Veröffentlicht am So., 29. Mai. 2016 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, KR Oliver Spilker

Predigt zu 1. Joh 4, 16-21 ( Vers 18)

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

„Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“

Welch ein zentraler Text der Bibel, welch ein zentraler Text unseres Glaubens. Dass Gott selbst die Liebe ist und wir in Gott sind, wenn wir in der Liebe sind. Unzählige Predigten gibt es in unserer Kirche über die Liebe Gotts, und zu Recht. Beim Lesen dieses Predigttextes, und ich tue das bei der Vorbereitung auf eine Predigt mehrere Male, ganz meditativ, beim Lesen des Textes bin ich über einen anderen Gedanken gestolpert, und darüber möchte ich mit Ihnen heute nachdenken.

Ich lese Vers 18: Furcht ist nicht in der Liebe.

Eva Korr hat Ausschwitz überlebt. Oskar Gröning auch. Sie ist Jüdin, er war ein SS Mann, dem im letzten Jahr der Prozess gemacht wurde, Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit reicht Eva Korr diesem Oskar Gröning die Hand. Und es wird berichtet, dass er gerade in diesem Moment einen Zusammenbruch erleidet. Korr sagt später „ Meine Vergebung spricht den Täter nicht frei“ und an Gröning gewandt:“ Ich hoffe, dass Sie und ich uns als ehemalige Gegner als Menschen begegnen können.“ Die Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, geleitet von Bischof Desmond Tutu, waren öffentlich. Die Täter des Apartheitsregimes bekamen die Chance, ihre Taten zu gestehen und dabei den überlebenden Opfern in die Augen zu sehen. Und wenn sie das taten, vollständig gestanden, wurden sie nicht bestraft. Und oft weinten beide Seiten, brachen beide Seiten zusammen, und ein neuer Anfang war möglich.

Versöhnung, Vergebung. Das sind Kernüberzeugungen unseres christlichen Glaubens. Dieses zu leisten, so auf seine Peiniger zuzugehen, dass übersteigt eigentlich unsere menschlichen Fähigkeiten. Da braucht es schon viel, ja Mut und viel Nächstenliebe, ja Feindesliebe. Furcht ist nicht in der Liebe, die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Für mich sind das zwei Beispiele von menschlicher Größe, von Liebe ohne Furcht. Erinnern möchte ich auch an Pater Maximilian Kolbe, der für einen Mithäftling, der zum Tod verurteilt war, an seiner Stelle in den Tod ging. Erinnern möchte ich an Oskar Schindler, der über 1000 jüdische Arbeiter vor dem Tod rettete, indem er ohne Furcht mit allen Tricks die Henker überlistete. Erinnern möchte ich an Dominik Brunner, der 2009 sterben musste, weil er sich einem Schlägertrupp an einer S-Bahn in den Weg stellte, der Jugendliche bedrohte. Das sind alles große Beispiele menschlicher Größe, wo Menschen scheinbar keine Furcht haben oder diese überwinden um der Liebe willen, für andere. Die wenigsten von uns werden – zum Glück – in derartige Situationen kommen, kaum einer von uns.

Also was soll dann dieser Satz für uns bedeuten? Furcht ist nicht in der Liebe. Drehen wir den Satz um: Wer in der Liebe bleibt, der ist ohne Furcht. Und den Gedanken unseres Textes aufnehmend heißt es dann: Wer in Gott bleibt, der ist ohne Furcht. Karl Barth, der große Theologe hat vom „Haus Gottes gesprochen“ als von einem „Haus der Liebe“, in dem wir wohnen dürfen. Und darin ist keine Furcht. Angst übrigens schon zuweilen. Angst schützt uns oftmals auch. Wir gehen automatisch einen Schritt zurück, wenn ein dicker lauter Laster an uns Fußgängern vorbeirast. Wir bremsen – hoffentlich – wenn wir merken, dass wir auf der Autobahn in der Kurve zu schnell sind. Und auch einem wilden bellenden großen Schäferhund – von dem der Besitzer sagt, er wolle nur spielen – gehen wir aus dem Weg, ich jedenfalls. Angst brauchen wir, um uns zu schützen, um zu überleben. Furcht nicht. Denn Furcht ist etwas tieferes, ist etwas Existenzielles. Und diese Existenz ist gehalten und umgeben von der Liebe, die Gott ist. Und nichts anderes ist die Erkenntnis Luthers der Rechtfertigung: Wir sind und bleiben von Gott Geliebte ohne Leistung. Und aus dieser Liebe heraus leben wir, und diese Liebe macht uns auch frei. Und zu solchen Taten der Liebe - Eva Korr, Oskar Schindler und die anderen – ist ein Mensch nur in der Lage, wenn er innerlich frei ist. Und dann ist er auch ohne Furcht.

Ein anderes Beispiel: „Der nächste, der Blödsinn macht, bekommt einen Verweis.“ Es ist eine chaotische unruhige Klasse, ich bin froh, wenn der Unterricht vorbei ist. Und, na klar, nennen wir ihn „Willi“, Willi hat es geschafft, zieht dem zurückhaltenden Mädchen vor ihm an den Haaren – Verweis. Punkt. Nach der Stunde kommt Will zu mir, er ist nicht alleine, sein Freund, nennen wir ihn Klaus, ist dabei. Willi zittert, hat Angst und bittet mich, den Verweis zurückzunehmen. Und Klaus springt ihm bei: Nicht Willi, da hätte ich mich verguckt, er selbst sei es doch gewesen, der das Mädel geärgert hätte. Und wenn Willi den Verweis bekäme, würde sein Vater ihn schlagen und außerdem sei er es ja gar nicht gewesen. Ich hab den Verweis zurück genommen und auch Klaus ging ohne Verweis nach Hause. Denn dieser Freund hat meinen Respekt: Ob das alles stimmte oder nicht, will ich gar nicht wissen: Da stellt sich ein Freund vor einen anderen, ohne Furcht, denn Furcht ist nicht in der Liebe. Dieser Klaus war frei, etwas zu tun für einen anderen – auch wenn er Nachteile in Kauf nehmen müsste. Die Frage ist: Wovon lassen wir uns leiten? Woran orientieren wir uns bei unserem Handeln? Ist es die Liebe oder ist es die Furcht: Wenn wir wieder Grenzzäune erreichten und Stacheldrähte ziehen aus Furcht, dass es für uns nicht mehr reicht, dass die Fremden uns alles wegnehmen, wegessen, unsere Arbeitsplätze, unsere Frauen, unsere Häuser – das ist nicht erfunden, dass erzählen mir Schüler im Jahr 2016: „Die Araber nehmen uns die Mädels weg….“ Schulhof 2016 

Wenn wir am Hotelpool morgens um 6 noch vor dem Frühstück unsere Handtücher in die erste Reihe legen – aus reinem Egoismus und Angst vor der 2. Reihe. Oder haben Sie mal im Rathausprunksaal eine Veranstaltung OHNE Platzreservierung erlebt. Ein „Ach bitte, ich lasse Sie gerne vor“ hören Sie da nicht. Übrigens von mir auch nicht, das gebe ich zu. Aber in der Liebe bin ich dann nicht mehr, ich bin in der Angst vor der letzten Reihe, wo man nichts mehr sieht. Luther ruft uns zur Freiheit auf: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Und er ist deshalb frei, weil, egal was kommt, er in der Liebe seines Gottes leben und sterben kann. Deshalb soll, deshalb kann ich auch so frei sein zu sagen, was ich denke. Sich einmischen in der Politik, in der Gesellschaft, aber auch in dem Umfeld, in dem ICH lebe – in der Schule, bei mir oder bei Ihnen am Arbeitsplatz. Eine Berufsschülerin hat mir erzählt, wie sie sich geweigert hat, als Arzthelferin Rechnungen zu fälschen. Sie wurde entlassen, mittlerweile hat sie einen neuen Job bekommen. Seinem Gewissen folgen in Freiheit und ohne Furcht – umgeben von der Liebe Gottes. Das ist es. Aber den zweiten Teil des Lutherwortes will ich nicht verschweigen: Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Dieses zweite aber ist nur in derselben Freiheit möglich. Weil ich ein freier Mensch bin und ohne Furcht leben darf, deshalb kann ich mich auch einfügen – unterordnen, die Ordnung achten und die weltliche Obrigkeit, solange diese nicht handelt gegen die Liebe. Dann wieder muss ich aufstehen und mich aufrichten und eintreten – für andere. Augustinus hat gesagt „ Liebe – und dann tue was du willst“. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen – ohne Furcht. Das ist eigentlich schon ein schönes Schlusswort, aber ich habe noch einen Text für Sie zum Abschluss, als „Amen“ sozusagen, ein Gedicht des großen Kabarettisten und Christen Hanns Dieter Hüsch:
„Ich setze auf die Liebe….“

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

KR Oliver Spilker
Religionspädagoge

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