Veröffentlicht am Fr., 1. Jan. 2016 00:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Lektor Dr. Rolf Kluge

Predigt zu Jakobus 4, 13-15

"Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun."

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

I.

Liebe Gemeinde!

Flughafen München/Erding, es ist Sonntag der 1. Januar. Die Außentemperatur beträgt -10 Grad; leichter Schneefall, ein eisiger Wind der Stärke 5-6 weht aus Nordost, die Frisur sitzt. Max ist ein großer stattlicher Mann bis in die Spitzen. Er hat leicht ergrautes Haar, ist schlank, hat kantige Gesichtszüge und eisblaue Augen. Einfach ein erfolgreicher Geschäftsmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er wartet auf den Abflug seiner Maschine LH 777 nach New York. Fliegen, sicherer geht es nicht. Es ist früh am Morgen! Seine Augen und Gedanken streifen und schweifen in der Wartehalle umher…

„Nicht viele Menschen hier. Aber wer will schon so früh los? Ich bin pünktlich. - Das war eine großartige Silvesterfeier, schön dass Freunde und die Familie da waren. Wir haben es richtig knallen lassen. Das Jahr wird ein besonderes Jahr: Urlaub in Kalifornien, das Treffen der Konsemester aus dem Studium in Padua; ja und die guten Vorsätze fürs Jahr. Jedes Jahr aufs Neue. Ich werde mehr Sport treiben und dann 10 kg abnehmen.“

Noch vor wenigen Stunden habe ich ins neue Jahr gefeiert und jetzt sitze ich hier auf dem Flughafen. Aber in einem Jahr sieht man sich ja wieder. Das Geschäft geht vor! …  Mensch es ist schon spät.  Wann ist endlich das Boarding? Verschwendete Zeit! Hören Sie das auch… Ich kenne die Melodie … Money, money, money…Ach das Handy – wichtig - das Büro…

Schönen guten Morgen Julia,
Danke, ich wünsche dir auch ein schönes neues Jahr, viel Gesundheit und Erfolg. Es wird ein spannendes Jahr, das vor uns liegt. … Ja, du hast recht für mich auch: ein ganzes Jahr in New York; eine Megacity  –…und dann die neue Kooperation mit unserem Handelspartner.

Unser neues Produkt wird in dem Markt richtig einschlagen. Umsatz und Gewinn werden durch die Decke gehen. Da werden die in München aber Augen machen. Was ich plane, das klappt. … Bitte schick mir nochmals den letzten Stand der Termine und die Kooperationsverträge mit allen Details ins Hotel. Am Montag, ja morgen unterzeichne ich dann die Verträge und dann… Warte mal…der Aufruf zum Boarding – entschuldige ich muss los. Ich melde mich wieder aus New York! Caio.“  

Er legt auf und betritt das Flugzeug. Noch 10 Minuten, anschnallen und dann geht es los. Er hat den Platz 1A in der Nähe des Notausganges, direkt am Fenster

 – ein perfekter Sitz, ein perfekter Plan.

Jakobus schrieb damals:

Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.

II.

Max sieht seine Sitznachbarin an: eine ältere Dame von schlanker Statur - gut gekleidet. Leicht grau meliertes, schulterlanges Haar mit einem liebevollen Gesichtsausdruck. Eine Lächel verzaubert ihre Gesichtszüge. Große, runde, dunkelbraune Augen schauen ihn wortlos an. Max blickt aus dem Fenster. Das Flugzeug hebt ab. Es schwebt dahin. Meter um Meter wird die Welt kleiner und unscheinbarer. Unendlich weit ist der Himmel.

Er blickt ihr wieder in ihre Augen; die ganze Welt, Himmel und Wolken spiegeln sich darin. Gleißendes Sonnenlicht erstrahlt wie ein Regenbogen über allem. Mit jedem Meter sind sie dem Himmel und Gott näher – mal wieder Raum und Zeit für ihn. Wärme und Geborgenheit breiten sich aus. Seine Augenlieder sinken langsam, ganz langsam - zu.

Ist es Wirklichkeit oder Traum? Alles erstrahlt ganz klar und hell. Da sind Hügel und Täler, Felder und Wälder. Es knirscht unter meinen Füßen, wenn ich gehe. Ich kann den Weg nicht ganz sehen; er ist breit und schlängelt sich durch das Tal. Bäume und Wälder erstrahlen in ihrem prächtigen Kleid: Ein frischer Wind bewegt die Blätter – lässt sie behutsamen zur Erde sinken. Vögel zwitschern und ziehen dahin. Wie herrlich ist diese Welt, ich kann es kaum glauben und reibe mir die Augen. Ich fühle mich erfüllt von Gottes Schöpfung.

In einiger Entfernung sehe ich Nebel: Ist es das Ende des Weges? Nebelschwaden steigen auf. Wärme und Licht geben den Blick frei: Ein Platz. Es ist still, ganz still.

Ein Stein, ein Mensch und ein Kreuz.

Ich sehe einen Namen langsam auf dem Stein erscheinen. Der Name meines besten Freundes!

Er hatte doch so viel Erfolg.
Er hatte noch so viele Pläne.
Und ich? Wo stehe ich?
Doch kaum ist der Name erschienen, entschwindet er mit einem Hauch. Was bleibt ist das Licht! Ein Sonnenstrahl wirft seinen Schein auf den Stein.

Ich sehe das Kreuz - leuchtend in goldenem Schein.
Ich sehe das Kreuz - Ende und Anfang in einem!
Ich sehe das Kreuz - Das Licht eröffnet den unendlichen Weg.
Ein Weg, ein Kreuz, in Ewigkeit.

Plötzlich rüttelt und schüttelt es mich durch. Ich falle und werde nur durch die Anschnallgurte gehalten. Ich öffne die Augen und werde durch das Sonnenlicht geblendet, das durch das Fenster fällt. Ich höre einen Gong und schon höre ich:

„Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Wir fliegen durch ein Gebiet mit starken Turbulenzen. Aufgrund der anhaltenden Schneestürme, haben die Behörden für die gesamte Ostküste eine Unwetterwarnung ausgegeben. Alle Flughäfen sind vorsorglich geschlossen. Eine Landung in New York ist ausgeschlossen. Wir werden nach Houston umgeleitet, da die Flughäfen im Süden noch Landemöglichkeiten zulassen. Bitte bleiben Sie weiterhin angeschnallt. Wir informieren Sie, sobald wir etwas Neues für Sie haben.“

In aller Aufregung werfe ich einen Blick auf meine Nachbarin. Wie kann Sie jetzt nur so ruhig sein. Schläft sie? Da blitzt etwas an Ihrem Hals auf:  ein kleines goldenes Kreuz an einer Kette. Ist es Traum oder Wirklichkeit?

Mein Plan - durchkreuzt!

und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.

III.

31. Dezember, München, zu Hause bei Max. Er feiert wie versprochen mit seinen Freunden und der Familie den Ausklang des Jahres. Vor dem Jahresende kommt das Gespräch auf die Geschehnisse zu Jahresbeginn. Max berichtet:

Tja, was soll ich sagen: Das Ganze mit der Kooperation, dem neuen Produkt usw. – alles war mein Plan. Doch aus allem ist nichts geworden! Durch die Unwettersituation bin ich über eine Woche in Houston geblieben. Jegliche Bemühungen, die Verträge und das Geschäft zu retten, sind damals gescheitert. Enttäuscht bin ich zurück in die Heimat geflogen und es nahm seinen Lauf. Letztendlich habe ich noch meinen Job verloren. Im Rückblick sage ich: Es war Gottes Wille und sein Plan!

Ein Jahr mit vielen Überraschungen! Gott hatte viel geplant:

Ich hatte plötzlich viel Zeit für mich und für die Familie.
Meine Sitznachbarin auf dem Flug hat mir einen neuen Job vermittelt. Es ist für mich ein Neuanfang mit vielen Chancen. Morgen fange ich an. Sie hat mir eine kleine Aufmerksamkeit zum Versüßen des Einstiegs geschickt: Eine Schachtel mit Pralinen.
Aber das Beste ist: Wir haben eine wunderbare Tochter geschenkt bekommen: „Johanna“ und sie ist ein wahrhaftig ein Geschenk Gottes.
Hier sind diese Pralinen – ich möchte sie gerne mit euch teilen. Pralinen sind ein besonderes Geschenk.

Kennen Sie den Spruch: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiss nie, was man bekommt. Es ist so wahr! So war das Jahr!

Jede Praline ist von Hand gemacht. Mal süß, mal sauer. Salzig oder bitter können sie auch sein. Manchmal auch eine gewisse Schärfe. Nach einer bitteren kann man auch süße Pralinen genießen.

Eine Schachtel Pralinen: Keine Schachtel gleicht der anderen. Liebevoll für mich zusammengestellt. Ein Zeichen der Liebe und Zuneigung.

Gottes Geschenk wunderbar und vielfältig!

und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben?
Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.

Gütiger Gott, Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir Herr, füll du uns die Hände.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Dr. Rolf Kluge
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