Veröffentlicht am So., 10. Jul. 2016 10:00 Uhr
Predigt zu einer Installation von Brigitte Schwacke in der Christuskirche Landshut

Das Leben - eine ephemere Erscheinung

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---


Diese Installation in unserer Kirche trägt den Titel „Ephemere Erscheinung“. „Ephemer“ heißt „kurzlebig, flüchtig“. Der Begriff kommt aus der Biologie. Ephemere Erscheinungen sind Lebewesen, die nur ganz kurz leben, die entstehen, sich vermehren und wieder vergehen. Ich stell mir Eintagsfliegen vor oder ganz kleinzellige Lebewesen.

Flüchtig ist auch dieses Kunstwerk. Ein paar Wochen hat es unsere Kirche bereichert, nun ist der letzte Tag angebrochen, morgen wird das Kunstwerk abgebaut und dann sieht die Kirche wieder so aus wie vorher. Ich frage mich, was passiert mit diesen einzelnen Seiten. Einfach weggeworfen werden sie wohl nicht. Kommen sie in ein Museum? Oder bleiben sie im Archiv der Künstlerin Brigitte Schwacke?

Eigentlich ist das schade, denn in den einzelnen Seiten oder Blättern steckt sehr viel drin. Sie wurden von Gemeingliedern gemacht, mit großer Mühe geknüpft oder gehäkelt. Viel Konzentration und Aufmerksamkeit war dafür von Nöten und auch viel Zeit. Es dauert einige Stunden, bis so eine Seite fertig ist. Heute können wir es noch einmal betrachten, noch haben wir dieses Kunstwerk. Und es wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

Mich erinnert dieses Kunstwerk an das menschliche Leben. Jede ausgestellt Seite symbolisiert ein menschliches Schicksal. Kein Leben verläuft gradlinig, kein Lebensfaden ist sauber aufgerollt und in höchster Ordnung geknüpft. Jedes Leben hat sein Auf und Ab, seine dichten, intensiven Phasen, mit Bewegung und Dynamik und dann wieder Phasen voller Harmonie und Ruhe, voller Entspannung und Gleichklang. Wenn man ein Leben rückblickend betrachtet, dann sieht es vielleicht so aus wie eine dieser Seiten: Man blickt auf einen verschlungenen Lebensweg, mal dichter gewebt, ein andermal großzügig und luftig, mal verschlungen, feinmaschig und eng verwoben und ein andermal eher locker und luftig, voller Großzügigkeit und Freiheit. Jedes Leben ist anders, jedes Leben ist geprägt von den täglichen Anforderungen,  von unseren Anstrengungen und Bemühungen, aber auch von Glück und Leichtigkeit.

Ich frage mich oft bei einem Leben, ob da so etwas wie ein Lebensfaden zu erkennen ist. Etwas, das dieses Leben durchzogen, ihm Struktur und eine Beständigkeit gegeben hat.

Ich habe einen Cousin, bei dem ist dies die Liebe zur Technik. Schon als kleiner Junge baute er Modellautos und Flugzeuge. Er studierte Ingenieurwesen und arbeitete bis zu seinem Ruhestand beim TÜV. Und noch jetzt hat er zu Hause eine Werkstatt und repariert alte Autos.

Oder jemand ist durch den Sport geprägt, spielte von der D-Jugend bis zu den Alten Herren im gleichen Verein und ist noch heute als Sportfunktionär aktiv.

Oder einer hat die Musik zu seinem Lebensthema gemacht.

Oder er ist ein Wanderer oder Bergsteiger oder ein Pferdefreund, der seine Zeit auf dem Reitplatz verbringt.

Aber es kann auch so etwas wie ein Lebensmotto sein, eine Lebensregel, ein Grundsatz, der das Leben wie ein roter Faden durchzieht: Dass man Menschen in Not hilft, dass man stets freundlich und höflich ist. „Ich kann gar nicht anders“, sagt so jemand, „es ist für mich eine Selbstverständlichkeit zu helfen“.

Es ist nicht schlecht, wenn man so eine Lebenslinie hat. Sie hilft einem auf dem Weg durchs Leben, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, dann kann man sich nach seinen Grundsätzen richten.

Für viele Menschen ist der Glaube so eine Leitlinie. Die Zehn Gebote, die Dankbarkeit für Gottes Gaben, die bestimmen das Leben, helfen einem, dass man sich selbst nicht so wichtig nimmt und auf den Nächsten schaut. Und in Not oder bei einen Niederlage, da hat man es gut, denn man weiß, Gott lässt einen nicht allein.

Mir gefällt die Vorstellung, dass jede dieser Seiten ein Leben symbolisiert. Ich stehe davor und freu mich, wie unterschiedlich die Seiten doch sind, und ich stell mir vor, wie das Leben wohl dort verlaufen ist, wo der Faden ganz eng verknotet ist, und auch dort, wo er mit weiten und großzügigen Schlaufen verläuft.

Auf so einer Seite dieses Kunstwerks wird die verbrachte Zeit unseres Lebens sichtbar. Die Zeit eines Tages, einer Woche füllen wir aus mit unseren Tätigkeiten, unseren Gesprächen, Begegnungen, Gedanken. Wir verknüpfen das Geschehene miteinander, spinnen gleichsam unseren Lebensfaden zu einem feinen Gebilde, zu einem Gewebe aus Taten und Gedanken, das wir rückblickend betrachten können.

Am Ende eines Tages schaue ich zurück: Was habe ich geleistet: Es ist eine Predigt entstanden, ich habe Briefe verschickt, ich habe mit Menschen gesprochen, meinen Kindern bei den Hausaufgaben geholfen, einen Film im Fernsehen gesehen.

Am Ende eines Tages ist so ein Geflecht entstanden, wie eine dieser Seiten, die hier präsentiert werden.

So könnte man unsere Arbeit, unser Leben sehen: Manchmal dicht und verworren vor lauter Stress, manchmal in großer Gleichmäßigkeit und Ruhe, manchmal gelungen und vorzeigbar und ein andermal krude und zum Vergessen. Manchmal ist der Tag von Emotionen und tiefer Begegnung gekennzeichnet und das Geflecht ist dicht und intensiv und ein andermal lief alles in Routine und Gleichförmigkeit, so dass es dünn und durchscheinend geworden ist.

Aus den Sekunden, den Minuten, aus unseren Gedanken und Einfällen, unseren Gesprächen, aus unseren Taten und Begegnungen formt sich so eine Lebenstag.

Ein Tag unseres Lebens wird abgelöst vom nächsten und der vom übernächsten, so dass ich schon gar nicht mehr weiß, was ich letzte Woche getan und empfunden habe.

Man könnte sagen, das ganze menschliche Leben ist eine ephemere Erscheinung. Freilich leben wir länger als ein einzelliges Lebewesen oder eine Eintagsfliege. Aber selbst wenn man die Geschichte betrachtet, die Abfolge der Epochen oder gar die Entstehung und Entwicklung der Erde, dann sind unsere 70 oder 80 möglichen Lebensjahre nicht allzu viel.

Die Bibel sagt: „Unser Leben ist wie Gras, wie einen Blume auf dem Felde. Und wenn der Wind darüber geht, dann ist sie nicht mehr da.“ (Ps 90, 5)

Aber doch bleibt Vieles unseres gelebten Lebens im Gedächtnis, bleibt das Geflecht, das wir mit unserem Lebensfaden geknüpft haben, in seiner Wirkung bestehen. Andere Menschen erinnern sich an uns, behalten eine Begegnung, eine Hilfe im Gedächtnis bis an ihr Lebensende. So kann jemand nach vielen Jahren zu einem sagen „Sie haben mir damals geholfen“.

Wir erinnern uns an verstorbene Mitglieder unserer Familie, die Tante, die Oma; wir erinnern uns in unserer Kirchengemeinde an ehemalige Gemeindeglieder und Mitarbeiter, an Pfarrerinnen und Pfarrer, an Pfarrer Wild, an Herrn Völkel, an Dekan Kraus. Und wenn wir einmal diese Welt verlassen haben, dann werden andere sich an uns erinnern.

Aber die Frage muss man sich trotzdem stellen: Was passiert mit uns, wenn das Leben zu Ende ist, wenn der letzte Schnaufer getan und der letzte Faden geknüpft ist?

In der Offenbarung ist davon die Rede, dass unsere Namen bei Gott in das Buch des Lebens eingeschrieben werden (Off 17,8). Ich finde das einen sehr schönen und tröstlichen Gedanken: Die Welt dreht sich weiter nach unserem Tod und es folgt Jahrzehnt auf Jahrzehnt, Jahrhundert auf Jahrhundert, aber bei Gott geht keiner verloren. Bei Gott wird das Andenken eines jeden gepflegt und geachtet und keiner wird vergessen.

So ist eigentlich das menschliche Leben nie eine ephemere, eine flüchtige Erscheinung. Es bleibt von uns, was wir getan haben und was wir für andere Menschen gewesen sind. Es bleibt unsere Hilfe, es bleiben unsere Gespräche, unsere Fürsorge, freilich auch unsere Emotionen, unser Ärger und unsere Fehler. Das gehört ja alles zu einem, die hellen durchscheinenden, freundlichen Phasen und auch das Dunkle, Verworrene, das wir leider auch produzieren.

Mit all dem, mit unserem ganzen Leben, sind wir aufgeboben bei Gott. Wir sind zu Hause in seinen Gedanken. Wir vergehen nicht, sondern unser Leben ist in seinem Buch aufgeschrieben. Er bewahrt und pflegt es bis ans Ende der Zeit, über unseren Tod hinaus, bis in die Ewigkeit, bis wir einmal rückblickend mit ihm auf unser Leben schauen, es im Ganzen überblicken und uns freuen über das schöne Muster, über die wunderbare Struktur, über die Vollendung, die unser Leben gefunden hat, bei ihm, im Reich Gottes, in seinem himmlischen Reich.

Amen

Dekan Siegfried Stelzner

Landshut, 10.07.2016

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