Veröffentlicht am Do., 5. Mai. 2016 10:00 Uhr
Predigt zum Gottesdienst im Grünen in den Isarauen, Himmelfahrt 05.05.2016

Im Fluss des Lebens

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Was für ein schöner Platz.

Sonne und Wind, frisches Gras und der Gesang der Vögel an unserem Ohr.

Wie schön ist es, einen Gottesdienst in Gottes freier Natur zu feiern, Sonne auf der Haut zu spüren und die Kühle des Windes im Gesicht.

Zum dritten Mal sind wir hier an diesem Platz in den Isarauen, und von Mal zu Mal wird er uns vertrauter.

Ich freu mich am frischen Grün der Wiese, an den Blumen, die hier und da heraus gekommen sind, und am Rauschen der Bäume. Ich schaue hinüber zur Isar, dem vertrauten Fluss, der unsere schöne Stadt Landshut durchfließt.

An einem Fluss zu wohnen, ist etwas ganz Wunderbares.

Ein Fluss schenkt uns große Lebensqualität:

Er verbreitet Kühle an heiteren Sommertagen,

es ist ein Genuss, die Mittagspause im Schatten der Bäume zu verbringen, an seinem Ufer spazieren zu gehen oder Rad zu fahren.

Wenn man ins fließende Wasser schaut, dann kann man seinen Gedanken nachhängen, die Wellen blitzen und funkeln, und das Herz wird froh.

Schön wäre es noch, wenn wir in der Isar auch baden könnten oder ihr Wasser zum Bootfahren oder im Winter gar zum Schlittschuhlaufen nutzen könnten.

Ein Fluss wird als Lebensader bezeichnet, er verbindet die Menschen miteinander, die an seinen Ufern leben. Früher diente ein Fluss dem Transport von Waren. In Landshut erinnert der Name des Ländtors noch an die Stelle, wo die Schiffe be- und entladen wurden. Heute radeln wir im Urlaub oder in der Freizeit an seinen Ufern.

In der Bibel ist der Fluss Sinnbild der Fülle Gottes. Für ein Nomadenvolk, das in der Halbsteppe wohnt, ist der Fluss Symbol für Reichtum und Fruchtbarkeit. Im Buch Genesis heißt es, dass im Paradies gleich vier Flüsse entspringen, die den Garten Eden bewässern.

Ein Fluss bringt Leben und sorgt für Fruchtbarkeit. Wer Wasser hat, kann die Felder bewässern und wird reich durch die Erträge.

Doch der Reichtum ist nicht alles. Im fruchtbaren Ägypten sind die Israeliten zu Sklaven herabgesunken. Der Reichtum und die Fülle in Zweistromland konnten die Exilanten, die als Kriegsgefangene in der Fremde ausharren mussten, nicht vor Heimweh bewahren. Sie saßen an den Flüssen Babylons und weinten.

Am Fluss haben die ersten Christen am Ostermorgen die Auferstehung gefeiert und sind ins Wasser gestiegen, um dort ihre Täuflinge unterzutauchen und von ihren Sünden reinzuwaschen.

Ein Fluss bringt Leben und Freude, er bereichert das Leben, er ist ein Segen für eine Stadt. Wir müssen für unsere Flüsse sorgen, sie bewahren und vor Verbauung und Verschmutzung schützen.

Für mich ist der Fluss auch ein Sinnbild für mein Leben.

Auch der größte Fluss entspringt in einer kleinen Quelle, so wie auch das Leben eines Menschen als kleines und schutzbedürftiges Etwas beginnt. 

Aber schon bald wird so ein Rinnsal kräftig und bahnt sich frisch und munter seinen Weg. Im Oberlauf hat es der Fluss eilig. Das Wasser spritzt über Felsen und Steine, es ergießt sich in Kaskaden und sammelt sich in Strudeln, es schäumt und spritzt, es fließt geschwind und lustig.

Wir erinnern  uns an unsere Jugend. Da hatten wir unendliche Energie und waren ständig unterwegs. Da war alles locker und leicht. Wir machten uns keine Gedanken, wir nahmen alles mit, was das Leben bot, wir wurden nicht müde und wir kannten keine Langweile.

Und dann wurde es irgendwann ruhiger.

Im Mittellauf fließt ein Gewässer still dahin. Es wird breit und behäbig. Es ist nicht mehr zu übersehen.

Wer im Mittelteil seines Lebens angekommen ist, der lässt es ruhiger angehen, der hat sich im Beruf etabliert, der hat seinen Weg gefunden, vielleicht eine Familie gegründet. Die Leichtigkeit und die Frische der jungen Jahre sind vorbei. Manchmal blickt man mit Wehmut zurück, wünscht sich die Zeit der Abenteuer und der Wildheit zurück. Doch andererseits hat das Leben in seiner Mitte auch seinen Reiz. Ein Fluss  bleibt niemals stehen, das Wasser fließt langsamer, doch nach wie vor hat es Kraft, kann Schiffe tragen und Turbinen antreiben.

Nach langem Weg nähern wir uns dem Abschnitt der Mündung. Nun wird die Strömung noch langsamer. Oft verbreitert sich der Fluss zu einem Mündungsdelta.

Nun weitet sich das Leben. Man freut sich an Kindern und Enkeln, man genießt Reisen und Geselligkeit. Man kann sich auf sein angereichertes Wissen verlassen und einen großen Erfahrungsschatz nutzen. Der Blick und die Aufmerksamkeit gehen in die Weite und Ruhe kehrt ein. Der Weg geht dem Ende entgegen.

Man muss nicht mehr springen und hetzen. Die Eile und die Geschäftigkeit machen der Ruhe Platz. Man hat Zeit, das Vergangene zu überdenken, sich an den Erinnerungen zu freuen und die letzte Lebensphase zu genießen.

Und dann die Mündung.

Das Leben ergießt sich in etwas viel Größeres. Ich bin mit meinem Leben aufgenommen in die Unendlichkeit eines Ozeans, in die Weite der Güte Gottes.

Mein Leben, von der Quelle bis zur Mündung, ist vorbei. Durch offenes und fröhliches Gelände hat Gott mich geführt und durch sanfte und friedliche Landschaften. Vielleicht floss mein Lebensfluss auch durch Schluchten und dunkle Täler, aber er hatte immer ein Ziel, das Ende der Reise war mir von Anfang an vorherbestimmt.

Für mich ist der Gedanke wichtig, dass im Fluss der Zeit mich Gott begleitet. Er stand Pate an der Quelle meines Lebens, er begleitete und geleitete mich durch fruchtbare Auen und über dunkle Felsen. Und er wird auch bei mir sein, wenn ich zu ihm zurückkehre in die Tiefen des Meeres, wo er auch zu Hause ist und regiert.

Ich bin dankbar für mein Leben.

Wie lange wird das noch gehen? Wie weit ist es noch bis ans Ende? Wann habe ich die Mündung erreicht? Wann fließt mein Leben hinein in das unendliche Meer und löst sich darin auf?

Auch bei diesem letzten Weg weiß ich mich von Gott begleitet. Er wacht über mich. Er hat mir die Chance zur Entwicklung gegeben, den Raum mich zu bilden, zu verändern, zum Wachsen. Er war bei mir und gab mir den Raum, in breiten, großen Bögen durchs Leben zu mäandern, aber er mutete mir auch Zeiten zu, wo er mich einengte und ich mir den Weg durch Täler und Schluchten selbst suchen musste. Seinem Willen musste ich mich fügen, seine Bedingungen annehmen, mich ihm anvertrauen. Und doch hemmte er mich nicht und doch fließt mein Leben dahin und ich darf mich freuen auf jeden Tag und auf all das Schöne, das ich durchwandere.

Und heute bin ich hier und heute bin ich mit Ihnen zusammen, an diesem schönen Ort mit so fröhlichen Menschen.

Und das will ich genießen und mich drüber freuen und Gott dafür danken.

Amen

Dekan Siegfried Stelzner

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