Veröffentlicht am Mi., 1. Jun. 2016 10:00 Uhr
Ansprache zur Einweihung des neuen Druckzentrums der Landshuter Zeitung am 01.06.2016

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Mit 35 Stundenkilometern rattern die Papierbahnen durch die Druckmaschinen.
44.000 Exemplare in der Stunde, 120.000 Zeitungen am Tag jagen durch die Druckmaschine.
Das ist eindrucksvoll und staunenswert.
 „Seehofer attackiert die Bundeskanzlerin“… rattert vorbei,
„65 Menschen sterben bei Selbstmordanschlag“ … rattert vorbei,
„Staatssekretär tritt zurück“  … rattert vorbei,
„Motorradfahrer stirbt am Wochenende“… rattert vorbei …

Ereignisse, Sensationen, Amüsantes und Schreckliches … alles rattert vorbei in dieser neuen Druckmaschine; menschliche Schicksale, menschliche Schuld, Versagen, Intrigen …

In atemberaubender Geschwindigkeit wird gedruckt und auch ähnlich schnell gelesen:
Einen Artikel überfliegen, eine Schlagzeile betrachten, die Augen wandern weiter, die Seite umgewendet, eine neue Überschrift, ein neuer Artikel …

Ereignisse rattern vorbei, werden kurz wahrgenommen, abgespeichert, weiter geht’s, Neues wartet. 
Wir befinden uns in einem schnelllebigen Medienzeitalter. Wir müssen rasch Informationen aufnehmen, sortieren, das Wesentliche erfassen, wir müssen wach und präsent bleiben, um mithalten zu können, um in unserer Zeit zurecht zu kommen.

Und die Inhalte? Und die Personen, von denen berichtet wird?
Die Trauer der Angehörigen, die Verzweiflung eines Täters, die Selbstvorwürfe eines Unfallverursachers … Wen interessiert das? Wer hat dafür Zeit?

Der am Sonntag zu Ende gegangene Katholikentag in Leipzig hatte das Motto „Seht, da ist der Mensch“. Dieser Satz bezieht sich auf den gemarterten und verurteilten Christus auf dem Weg zu seiner Hinrichtung.

Hinter jeder Nachricht, hinter jedem Artikel, hinter jeder Schlagzeile steht ein Mensch, ein Mensch mit seiner Schuld und seiner Verzweiflung, mit seinen Fehlern und Begehrlichkeiten, auch mit seinen Ängsten und seiner Verletzlichkeit.

Wer hat Zeit, den ganzen Menschen zu sehen, nicht nur seine Tat?
Wie viele Menschen mit ihren Schicksalen rattern an uns vorbei:

Was wissen wir eigentlich von unseren Kollegen, von unseren Mitarbeiten in unserem Aufgabenfeld?
Was weiß ein Lehrer von seinen Schülern,  wie es ihnen geht, was sie mit den Eltern erleben, was sie denken?
„Seht, da ist der Mensch.“  Wer hat Zeit, genau hinzuschauen, sich Zeit zu nehmen, sich für den anderen zu interessieren?
Und wie sieht es aus in meinem eigenen Leben? 
Das rattert doch auch vorbei mit 35 Stundenkilometern und mehr:
Ein ausgefüllter Tag, Termindruck, hohe Anforderungen …, es rattert vorbei, 
keine Zeit für andere Menschen, für die Freunde, für die Familie,
auch keine Zeit für sich selbst.

Das Leben rattert vorbei.

-    Und dann ist es vorbei.
-    Was habe ich versäumt?

Vielleicht ist es nötig, auch zu sich selbst immer wieder zu sagen: 
„Da ist der Mensch.“

Lieber Herr Verleger Prof. Dr. Balle,

Ihre Druckmaschine hat mich mit meinen Gedanken in die Ferne gelockt, weit weg von der Landshuter Zeitung und der Abendzeitung. Ich bitte, das zu entschuldigen.

Und zugleich hat mich Ihre Druckmaschine ins Zentrum geführt. 
Ins Zentrum der Religionen, ins Zentrum des menschlichen Lebens: 
„Seht, da ist der Mensch.“  Das ist die Aufforderung, unsere

Gedanken auf das Wesentliche zu richten: als Journalist, als Politiker, als Kirchenmann, als Vater, als Mensch.

Auf das Wesentliche:
„Seht, da ist der Mensch.“

Amen

Dekan Siegfried Stelzner, Landshut

Kategorien Predigt Dekan Stelzner