Veröffentlicht am So., 22. Mär. 2015 10:00 Uhr
Ansprache an Judika, 22.03.2015, in der Christuskirche Landshut

Gen 22, 1-19

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.  Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.  Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht. Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und Abraham blieb daselbst.

Vor schwerer Entscheidung

Liebe Gemeinde,

was ist das nur für ein Gott!

Wie kann er einen Vater in solche Gewissensqualen stürzen?! Wie kann er ihm zumuten, seinen eigenen Sohn zu opfern? Und selbst, wenn dies als Prüfung gedacht war, so ist diese Prüfung aus meiner Sicht unbarmherzig und eigentlich nicht erlaubt.

Was wäre das für ein Gott!

Und weil hier das Verhalten Gottes gar nicht verstanden wird, weil es uns graust vor so einem unbarmherzigen, kalten Gott, weil wir diesen Gott sonst gar nicht kennen, gar nicht erleben in den vielen anderen Geschichten der Bibel, weil uns dieser grausame Gott fern ist und wir ihn ablehnen, deshalb ist uns auch diese Geschichte von der Opferung des Isaak fremd und unverständlich.

Heute nun ist uns diese Geschichte aber als Predigttext vorgegeben. Und ich werde mich diesem schwierigen Thema wohl stellen müssen.

Doch wie ist die Geschichte zu verstehen? Warum steht sie in der Bibel? Und was soll ich Ihnen über diesen Gott sagen?

Gelehrte Theologieprofessoren haben darüber geforscht und sich ihre Gedanken gemacht, und die sagen es so:

Diese Geschichte will gar nicht das Verhalten Abrahams erzählen, sondern sie handelt vom Kult, von der Opferpraxis im Tempel von Jerusalem. Diese Geschichte ist eine sogenannte „Kultlegende“, also eine alte Erzählung, die einen bestimmten Brauch während des Gottesdienstes oder einen bestimmten Kult erklärt.

Diese Erzählung begründet, warum es in Israel keine Menschenopfer gibt. Denn im Tempel von Jerusalem wurden ausschließlich Tiere zum Opfer dargebracht: Schafe, Widder, Tauben. Außerhalb Jerusalems, bei den Völkern der Umgebung, war das anders. Dort gab es durchaus Menschenopfer.

Unter einem der Tore einer Stadt in Galiläa machten Archäologen bei einer Ausgrabung im letzten Jahrhundert einen grausamen Fund. Unter der Türschwelle des großen Stadttors fanden sie das Skelett eines Kindes. Es war offensichtlich dort bestattet worden. Für die Frage, warum man ein Kind unter einem Stadttor begräbt, gibt es nur eine Erklärung: Dieses Kind war eine Opfergabe, ein Opfer an einen Gott, mit dem die Bewohner beim Bau ihrer Stadtmauer den Segen Gottes für ihre Stadt erflehen wollten.

Das Volk Israel hat so etwas nicht getan. Ihr Gott hat keine Menschenopfer verlangt. Ihr Gott war nicht so grausam. Um das zu begründen und zu erzählen, warum Gott sich mit Tieropfern begnügt, wurde die Geschichte von Abraham und Isaak überliefert. Hier wird gezeigt, dass es Gott nicht auf ein Menschenopfer ankommt, sondern auf die Bereitschaft, ihm zu gehorchen und ihm zu dienen. Zum Opfer reicht ein Tier allemal. Die Geschichte handelt also gar nicht von einem grausamen Gott, sondern im Gegenteil von einem zutiefst menschlichen, barmherzigen  Gott.

Aber ich sage Ihnen, die Geschichte würde nicht in der Bibel stehen, wenn sie uns nicht noch mehr zu sagen hätte, als eine bestimmte Anforderung der Priester an die Menschen zu begründen.

Geschichten stehen in der Bibel, weil sie uns etwas über unser Leben erzählen können, weil wir uns in den Figuren der biblischen Geschichten selbst wiederfinden können. Und da hat meiner Ansicht nach diese Erzählung viel zu bieten.

Schauen wir nun einmal nicht auf das Verhalten und die unzumutbare Forderung Gottes, sondern schauen wir auf den Abraham, wie es ihm ergeht in dieser Geschichte.

Abraham steht vor einer kaum zu bewältigenden Entscheidung. Zwei Wege liegen vor ihm und einer ist so grausam wie der andere. Wer kann seinen Sohn opfern, das Liebste, was ein Vater haben kann? Aber anderseits, Gott den Gehorsam zu verweigern, dem Gott, dem er alles in seinem Leben verdankt, der ihm immer geholfen hat, ihn begleitet hat auf dem gefährlichen Weg nach Israel, der ihm nach vielen Jahren des Wartens endlich einen Sohn geschenkt hat, der ihm eine reiche Nachkommenschaft versprochen hat. Wie kann Abraham diesem Gott den Gehorsam verweigern! Er käme sich schäbig vor, er würde damit seine Prinzipien, seine Lebensgrundlage, seinen Glauben über Bord werfen.

Doch welchen Weg soll er gehen? Wie soll er sich entscheiden? Beide Wege führen in die Dunkelheit und in das Leid.

Ich muss an Jesus denken, der 1000 Jahre nach Abraham im Garten Gethsemane gebetet hat. Soll er den Weg, den ihm sein Vater vorbestimmt hat, gehen, in das grausamste Leid und den Tod. Oder soll er sich für das Leben entscheiden und damit gegen Gott?

Solche Entscheidungssituationen sind grausam. Sie nehmen einen gefangen, sie lassen einen nicht los - doch sie sind uns Menschen manchmal aufgegeben.

Ein junger Mann möchte Entwicklungshelfer werden oder ein Landarzt und selbstlos für Menschen da sein. Da lernt er eine junge Frau kennen, die für ihr Leben einen ganz anderen Plan hat. Sie träumt von einem Beruf in den Zentren der Welt, in der Medienbranche oder der Wirtschaft. Sie will in der Großstadt leben, sie braucht Kontakte und Verbindungen. Nach Afrika, in ein Dorf, zu einer Landarztpraxis zu gehen, das ist für sie keine Perspektive. Wie soll sich der junge Mann entscheiden? Für seinen Beruf, für seine Ideale, für seine Träume oder für die Frau, die er liebt?

Eine furchtbare, eine grausame Entscheidung!

Oder jemand spürt, dass er seine beruflichen Aufgaben nicht mehr bewältigt, dass es ihm zu viel wird, die Anforderungen zu groß sind. Soll er zurücktreten, auf einen untergeordneten Posten, auf Macht, Ansehen, Geld verzichten? Oder soll er sich durchbeißen und durchhalten bis zur Rente?

Frauen, die ungewollt ein Kind erwarten, stehen vor so einer schwierigen Entscheidung, oder ein Ehemann, der eine andere Frau kennengelernt hat, und sich nun entscheiden muss, ob er seiner Frau treu bleibt oder ob er geht.

Gott mutet uns Entscheidungen zu. Und es ist schlimm, wenn sie solche Konsequenzen haben, dass sie das Leben grundsätzlich verändern.

Ich stelle mir Abraham vor, wie er mit der Entscheidung ringt. Wie er auf dem Weg ist mit seinem Sohn: Wie er ihn beobachtet, wie der unbeschwert und glücklich mit seinem Papa unterwegs ist, wie er fröhlich vor sich hinplappert und um seinen alten Vater herumhüpft. Nein, wird Abraham denken, diesen Sohn gebe ich nicht her. Wer ist Gott, dass er mir dies zumutet! Doch er wird auch an die Wohltaten denken, die Gott ihm geschenkt hat. Daran, dass er sein ganzes Leben lang große Dankbarkeit gegenüber Gott gespürt hat, dass er immer an ihm festgehalten hat und Gott es ihm gedankt hat. Wie sollte er ihn, den treuen Gott verlassen.

Er sieht den hohen Berg Horeb vor sich, wo das Opfer stattfinden soll. Und ein Psalm fällt ihm ein, den er oft gebetet hat, und den er nun in seiner Not aus tiefstem Herzen wieder spricht:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? – Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“  (Ps 121, 1-2)

Vielleicht beruhigt ihn das. Vielleicht denkt er, Gott wird mir schon irgendwie helfen in dieser unguten Situation. Vielleicht gibt ihm der Psalm wieder ein wenig Mut, dass Gott wohl eine Lösung bereit hat und ihn herauszieht aus seiner Not. - Und so ist es ja auch gekommen und die Geschichte ist dann doch gut ausgegangen.

Und doch garantiert uns keiner, dass auch unsere eigenen Geschichten gut ausgehen werden. Mancher entscheidet sich falsch. Mancher leidet sein ganzes Leben lang, weil er den falschen Weg gegangen ist oder weil er nicht beides haben konnte, die Frau, die er liebt und den Beruf, den er sich erträumte.

Nicht alle Geschichten unseres Lebens gehen gut aus, und es ist sehr schwer, da nicht hart und mürrisch zu werden gegenüber den Mitmenschen und auch gegenüber Gott oder gar daran zu zerbrechen.

Abraham hatte es da leicht. Er hatte sich richtig entschieden und hat alles gewonnen: Seinen Sohn und seinen Gott und dazu bekommt er noch als Belohnung Gottes Segen zugesprochen: "Weil du solches getan hast, will ich dein Geschlecht segnen und ... durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden." (Gen 22, 16-18)

Abraham, der es richtig gemacht hat, der bekommt Gottes Segen und der andere? Der, der sich falsch entschieden hat, der, der etwas hat aufgeben müssen, auf dessen Leben sich durch seine Entscheidung zwangsläufig ein Schatten gesenkt hat, ist der nicht gesegnet? Lässt Gott den links liegen? Bestraft Gott den auch noch?

Bestimmt nicht.

Denn diese Geschichte von Abraham und Isaak steht auch deshalb in der Bibel, um Gottes Gnade und Barmherzigkeit zu erzählen. Sie berichtet von einem Gott, der bei den Menschen bleibt, der ihnen eine Zukunft eröffnet. In dieser Geschichte ist Abraham nicht eine individuelle Person, die sich richtig - nämlich für Gott - entscheidet, sondern in Abraham sind wir alle zu finden, mit unseren Zweifeln und Überlegungen, mit unserem Gehorsam gegenüber Gott, aber auch mit unserem Versagen und unseren  Ängsten. In Abraham ist der Mensch dargestellt, der immer wieder vor schweren, lebensverändernden Entscheidungen steht, der seine Augen zu den Bergen erhebt und fragt, woher ihm denn Hilfe kommt.

Und der Gott, den wir aus der Bibel kennen, ist nicht der Gott, der grausame Opfer von uns will, der den Tod unschuldiger Kinder in Kauf nimmt, sondern es ist der Gott, der unsere Hilfsbedürftigkeit, unsere Ängstlichkeit, unsere Zweifel, und unser Ringen sieht und der uns begleitet bei den richtigen und auch den falschen Entscheidungen. Es ist der Gott, der uns nicht entlässt aus seiner Liebe, sondern der uns segnet trotz unserer Schuld, trotz unserer Fehler, trotz unseren Schwächen.

Und so kommt der Segen Gottes seit Abraham auf die Menschheit. Und Gott segnet auch die Menschen, die mit Gott und den Entscheidungen des Lebens ringen. Und so segnet Gott auch uns bei den schwierigen Entscheidungen, die uns aufgegeben sind.

Amen

Dekan Siegfried Stelzner

Landshut

Kategorien Predigt Dekan Stelzner