Veröffentlicht am So., 28. Jun. 2015 10:00 Uhr
Jakobuskirche Ast, KR Oliver Spilker

Predigt zu dem Bild "Ach, aber ach" von Paul Klee, ev. Gesangbuch gegenüber Nr. 852

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

unser Gesangbuch ist nicht nur ein Gesangbuch. Neben den Liedern finden sich auch immer wieder ausgewählte Texte und Bilder. Während die Texte immer wieder gern verwendet werden, bleiben die Bilder oftmals ohne Beachtung. Dabei hat sich die Redaktion viel dabei gedacht und ich kann mir vorstellen, dass sie es sich bei der Auswahl nicht leicht gemacht hat. Für mich sind diese Bilder im Gesangbuch eine Schatztruhe und zumindest einen Schatz davon wollen wir heute heben.

Und so möchte ich nun über ein Bild predigen: Sie finden es neben der Nummer 852. Ich möchte Ihnen Zeit geben, dieses Bild zunächst in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Bei einer Bildbetrachtung gibt es zunächst mal nicht richtig oder falsch. Ein Bild wirkt auf jeden Betrachter anders. Und jede Wirkung ist authentisch und damit richtig. Was der Künster sich dabei gedacht hat, ist eine andere Frage. Für mich ist es auf den ersten Blick ein Kinderbild, ein Bild wo mancher sagen könnte: das kann ich auch malen. Interessant ist zunächst mal, wo dieses Bild im Gesangbuch platziert ist: Es leitet das Kapitel "Feiern im Kirchenjahr" ein. Viele Bilder im Gesangbuch leiten Kapitel ein. Und wenn man ein paar Seiten blättert sieht man, dass hier Feste im Kirchjahr kurz erläutert werden – die fröhlichen Feste wie Weihnachten und Ostern ebenso wie die nachdenklichen – Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Die Figur blickt auf dieses Kapitel, blickt auf das auf und ab des Kirchenjahres, blickt auf das Auf und Ab des Jahres, blickt auf das Auf und Ab des Lebens.

Wir schauen in ein Gesicht, nur ein paar Pinselstriche waren nötig, es zu zeichnen. Das Gesicht ist offen, Kurzhaarschnitt und stabil und fest ruht der Kopf auf dem Hals. Das hat mich als erstes angesprochen: der kräftige Hals , die kräftige Schulter als Fundament. Es ist offen zu einer Seite. Offen zur Seite des Kirchenjahres. Dieses Bild heißt "Ach, aber ach" und wurde 1937 von Paul Klee mit schwarzer Wasserfarbe und Kleister gestaltet. Klee wurde 1933 von den Nazis geächtet und emigrierte in die Schweiz. 1935 erkrankt er und stirbt schließlich im Jahr 1940.

"Bilder blicken uns an", hat Klee einmal gesagt. "Ich schreibe Worte auf die Stirn und in die Mundwinkel. Meine Menschengesichter sind wahrer als die wirklichen."

Dieses Gesicht ist wahr für mich. Es verstellt sich nicht. Das Gesicht ist nicht eindeutig fröhlich, nicht eindeutig traurig. Es ist beides. Schon der Titel ist ambivalent: "Ach, aber ach". Das kann ein Freudenseufzer sein oder ein Ausruf der Klage, das kann Überraschung sein oder Verzweiflung. Klee schreibt "Der kleine Mund ist Pol des Schmerzes und der Seligkeit zugleich". So ambivalent ist unser Leben.

Erinnern wir uns an die Lesung aus dem 1. Timotheusbrief "Ein Lästerer war ich" heißt es da. Ein Frevler, ein Verfolger... Und jetzt ist alles anders. Ich glaube und verkündige... Leben verändert sich. Ich verändere mich. Böses und Gutes – Beides ist in mir. Auch die Frau aus dem Gleichnis vom verlorenen Groschen , das wir eben gehört haben verändert sich: Sie ist traurig, weil sie etwas verloren hat und gibt nicht auf, schaut nach vorne, sucht und sucht und findet! Eben noch traurig, dann wieder fröhlich. Gerade noch Karfreitag – und nur kurze Zeit später: Ostern.

Leben ist auf und ab, ist Bewegung. Auch der Kopf auf unserem Bild ist nicht starr, er neigt sich leicht nach rechts. Aber: Er ruht auf einem starken Hals, auf einem Fundament. Nochmal Paul Klee: "Eine Art von Stille leuchtet zum Grund. Von ungefähr scheint da ein Etwas, nicht von hier, nicht von mir, sondern Gottes. Gottes." Das Fundament, das Halt gibt. Vielleicht hat die Gesangbuchredaktion deshalb dieses Bild an den Anfang des Kapitels Kirchenjahr gesetzt. Es blickt auf das auf und ab des Lebens, es beinhaltet Freude und Leid. Und es ist gegründet auf festem Fundament.

Mein Blick auf dieses Gesicht findet nichts Grämerisches, nichts Selbstmitleidiges und findet keinen Stress. Es strahlt Ruhe aus, Gelassenheit und doch Bewegung, Offenheit nach vorne und klare Strukturen nach hinten und nach unten. So könnten wir leben und das Auf und Ab, das Gute und Schwere nehmen, ja annehmen: Mit Glauben an Gott als festem Fundament, mit offenem Blick nach vorne, mit kindlich naiven Strichen in unseren Gesichtern, die uns das Schwere aus der Seele hinwegzeichnen könnten.

Heute ist Sommeranfang. Es soll eine schöne Jahreszeit beginnen, eine helle, eine fröhliche. Und doch wissen wir nicht, was vor uns liegt: Ob nicht dieser Sommer auch einen Karfreitag bereit hält oder einen Totensonntag. Wir wissen nicht, ob dieser Sommer uns wirklich wärmen kann, ob er verregnet sein wird, ja nicht einmal, ob es einen nächsten Herbst für uns geben wird.

Und natürlich ärgern sich auch Kinder im Ferienhaus über Regenwetter. Aber meine Erfahrung ist, dass sie schnell etwas finden, was ihnen Freude macht. Ein Spiel, ein Comic, irgendwas. Das Beste draus machen. Gelassenheit, so wie dieser Kinderblick auf dem Bild von Paul Klee. Gelassen auf das schauen was kommt. Und getragen von einem Grund, den ich mir nicht selbst geben kann, getragen von einem Vertrauen, dass am Ende alles gut wird – egal wie es wird.

Diesen nach vorne offenen Blick und dieses Fundament auf dem diese Offenheit erst möglich wird. Das möchte ich dem Bild für mich entnehmen und mitnehmen in diesen Sommer.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

KR Oliver Spilker
Religionspädagoge

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