Veröffentlicht am So., 31. Mai. 2015 10:00 Uhr
Predigt in der Christuskirche, Herr Dr. Burkhard Bauer

über Lk 18, 31 - 43

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus! Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

der heutige Sonntag Estomihi ist ein Wendepunkt im Verlauf des Jahres. Auf der einen Seite ist es weltlich gesehen gerade noch ausgelassenes Faschingstreiben, auf der anderen Seite beginnt in drei Tagen die Fastenzeit. Im Kirchenjahr ist es ein Wendepunkt von der Freudenzeit von Weihnachten und Epiphanias und als der letzte Sonntag der Vorfastenzeit bereits die Vorbereitung auf die Passionszeit.

Einen Wendepunkt im Leben Jesu beschreibt auch Lukas in seinem Evangelium. Hören Sie einen Abschnitt aus dem 18. Kapitel:

Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn (Jes 52,13–53,12). Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Herr, segne unser Reden, unser Hören und unser Denken durch die Kraft deines Heiligen Geistes! Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

bei unserem Predigttext hat man doch auf den ersten Blick den Eindruck, da stünden zwei Abschnitte aneinander gereiht, die nicht recht zusammen passen und die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Da folgt der bedeutungsschweren Leidensankündigung Jesu unvermittelt die Heilung eines Blinden.

Doch das täuscht. Ich hole ein bisschen aus. Lukas beschreibt in seinem Evangelium im ersten Teil Jesu Geburt, seine Kindheit und Jugend bis zur Bar Mizwa mit 12 Jahren im Tempel von Jerusalem. Die war Lukas wichtig, denn ab jetzt ist Jesus nach den Regeln der Religion volljährig.

Im zweiten großen Abschnitt erzählt Lukas das Leben Jesu, wie er in Galiläa gewirkt hat. Er hat in der Synagoge gelehrt, den Jüngern und dem Volk (? den Menschen?) vom Reich Gottes direkt und in vielen Gleichnissen erzählt und er hat viel Gutes getan. Jesus hat Menschen in Not mit dem Lebensnotwendigen, mit Essen und Trinken geholfen/versorgt, mit Wein und Brot und Fischen; und er hat Kranke geheilt und sogar Tote zum Leben zurückgeholt.

An dieser Stelle am Übergang zum dritten Teil des Lukas-Evangeliums setzt unser Predigttext ein. Es ist die sogenannte dritte Leidensankündigung Jesu. Sie markiert einen entscheidenden Wendepunkt im Leben Jesu. Jesus kommt von Galiläa nach Jericho unten an den Jordan, um von dort aufzubrechen hinauf nach Jerusalem. Er weiß, was dort auf ihn zukommen wird, die Gefangennahme, die Folter, der Tod, und er zieht seine Jünger ins Vertrauen, indem er ihnen sagt, was ihm bevorsteht:

Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten (V. 32f). Die Jünger können das nicht verstehen. Jesus, das ist doch der Mann, der alle Menschen in seinen Bann ziehen kann, der heilt, der Wunder tut, der so voll Überzeugung vom Reich Gottes redet. Von ihm ahnen einige und einige sind sogar überzeugt: Er ist der Messias! Du bist der Christus Gottes! (Lk 9, 20) sagt Petrus voll Überzeugung. Und der soll wie ein Verbrecher sterben? Das können sie nicht verstehen, absolut nicht. Lukas betont das, indem er es dreimal wiederholt: Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war (V. 34).

Etwas scheinen sie überhört zu haben: … und am dritten Tage wird er auferstehen (V. 33b).

Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Jünger haben den Sinn von Jesu Worten nicht verstanden, nicht durchschaut, das Entscheidende nicht gesehen.

Jetzt kommt die Verbindung zum zweiten Teil des Predigttextes, in dem es auch um das Sehen geht. Es ist die Heilung des Blinden, dass er wieder sehen kann. Es kommt in dieser sehr kurzen Heilungsszene nicht in erster Linie auf den Blinden an, sondern auf Jesu Verhalten. Als er von der Not des Blinden hört, unterbricht er sofort seine so tiefgreifende Besprechung mit den Jüngern. Ging es doch darin um die für das Heil der ganzen Menschheit entscheidenden Ereignisse der kommenden Tage. Jesus wendet sich sofort dem Hilfesuchenden zu. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend… (V. 42f).

An dieser Stelle ist man versucht, schon mit dem Lesen aufzuhören: Na ja, eines der vielen Heilungswunder, häufig an Blinden. Doch Halt! Die Heilung eines Blinden ist ja auch keine Kleinigkeit. Ich meine damit nicht den medizinischen Aspekt, obwohl gerade Blindheit auch in der modernen Heilkunde durchaus ein sehr ernstes und schwierig oder gar nicht zu heilendes Problem ist. Ich meine damit den sozialen bzw. menschlichen Aspekt. Krankheit wurde damals als Strafe Gottes für ein sündiges Leben verstanden, so dass der Blinde von den Anderen und von sich selbst als schlechter Mensch erlebt wurde. Ein Blinder ist zudem immer auf die Hilfe anderer angewiesen, und in der Zeit Jesu ohne jegliche Sozialversicherung war das eine Frage des Überlebens. Von beidem hat ihn Jesus erlöst.

Worauf ich hinaus will ist aber etwas anderes. Ist es Ihnen aufgefallen? Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Er sprach! Er tat – nichts. Wenn Jesus sonst heilte, geschah das sehr häufig durch eine Berührung, eine Handlung. Denn zu dem Aussätzigen streckte er die Hand aus und rührte ihn an (Lk 5, 13), einem Blinden legte er die Hände auf die Augen (Mk 8, 25) und die Tochter des Jarïus ergriff er bei der Hand (Mt 9, 25).

Aber ab diesem Zeitpunkt bei Jericho wirkt Jesus keine Wunder mehr, er begeht keine Taten mehr, er wirkt nur noch durch sein Wort. Die einzige Tat ist dann nur noch die „Reinigung“ des Tempels, die Vertreibung der Händler aus dem Gotteshaus. Jesus zieht damit eine scharfe Trennlinie zwischen menschlichem Alltagsleben und der Verehrung Gottes.

Welche Wirkung das Wort Jesu hat, verstehen wir erst, wenn wir den Vers von der Heilung des Blinden ganz aufmerksam zu Ende lesen: Er folgte ihm nach und pries Gott (V. 43).

Wie wichtig das Wort ohne Taten ist, konnte ich vielfach in meiner Tätigkeit als Prädikant erfahren. Wenn ich zum Beispiel in einem Pflegeheim einen Gottesdienst geleitet habe, war mir bewusst, dass viele der Teilnehmer nicht alles genau verstanden haben, was ich in der – bewusst einfachen – Predigt gesagt habe. Doch die Worte der Predigt haben gewirkt, noch stärker die Worte der Liturgie, und bei den Worten des Glaubensbekenntnisses haben die meisten, beim Vaterunser fast alle mitgesprochen.

Auch in meinem Dienst in der Krisenintervention des Roten Kreuzes, der weltlichen Variante der Notfallseelsorge kam es auf das Wort, das Reden und das Zuhören an. In der Krisenintervention, das nur zur Erläuterung, kümmern wir uns um Menschen, die plötzlich in seelische Erschütterung geraten sind. Meistens sind das Angehörige von plötzlich Verstorbenen oder Verunglückten, die in der ersten Zeit unmittelbar nach einer unerwarteten Todesnachricht seelischen Beistand brauchen. Tun können wir da anfangs nichts, aber reden und reden lassen, das Wort wirken lassen, das hilft.

Zurück zu unserem Abschnitt aus dem Evangelium! Mit Jesu Wort wurde der Blinde körperlich sehend. Innerlich sehend war er schon vor der Heilung. Erinnern wir uns genau, was Lukas überliefert hat! Sein Glaube hat ihm geholfen. Der Blinde rief zweimal laut: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner (V. 38)! Der Blinde hat in Jesus den Messias, den Christus gesehen. Es sind genau die Worte, die auch wir in jedem Gottesdienst unserem Herrn und Erlöser zurufen: Christe eleison, Christus, erbarme dich!

Wie stark das Wort Jesu war, sehen wir, wenn wir auch den allerletzten Vers des Predigttextes nicht überlesen: Und alles Volk, das es sah, lobte Gott (V. 43b). Beten wir darum, dass auch wir sehend werden, dass uns das Evangelium die Augen öffnet für die Heilende Kraft Gottes und die Not der Mitmenschen, bei uns und in allen Teilen der Erde.

Beten wir darum, dass uns das Wort Jesu ein starker Fels sei als Orientierungspunkt in unserem Leben im Vertrauen auf Jesu Auferstehung und die Heilung von unserer Schuld.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Kategorien Predigt Prädikant Dr. Bauer