Veröffentlicht am So., 27. Dez. 2015 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Lektor Dr. Rolf Kluge

Predigt zu 1. Johannes 1, 1-4

"Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben vom Wort des Lebens - und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehenund bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei."

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

I.

Liebe Gemeinde!

Mittwoch, der 23. Dezember – letzter Schultag vor den Ferien. Er hat seinen Aufsatz „Wenn das Herz spricht“ in Briefform zurück bekommen. Schularbeit in Deutsch: Mangelhaft!

Traurig und bedrückt kommt er nach Hause. Aber davon merkt keiner etwas. Freude und Hektik stimmen auf das Christfest ein; Feiertage - Gedanken an die Schulaufgabe ade. Am zweiten Feiertag kommt das Gespräch wieder auf die Schule und diese Schularbeit - Feier ade. Die Eltern lesen die Arbeit, die Note und die Zeilen unter der Arbeit zur Beurteilung:

•           Keine Anrede, keine Abschlussformel, kein Name
•           1 Kettensatz mit 8 Kommata und 10 „und“
•           Gedankengang unklar: 2 Spiegelstriche  – unklar wieso?
•           Viele inhaltliche Wiederholung sowie einzelner Wörter (5x Was; 5x Wir)

Zusammengefasst: keine klare, durchgängige Struktur erkennbar - Gedankenbrüche, wenig abwechslungsreich, unverständlich, nicht realistisch! - Mangelhaft! Seine Eltern schauen ihn fragend an. Was ist mit ihm. Ist er krank? Doch er betont immer nur, dass er immer weiter hätte schreiben können. Johannes hatte so viel Freude und Liebe beim Schreiben gespürt. Es sprudelte aus ihm heraus:

Was von Anfang an war,
was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben vom Wort des Lebens -
und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen
und bezeugen und verkündigen euch das Leben,
das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -,
was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt;
und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater
und mit seinem Sohn Jesus Christus.
Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Was spüren Sie?

II.

Ich lese oder höre die Zeilen und mir bleibt fast die Sprache weg. Ich könnte mir vorstellen, dass es manchen von ihnen genauso ergeht, wenn …

•           sie etwas lang Vermisstes unerwartet wiederfinden.
•           bei ihnen das erste Kind oder Enkelkind zur Welt kommt
•           sie die große Liebe ihres Lebens finden.

Momente, in denen es mir die Sprache verschlägt oder mir die richtigen Worte fehlen. Ich denke nochmals an die Zeilen von Johannes. Ich erinnere mich an die Worte: gesehen, betrachtet, unsere Hände betastet, Leben, Leben, Leben. Klingt das nicht romantisch, nach dem Beginn einer wundervollen Liebesgeschichte. Oder einer leidenschaftlichen Liebe, die lange zurückliegt, aber unvergessen ist.

Plötzlich ist er da. Ihre Blicke treffen sich - liebevoll sehen sie sich an. Vorsichtig und zärtlich betrachten sie sich. Langsam nähern sich die Hände, sie berührten sich. Kann es wahr sein? Das Herz schlägt schneller und Wärme durchdringt sie wie ein loderndes Feuer, das ein Leben lang nie versiegen soll. Freude und Liebe zugleich und riesengroß. Sie könnten es allen erzählen. Die große Liebe: einfach vollkommen!

Sie wünschen sich: Ewige Liebe, ewige Freude, ewiges Leben. So wie sie es im Herzen tragen. Was kann in so einem Moment wichtiger sein? Ist es nicht verständlich, dass der Schreiber des Briefes auf die standardmäßigen Floskeln verzichtet, Worte wiederholt und die große Freude allen mitteilen will. Er kann nur das Eine denken. Was braucht es da viele unterschiedliche Worte? Es braucht ein lebendiges Wort - das Wort des Lebens. Gottes Wort, das von Anfang an war. Mit seinem Wort hat er die Welt erschaffen und das Leben geschenkt. Er selbst ist Teil davon:

•      in den Sonnenstrahlen, die auch im Winter die Herzen erwärmen und ich anderen ein Lächeln schenke.
•      in der lebendigen Freude der Kinder, die es bei diesem Wetter zum Spielen in die Natur treibt.
•      in dem Regen, der die ersten Pflanzen und Blumen in farbiger Pracht schon im Winter hervorlockt und mich Staunen lässt.

Sinnliche Momente, die wir in unserem Leben mit Freude genießen können. Für mich persönlich sind es einzelne Liebeserklärungen, die Gott uns Menschen schenkt. Gottes Wort gibt so meinem Leben Sinn.

III.

Die letzten drei Tage haben wir gefeiert: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Weihnachten: Gott kommt in Jesus Christus zu uns.

•           Jesus Christus, der ewig ist - ganz Mensch und ganz Gott.
•           Jesus Christus, der beim Vater war und auf die Erde kommt.
•           Jesus Christus, der unserm Leben Sinn gibt.

So ist uns das Leben erschienen. Wir haben es gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben. Leben, Leben, Leben – das ewige Leben. In Norddeutschland (Dithmarschen) gibt es den Brauch: das „Kind kieken“ oder „Kind beschauen“. Ein Neugeborenes zum ersten Mal zu sehen ist ein besonderes Geschenk. Das winzige Gesicht. Die kleinen Augen, Nase, Mund und so zarten Finger. Vielleicht das stille, das Lächeln im Schlaf, das von so weit her kommt. Nach der Geburt eines Kindes werden die Nachbarn nach Hause eingeladen, um das neugeborene „Kind zu kieken“. Wir feiern die Geburt und heißen das Kind bei uns auf der Erde willkommen.

Alle Türen stehen offen.
Alle sollen es sehen.
Alle sollen die frohe Botschaft erfahren.

•           Freuet euch - das Kind ist da. Alle mögen es hören!
•           Freuet euch - das Kind ist da. Alle Ankündigungen sind wahr!
•           Freuet euch - das Kind ist da. Wort des Lebens wird offenbar!

Gottes Liebe wird zu Weihnachten offenbar. Mit unseren Sinnen dürfen wir das Unbegreifliche erfahren:

Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen
und bezeugen und verkündigen euch das Leben,
das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist. 

Wir erzählen euch die frohe Botschaft, damit ihr sie weitertragt in eurem Herzen. Wir können sie einfach nicht für uns behalten. Kommt sagt es allen weiter, ruft es in jedes Haus hinein.

IV.

Erinnern Sie sich noch an damals als sie das erste Mal die Weihnachtsgeschichte gehört haben? Viele von uns haben schon als Kinder die frohe Botschaft mit der Weihnachtsgeschichte immer wieder erzählt bekommen. Viele Erinnerungen kommen wieder: „wie hab ich es vermisst“. Im Kreise der Familie, mit Verwandten oder in der Gemeinde, die für manche wie eine Familie ist. Mit leuchtenden Augen haben wir das Wunder des Lebens gesehen und in den frohen Liedern gespürt. Die Botschaft, die unser Herz bewegt und das Wort lebendig werden lässt. Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt. Gott schenkt uns in Liebe seinen Sohn Jesus Christus. Gott ist die Liebe und für uns Leben, Leben, Leben – das ewige Leben. Heute ist es an uns die erfahrene Freude weiterzugeben und anderen Liebe zu schenken. Wer Liebe teilt und diese schenkt, vermehrt die Liebe. Wir erfahren die Gemeinschaft Gottes und das wahre Leben in Jesus Christus.

Unsere Gemeinschaft ist
mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

Kommt sagt es allen weiter, ruft es in jedes Haus hinein.

V.

Liebe Gemeinde!

„Wenn das Herz spricht“ – ist ein besonderer Brief. Johannes wiederholt sich in diesem Brief – bewusst. Mit veränderten Worten sagt er immer wieder das Gleiche - ganz bewusst. Erst bei intensivem Lesen und „schwanger gehen“ mit der Zeilen (so erging es mir) sieht man: der Text ist genial. Johannes nimmt uns mit seinen Zeilen in eine Bewegung hinein. Er entwickelt einen großartigen Gedanken in drei Versen:

•           Im ersten Vers kommt das Wort des Lebens uns immer näher.
•           Im zweiten Vers wird das Wort bezeugt und verkündigt.
•           Im letzen Vers geht es um die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater und dem Sohn.

Drei Verse (- entfaltet in einem einzigen Satz-), die einen Bogen über alles schlagen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Von dem, was am Anfang war, vor aller Zeit - hin zu dem, was sein wird am Ende aller Zeit.

Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Eine großartige Botschaft! Was für ein genialer Text!

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Dr. Rolf Kluge
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