der Welt vor Gott, das Elend der Flüchtlinge und Gefangenen, die Kranken und Sterbenden. Mit dem Gebet bleiben uns die Probleme der Welt nahe. Wir beschränken uns nicht auf das Lob, auf das „Halleluja“ singen, sondern wir behalten die Not der Welt im Blick. Wir tragen sie vor Gott und wir rühren unsere Hände zur eigenen tatkräftigen Hilfe.

Die Gemeinde in Jerusalem hat mit ihrem Gebet Erfolg gehabt. Der Abschnitt endet mit der Ankündigung, dass Gott kommt. Die Menschen werden aufgefordert, die Wege und Straßen dafür vorzubereiten.

Könnte das auch für uns gelten? Auch uns ist ja von Gott eine Welt versprochen, in der es kein Elend und keine Schmerzen, keinen Hunger und Einsamkeit mehr gibt, eine Welt in der uns Gott nahe ist. Vielleicht hält das mancher für eine fromme Vertröstung, Opium für das Volk, wie Karl Marx gesagt hat. Ich halte es für eine Hoffnung, die uns lebendig und einsatzfreudig erhält. Mit dieser Zukunft vor Augen fällt es mir leichter zu warten, bis Gott wieder in seine Welt kommt. Und mit dieser Hoffnung kann ich handeln und mich für die Menschen hier schon jetzt einsetzen.

Und schließlich kann ich mit dieser Hoffnung Gott loben und voller Freude hören und singen, wie Bach es grandios komponiert hat und die Musiker es uns in großer Meisterschaft vorgetragen haben: „Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelszungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön… Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat je gehört solche Freude. Des sind wir froh. Ewig in dulci jubilo.“

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Siegfried Stelzner
Dekan

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