Veröffentlicht am So., 2. Aug. 2015 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrerin Dorothea Zwölfer

Predigt zu Mt 25, 14-40

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

manchmal habe ich so spontane Ideen, wie etwa heute eine Umfrage zu machen und dazu ein paar Fragebögen zu verteilen - aber das wäre dann doch zu aufwändig -
daher mal die Frage, die mir wichtig ist, einfach so gestellt: Was für ein Bild von Gott haben Sie eigentlich? Als ich noch ein Kind war und mir meine Großmutter aus der Kinderbibel Geschichten vorlas, da dachte ich: Gott ist so ähnlich wie ein lieber alter Mann. Jemand, der es gut mit einem meint - so vage aber ungefähr so ein Gottesbild oder auch Bild von Jesus bekam ich durch die Geschichten in der Kinderbibel. Der Predigttext, den wir nun hören, zeigt: Meine Großmutter machte alles richtig, als sie mir die biblischen Geschichten vermittelte. Sie vermittelte mir ein Gottesbild, das von Liebe und Vertrauen geprägt war und mir bis heute hilfreich ist. Als ich später mir dann eine eigene Bibel kaufte, stellte ich fest, dass es da auch ganz andere Geschichten gibt - voller Gewalt und sehr schwer verständlich. Gott sei Dank studierte ich dann Theologie und lernte, wie man die Bibel im Sinne Jesu lesen sollte. Warum ist das wichtig? Weil unser heutiger Predigttext auch die Frage nach dem Gottesbild aufwirft und weil es zentral darauf ankommt, diese Parabel im Sinne des Gottesbildes Jesu zu hören. Doch darauf werde ich gleich kommen. Zunächst der Predigttext für den heutigen Tag. Er steht bei Matthäus Kapitel 25, Verse 14-40:

"Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern."
Lasst uns in der Stille um den Segen der Predigt bitten...

Herr segne Du reden und hören. Amen

Liebe Gemeinde,

wenn man die letzten Sätze der Parabel hört, kann einem Angst und Bange werden. Da klingen Assoziationen an Hölle und Fegefeuer an, an einen Gott, der brutal straft und vor dem man Angst haben muss. Es schwingt ein Gottesdbild mit, dass Martin Luther in seiner vorreformatorischen Zeit nur zu gut kannte. Ein Gott, der mit Blitz Menschen bestraft und bei dem man ein Gelöbnis ablegen muss, um ein Gewitter zu überleben. Luther kannte den aus der mittelalterlichen Kirche vermittelten Gott - ein Gottesbild, dass von Strafe, Zorn und Angst geprägt war. Angst, die dazu führte, dass Ablasshandel getrieben wurde. Angst, die dazu führte, dass die römisch katholische Kirche viel behaupten konnte, aber kaum kritisiert wurde. Luther entdeckte dann an Hand des Römerbriefes: Dieses von der Kirche vermittelte Gottesbild ist falsch. Wer an Gott glaubt, der ist gerechtfertigt allein auf Grund seines Glaubens. So, wie die ersten beiden Knechte im Gleichnis ihrem Herrn vertrauten und aus dieser inneren Ruhe des Glaubens heraus gut arbeiten konnten und Gewinn machen konnten mit dem, was ihnen anvertraut war.

Diesen Predigttext wird man meiner Meinung nach nur dann richtig verstehen, wenn man sich klar macht, dass es hier um Gottesbilder geht - manche Gottesbilder, die einem vermittelt werden, sind hilfreich - andere helfen einem gar nicht. Der dritte Knecht bekommt wie alle anderen Knechte viel anvertraut. Wenn man es im Blick auf materielles Einkommen übersetzen würde, sind es mehrere Jahresgehälter. Wenn man umrechnet, was 1 Zentner damaliges anvertrautes Geld in Euro heute im Jahr 2015 wert wäre, käme man auf die stolze Summe von ca. 50.000 - 900.000 Euro je nachdem, wie man rechnet. Jedenfalls mindestens ein Jahresgehalt eines Arbeiters. Das ist es, was der Herr im Minimum jedem der Sklaven anvertraut. Ein gewaltiger Vertrauensvorschuss! Gut, die anderen beiden Knechte bekommen sogar noch mal deutlich mehr anvertraut - aber selbst wenn jemand von uns nur 50.000 Euro Startkapital bekäme, wäre das schon sehr viel. Klar war damals: Wenn ein reicher vermögender Herr von vielen Sklaven denen was anvertraut, dann kommt er irgendwann zurück und rechnet ab. D.h. der Auftrag, das Vermögen zu mehren ist so klar, dass man ihn nicht extra erwähnen muss. Die beiden ersten Sklaven gehen fröhlich ans Werk und vermehren das anvertraute Gut - sehr erfolgreich. So, dass wir vielleicht nachfragen würden, ob die beiden irgendwelche mafiösen Methoden angewandt haben oder hochriskante Aktiengeschäfte an der Börse durchgeführt haben. Aber das steht hier nicht zur Debatte. Jesus hatte nichts gegen Schlitzohren, ihm ging es auch nicht um Moral oder um die Frage, was das Naturrecht fordert - Jesus wollte deutlich machen, was im Reich Gottes wichtig ist: Mit dem, was einem anvertraut ist, zu wuchern und zwar im Vertrauen darauf, dass der, der einem was anvertraut, es gut mit einem meint.

Der dritte Sklave/Knecht dagegen hatte ein verkorkstes Gottesbild bzw. Bild von seinem „Herrn“: Er hatte Angst vor ihm und vergrub deshalb das anvertraute Geld. Zu Recht kam dann der Frust und der Vorwurf: Wenigstens zur Bank hätte man das anvertraute Geld bringen können, dann hätte es Zinsen gebracht und keinen Wertverlust durch die Inflation. Warum erzählt Jesus diese Parabel? Er spielt ja nicht nur auf die Finanzwelt an - das sieht man an dem Satz, den der erste und zweite Sklave zu hören bekamen: „du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen;“ und dann geht es weiter: „geh hinein zu deines Herrn Freude!“ Viele Ausleger verstehen darunter eine Anspielung auf das ewige Leben. Ob es so gemeint ist oder die Parabel auf das Leben in dieser Welt gemünzt ist, lässt sich vermutlich nicht klar entscheiden, auch wenn der Zusammenhang bei Matthäus deutlich macht, dass es um mehr geht als um Geld. Um was aber dann?
Jesus wollte, dass seine Jüngerinnen und Jünger Menschen von Gottes Liebe überzeugen und ihnen Gottes Liebe nahebringen - eine Liebe, die viel größer ist als jede menschliche Liebe, die aber auf unser Leben abfärben wird, wenn wir uns ihr öffnen. Und Liebe wirkt sich aus, sonst taugt sie nichts. Liebe ist nicht nur ein nettes Gefühl in einem selber, sondern etwas, was Beziehungen zum Guten hin verändern kann. Ein Beispiel: Im Blick auf die Flüchtlinge, die derzeit aus Afrika und Syrien zu uns kommen, hörte ich vor kurzem einen Bericht von einer Frau, die nach Griechenland gereist ist und dort für die ankommenden Menschen Brote schmiert und ihnen sehr konkret hilft. Solche Menschen gibt es bei uns auch - viele helfen denen, die Asyl beantragt haben und viele machen sich Gedanken, wie man die Not dieser Menschen lindern kann. Ich denke, dass diese Menschen heute von Jesus als Beispiele genannt würden, wie eine Begabung, die Gott einem geschenkt hat, sich konkret auswirken kann.

Andere haben vielleicht Kinder zu erziehen und machen sich viele Gedanken, wie sie ihren Kindern das Beste mitgeben können, damit deren Leben gelingt. Auch diese Frauen und Männer wuchern mit den anvertrauten Talenten. Ebenso diejenigen, die sich für Menschenrechte von Minderheiten engagieren oder sich darum kümmern, dass Vorurteile gegenüber anderen abgebaut werden und so unsere Gesellschaft ein Stück weit humaner wird. Nun fragen Sie sich vielleicht: Und was ist meine Begabung? Was kann ich denn tun? Eines können wir alle, solange wir bei Bewusstsein sind: Für andere Menschen und für diese Welt beten - und das ist eine wichtige Art, mit dem, was uns anvertraut ist, zu wuchern. Gebet kann viel verändern. Nun denken Sie vielleicht: Dass müssen Sie ja so sagen… - aber ich sage es nicht, weil ich das von Berufs wegen sagen muss, sondern weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Gebet etwas bewirken kann, weil Gott es mag, wenn man ihn um etwas bittet. Gott möchte, dass wir unsere Begabungen einsetzen - das wird an vielen Stellen in der Bibel deutlich und diese Parabel macht es noch einmal mehr klar: Statt vor dem Fernseher oder dem Computer oder Smartphone zu konsumieren und zu versauern (das ist letztlich die Haltung des dritten Knechts), sind wir Salz und Licht dieser Welt. Und zwar aus der Beziehung zu Jesus heraus, aus dem Vertrauen heraus, dass wir einen Gott haben, der uns liebt wie ein Vater seine Kinder. Deshalb sind wir eingeladen, auch Gottesbilder abzulegen, die nicht zum Gottesbild Jesu passen. Wie aber geht das? Indem man die Gleichnisse Jesu liest, in denen er beschreibt, wie Gott der Vater ist - vor allem in Lukas 15.

Meine Großmutter hatte es geahnt und mir ein Gottesbild vermittelt, das nicht durch Angst geprägt war. So wünsche ich es jedem Kind und jedem Menschen - und vielleicht werden wir ja für andere auch zu Menschen, die ein Gottesbild weitergeben, das nicht von Angst geprägt ist, sondern zum Leben in Fülle ermutigt? Das ist m.E. das eigentliche Ziel dieser Parabel, ganz ähnlich, wie es im Johannesevangelium über Jesus als den guten Hirten (vgl. Joh 10) gesagt wird, der seinen Schafen ein Leben in Fülle schenken will. Aus der Beziehung zu Jesus heraus werden wir Frucht bringen - das sagte er selbst uns zu. Also gilt es, in dieser Beziehung zu bleiben bzw. in diese Beziehung zu kommen und dazu gehört an erster Stelle das Gebet im stillen Kämmerlein. Aus dieser Beziehung wächst dann alles andere und zwar ohne dass es uns überfordert. Wer in Beziehung zu Jesus Christus lebt, der spürt, wo sein Platz in der Gemeinde ist, wo sein Platz in der Kirche ist oder in dieser Welt - sei es in einem Verein oder in einer Musikgruppe, die andere mit ihrer Musik erfreut oder wo auch immer. Und aus dem Liebesgebot ergibt sich auch, dass Glaube keine Überforderung wird, denn die Liebe gilt auch der eigenen Person. Gott wird einem deutlich machen, wo man selber anpacken soll und wo vielleicht andere besser begabt sind und man getrost auch Aufgaben weitergeben kann - auch das gehört zum „Wuchern“ mit den eigenen Pfunden: Sich bewusst sein, dass man Teil des Leibes Christi, Teil dieser Kirche ist und viele andere mit einem am Reich Gottes bauen.

Amen

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Dorothea Zwölfer
Pfarrerin

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