Veröffentlicht am So., 4. Jan. 2015 10:00 Uhr
Jakobuskirche Ast, Dr. Burkhard Bauer

Predigt zu Lk 2,41-52

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes bitten.

Liebe Schwestern und Brüder,
hoffentlich sitzen Sie alle sicher auf Ihren Stühlen; denn in übertragenem Sinn sitzen wir zwischen zwei Stühlen, gerade noch in der Zeit, die manche „zwischen den Jahren" nennen, was es natürlich gar nicht gibt. Die Zeit schreitet gleichmäßig voran. Aber trotzdem ist es irgendwie eine Zwischenzeit. Sie werden es an den Liedern merken. Dieser Sonntag heißt der zweite Sonntag nach dem Christfest. Er gehört noch zum Weihnachtszyklus. Weihnachten ist aber doch vorbei und wir haben schon den Gottesdienst zum Altjahrsabend und zum Neuen Jahr gefeiert. Und Epiphanias, das Fest der Erscheinung des Herrn ist erst übermorgen. So singen wir ein Weihnachtslied und ein Epiphaniaslied, Wir singen ganz alte Lieder aus dem 17. Jahrhundert und auch neue Lieder aus dem 20. Jahrhundert.

Auch in unserem Evangelium für den heutigen Sonntag, das Sie eben gehört haben, geht es um so ein „zwischendrin". Lukas geht es darin nicht um einen historisch nachprüfbaren Bericht, sondern um die Heilsgeschichte Jesu. Jesus ist in unserer Geschichte nicht mehr der holde Knabe im lockigen Haar, der in himmlischer Ruhe schläft. Es ist aber auch noch nicht der Erwachsene auf seinem Weg von Nazareth nach Jerusalem. Heute geht es in dem Evangelium, das uns Lukas überliefert hat, noch nicht um den Mann, der Kranke heilt und Tote auferweckt. Es geht auch noch nicht um den Mann, der die Gesetze der Natur durchbricht und Wind und Wasser befiehlt – die ihm dann auch gehorchen! Es geht auch nicht um den Mann, der uns in seiner Bergpredigt Zielvorgaben, in modernem Wirtschaftsdeutsch: ein Leitbild vorgibt, nicht nur für die Firma Kirche, sondern für uns alle, für die ganze Menschheit.

In unserem heutigen Evangelium geht es um den 12 Jahre alten Jesus, den man einen Knaben in der Pubertät nennen könnte, wenn ich das einmal so profan ausdrücken darf, um Jesus zwischen seiner Geburt und seinen Heilstaten, die uns dem Reich Gottes nahe bringen.

Pubertät, das ist ja die schwierige Zeit für die Eltern, die ihren Kindern Freiräume lassen wollen, aber sie auch noch behüten müssen. Sie erleben dabei gleichzeitig einen Wechsel von Widerborstigkeit und Anhänglichkeit im Verhalten ihrer Kinder, dessen Rhythmus nicht zu ergründen ist. Für die Jugendlichen ist das die Zeit, in der sie selber alles entscheiden wollen. Aber sie merken doch, dass sie in Vielem noch vollständig von den Eltern abhängig und auf deren Fürsorge und Hilfe angewiesen sind.

Aus dieser Lebensphase berichtet uns Lukas über die heilige Familie, die aber eben nicht ganz heile Familie ist, bei der es auch Spannungen gibt. Bewusst schreibt Lukas über den 12jährigen Jesus; denn nach jüdischem Glauben ist ein Junge mit 13 Jahren durch die Feier der Bar Mitzwah im religiösen Sinn volljährig. Jesus ist dies in unserem Evangelium aber eben gerade noch nicht, aber doch wohl auf dem Weg dazu. Diesen Schwebezustand Jesu sowohl in seiner Göttlichkeit als auch in seiner Menschlichkeit beschreibt Lukas ganz eindringlich.
Die frommen Eltern Maria und Josef nehmen den jugendlichen Jesus das erste Mal auf die jährliche Pilgerreise nach Jerusalem mit, um ihn in die Religion einzuführen. Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes (V. 41 – 42). Sie lassen ihrem Sohn genügend Freiraum, indem sie ihn nach dem Fest – ihrer Meinung nach – mit Verwandten und Bekannten die Heimreise antreten lassen, um dann voller Erschrecken festzustellen, dass das offenbar zu viel Freiraum und zu wenig Beaufsichtigung war, denn als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten's nicht (V. 43).

Die Eltern finden Jesus dann in tiefschürfenden, geistlichen Diskussionen mitten unter den frommen und gelehrten Männern im Tempel. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten (V. 49). Es gehört zur antiken Erzählweise, der auch Lukas folgt, dass ein bedeutender Mensch und erst recht ein übermenschliches Wesen, wenn ich das verallgemeinernd so sagen darf, bereits sehr früh, lange vor dem Erwachsenwerden ungewöhnliche Kraft, Klugheit und geistige Reife zeigt.

Seine Mutter Maria macht Jesus heftige Vorwürfe: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht (V. 48). Das ist verständlich; welche Eltern würden wohl nicht schrecklich leiden, wenn ihr Sohn 3 Tage lang vermisst ist? Der Junge Jesus entschuldigt sich nicht, sondern antwortet menschlich gesehen provokant und fast vorwurfsvoll, aber in seiner durchscheinenden Göttlichkeit: Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? (V. 49b). Und dann geht Jesus brav und folgsam mit den Eltern zurück nach Nazareth.

Diese Erzählweise erscheint etwas verkürzt. Kein Wort über Aussöhnung zwischen Eltern und Sohn. Und doch ist das Entscheidende gesagt, diese Doppeldeutigkeit im besten Sinn des Wortes, diese doppelte Bedeutung des Gesagten. Einerseits ist Jesus ganz menschlich ein Junge in der Pubertät, wenn er sich von den Eltern absetzt, ohne an daran zu denken, dass die sich Sorgen machen, um dann folgsam mit den Eltern nach Hause zu gehen Er ist ganz Mensch im Zwischenstadium vom Kind zum Mann.

Andererseits Jesus ist aber eben auch schon göttlich, wenn er voll tiefem Verständnis über Gott redet. Die Antwort, die er den Eltern auf Marias Vorhaltungen gibt, ist die erste wörtliche Rede, die von Jesus überliefert ist; und die ist sehr kurz aber bemerkenswert: Jesus nennt Gott, den Herrn „Vater". Dieser Ausdruck „Vater" für Gott, den Herrn, ist etwas Besonderes. Er kommt in der für Jesus gültigen Glaubenslehre, der Thora nur ein einziges Mal vor, nämlich im Lied des Mose vor seinem Tod, seine Mahnung an das Volk Israel, Jahweh als den einzigen Herrn zu verehren:
Dankst du so dem HERRN, deinem Gott,
du tolles und törichtes Volk?
Ist er nicht dein Vater und dein Herr?
Ist's nicht er allein, der dich gemacht und bereitet hat? (Dtn 32, 6)
Danach wird Gott im Alten Testament nur ganz selten, so in zwei Psalmen und bei Jesaja Vater genannt. Das erklärt auch die Reaktion von Josef und Maria: Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte (V. 50).

Die Bezeichnung „Vater" für Gott, den Herrn, weist Jesus eine besondere Gottesnähe zu und löst ihn von den Bindungen seiner irdischen Familie. Die Teilnahme am Gottesdienst, der Aufenthalt im Tempel, die Auseinandersetzung mit Gottes Wort, kurzum, die Nähe zu Gott, dem Vater sind für ihn vorrangig gegenüber den irdischen Sohnespflichten. Auch in dieser Hinsicht ist es ein Zwischenstadium.

Bei der Geburt Jesu kommt Gottes Heilsbotschaft durch die Stimme und den Gesang der Engel zunächst zu den Hirten und wird durch deren Glauben und spontanes Handeln zu den Menschen gebracht. Jesus ist da noch passiv. Jetzt, im Tempel von Jerusalem erleben wir Jesu erstes aktives Leben als Gottessohn. Und die weitere Entwicklung hat Lukas auch mit sehr knappen Worten zusammengefasst: Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen (V. 52). Nicht nur, dass Jesus erwachsen wurde, um als Wanderprediger durchs Land zu ziehen, sondern es wuchs in ihm auch die göttliche Kraft, den Menschen das Heil der Liebe und Barmherzigkeit zu verkünden.
Sein weiterer Weg führt durch die Taufe im Jordan durch Johannes und das Besiegen der Versuchungen durch den Teufel in der Wüste. Auch seine erste Predigt in Nazareth hat noch nicht die göttliche Kraft, die Menschen zum Glauben zu führen; im Gegenteil, die Leute wollten ihn von einer Klippe in den Tod stürzen, bevor er zum Menschen unseres göttlichen Heils durch Tod und Auferstehung wurde.

Jesus Christus, unser Heiland, Gottessohn, wahrer Gott und wahrer Mensch, oder wie es im Nizäischen Glaubensbekenntnis etwas verkürzt heißt:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott, ...
eines Wesens mit dem Vater;
Für uns Menschen und zu unserm Heil
ist er vom Himmel gekommen, ...
hat Fleisch angenommen
und ist Mensch geworden.

Die Eltern Jesu verstehen Jesu Worte und das Geschehen nicht. Auch für uns ist das nicht mit dem Intellekt zu begreifen. Wie sollte es auch? Aber wir können uns an Maria ein Beispiel nehmen. Wie schon bei der Rede der Hirten an der Krippe von der göttlichen Botschaft durch die Engel so auch hier: Maria behielt alle diese Worte in ihrem Herzen (V. 51b). Ich wünschen Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, und auch mir selbst, dass uns das gelingt im Neuen Jahr, jeden Tag, die Worte Gottes im Herzen zu behalten.
Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dr. Burkhard Bauer
Prädikant

Kategorien Predigt Prädikant Dr. Bauer