Veröffentlicht am Do., 31. Dez. 2015 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrerin Dorothea Zwölfer

Predigt zu Mt 25, 14-40

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

was haben manche Minderheiten wie transsexuelle Menschen, Sinti und Roma, Muslime oder in arabischen Ländern auch Christen gemeinsam? Sie erleben „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, wie es die Bielefelder Soziologen Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer und Prof. Dr. Andreas Zick ausdrücken. Dieser Begriff ist eine Art Oberbegriff für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Islamfeindlichkeit, Sexismus, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen usw. – so Wikipedia. Nun wird mancher von Ihnen sagen: Was hat das mit uns heute am Altjahresabend in der Christuskirche zu tun? Will die Pfarrerin sich selber zum Thema machen? Ich kann es bald nicht mehr hören…

Liebe Gemeinde, keine Angst – ich will weder mich zum Thema machen, noch ausführlich über die Frage der Transsexualität etwas predigen - dazu ist wirklich kein Grund heute Abend. Aber unser Predigttext enthält eine Formulierung, die genau das umschreibt, was Heitmeyer und Zick mit „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ zusammenfassen. In der Antike gab es ja bekanntlich den Apostel Paulus und der hat im Römerbrief und in vielen anderen Briefen beschrieben, wie die Lage der Christen als Minderheit damals war. Er nannte das damals nicht „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, sondern beschrieb es so: „wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ Wie bitte – werden Sie nun vielleicht sagen? Doch, genau diese Formulierung findet man in der Lutherbibel, wenn man den Predigttext für den heutigen Abend liest.

Doch hören Sie selbst: Der Predigttext für den Altjahresabend steht im Römerbrief, Kapitel 8 ab Vers 31: […] Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Lasst uns in der Stille um den Segen der Predigt bitten... Herr segne Du reden und hören. Amen. Liebe Gemeinde, Der Anfang unseres Predigttextes ist ja schon mal eine Zumutung für manche Theologen. Gott als ein Gott, der seinen Sohn nicht verschont – das passt so gar nicht in das idyllische Bild eines „Guten-Opa-total-taub- Gottesbildes“ und so übersetzen ja manche Theologen ja Gott: Ein liebevoller alter Herr, der zu allem Ja und Amen sagt und bei dem jeder Mensch willkommen ist.

Sicherlich gibt es gute Gründe dafür, von Gott eben auch so zu reden – aber wir sollen uns ja kein Bild von Gott machen und deshalb auch dann innerlich dabei sein, wenn wir Aspekte von Gott hören, die zunächst mal wenig zu dem Gottesbild passen, was wir vielleicht im Kindergottesdienst zu hören bekamen. Gott also als jemand,, der „seinen eigenen Sohn nicht verschont hat“ – das klingt ziemlich brutal. Doch die Realität zur Zeit Jesu war eben nicht idyllisch für Jesu Eltern und auch nicht für die ersten Christen, sondern hart, brutal, rau. Eine Welt, die zerrissen war durch massive Interessenkonflikte zwischen dem römischen Reich und aufmüpfigen Zeloten in Israel und anderen Rebellen. Eine Welt, in der es Konflikte um die Frage der Religion gab: Einerseits den Polytheismus der Römer und Griechen, andererseits den Monotheismus der Juden – und in diese Situation hinein wird Jesus geboren – in einer Notunterkunft, in der es nicht weihnachtlich nach Zimt und Parfüm duftete, wie vielleicht in manchem Wohnzimmer, sondern vermutlich weit mehr nach Mist und Biogas im Stall. Und Jesu Biografie zeigt wenig davon, dass sich an dieser schwierigen Situation zu seinen Lebzeiten etwas änderte – im Gegenteil: Er geriet zwischen die Fronten und zahlte dafür mit seinem Leben. Er predigte und lebte zwar nichts, was eigentlich einen Grund geboten hätte, ihn zu töten – aber er erlebte es, wie sich „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ auswirkte: Weder die Römer wollten ihm richtig zuhören, noch die Repräsentanten der damaligen Religionen. Weder bei den Zeloten noch bei den Philosophen seiner Zeit fand er Rückhalt – nicht mal seine Jünger standen zu ihm, als es ans Kreuz ging. Mit so jemandem wollte niemand etwas zu tun haben. Alle zogen ihre Unterstützung zurück, als klar war, dass Jesus eben nicht sich mit einer bestimmten Gruppe solidarisierte, sondern davon sprach: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Diese innere Distanz die sich in seinem Verhältnis zu den Zeloten genauso zeigt wie zu den Römern machte ihn zwar einerseits frei, andererseits aber hatte er am Ende keinerlei Unterstützer und starb elend am Kreuz. Wenn damit alles zu Ende gewesen wäre, dann wäre Jesus nur ein Beispiel von vielen marginalisierten Menschen gewesen.

Aber offensichtlich ging nach Ostern die Geschichte Jesu in eine Art Update-Prozess – d.h. ohne Auferstehung kann man sich eigentlich gar nicht erklären, warum ausgerechnet Jesus als der Messias von den ersten Christen verehrt wurde und warum aus einem Saulus ein Paulus wurde, der bereit war, für diesen auferstandenen Jesus in die entlegensten Winkel zu ziehen und von ihm zu erzählen. Und das, obwohl die Nachfolge Jesu für ihn ebenso wie für viele andere Christen bedeutete, am eigenen Leib „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zu erleben. Das sieht man z.B. in den Katakomben in Rom genauso wie in all den Ländern, in denen die Religionszugehörigkeit im Pass vermerkt wird – und zwar nicht etwa, um Menschen vor anderen zu schützen, sondern meist, um sie zu diskriminieren. Aber das ist ein eigenes Thema, zu dem man auf der Internetseite von open doors oder der IGFM viel erfahren kann. Paulus nun entwickelt so etwas wie „Stolz“ darauf, Jesus nachfolgen zu dürfen und berufen zu sein – trotz aller Erfahrungen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die man in seinen Briefen entdecken kann. Er schreibt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?“ JA, Gott scheint ein Interesse daran zu haben, Menschen zu erwählen, die am Rande stehen. Die eben nicht zu den Mächtigen gehören, die keine Lobby haben und für die auch keine Stiftung große Summen zur Verfügung stellt, damit sich ihre Situation verbessert. Auch die Medien haben meist kein Interesse, sachlich fundiert über Minderheiten und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu berichten – es sei denn, eine Geschichte verspricht viel Quote und damit Umsatz.

Aber wen interessiert schon das Schicksal von Sinti und Roma in Rumänien oder anderen EU-Ländern? Und im Blick auf Muslime werden ja meist viel schneller diejenigen in den Medien zitiert, die Angst vor radikalen Salafisten und Rückkehrern des IS haben, als diejenigen, die wissenschaftlich fundiert deutlich machen, welche Gruppen in Deutschland derzeit wirklich gefährlich sind. Wer das genauer wissen will, sollte einmal den Verfassungsschutzbericht lesen. Unter dem Stichwort „Hass 2.0“ findet man beim bayrischen Verfassungsschutz Hinweise auf Menschen, die einseitig negative Meldungen über Flüchtlinge verbreitet – und zwar via soziale Medien hochprofessionell. Aber das will ich nicht vertiefen. Paulus ermutigt uns, in dem er fragt: Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Ja, viele Menschen erleben gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – aber Jesu Liebe ist größer. Er ist als Auferstandener ebenso auf der Seite der Schwachen und Verlierer der Gesellschaft, wie es Gott der Vater und der Hl. Geist sind.

Und das Gott ein Gott ist, der Interesse an Minderheiten hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel – d.h. man kann das auch nicht einfach fromm abwerten im Sinne einer überholten Dogmatik. Sowohl der Auszug aus Ägypten wie auch die prophetische Kritik an den Zuständen in Israel, aber genauso die Endzeitrede in Matthäus 25, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und viele andere Aussagen der Bibel lassen sich zusammenfassen in der Beobachtung, die der Ökumenische Rat der Kirchen in der Erklärung „Gemeinsam für das Leben - Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“ so formulierte: „Der dreieinige Gott lädt uns zur Teilnahme an seiner Leben spendenden Mission ein und schenkt uns die Kraft, Zeugnis von der Vision eines Lebens in Fülle für alle angesichts des neuen Himmels und der neuen Erde abzulegen.“ D.h. der Einsatz für Menschen, die unter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit leiden ist Teil des Missionsauftrags Gottes! „Die Kirche erhält den Auftrag, das Leben zu feiern und in der Kraft des Heiligen Geistes Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Kräfte zu leisten und sie zu verwandeln.“ „Wir glauben nicht, dass die Erde verworfen wird und nur die Seelen gerettet werden; sowohl die Erde als auch unsere Körper müssen durch die Gnade des Geistes verwandelt werden. Wie die Vision von Jesaja und die Offenbarung des Johannes bezeugen, werden Himmel und Erde neu (Jesaja 11,1-9; 25,6-10; 66,22; Offenbarung 21,1-4).“ „Wir erkennen den Geist Gottes dort, wo Menschen für das Leben in seiner ganzen Fülle und in all seinen Dimensionen eintreten, einschließlich der Befreiung der Unterdrückten, der Heilung und Versöhnung zerbrochener Gemeinschaften und der Wiederherstellung der Schöpfung.“ – genau das ist es, was Paulus in Römer 8 im Blick auf das Werk und Wesen Christi betont, das mit dem des Heiligen Geistes und des Vaters untrennbar verbunden ist: Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. So wünsche ich uns am Ende diesen Jahres und zu Beginn des neuen Jahres, dass wir diese Liebe Christi und die verwandelnde Gegenwart des heiligen Geistes genauso spüren und erleben wie die Güte und Gnade des Vaters im Himmel.

Amen

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Dorothea Zwölfer
Pfarrerin

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