Veröffentlicht am So., 12. Jun. 2016 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss 

Predigt zu Jes 6,8, Röm 8,1-2 und 2 Kor 3,17

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Schwestern und Brüder in dem Herrn Jesus Christus,

sehr gerne bin ich heute zu Euch gekommen. Um mit Euch das Partnerschaftsjubiläum zu feiern, und in diesem Festgottesdienst das Wort Gottes zu verkündigen. Das Predigen ist mir nicht fremd, Papua-Neuguinea freilich auch nicht. Denn: Ich habe mit vielen gesprochen, die unsere Partnergemeinden dort besucht, oder länger dort gelebt und im Auftrag des Herrn gearbeitet hatten. Sie hatten mir von der herzlichen Gastfreundschaft erzählt, von der tiefen Freude am Evangelium, gewiss auch von manchen Sorgen. Vor Jahren habe ich Papua-Neuguinea sogar selber kennenlernen dürfen. Und als Vertreter der bayerischen Kirche habe ich dabei natürlich auch gepredigt. Meine Predigt begann damals mit folgenden Worten: „Ich bringe Euch ganz herzliche Grüße aus Bayern, von Landesbischof Dr. Friedrich, von Synodenpräsidentin Dr. Deneke-Stoll, von Direktor Peter Weigand, aus dem Landeskirchenrat und aus der Landessynode.“

Sie sehen, das ist schon wieder eine Zeit her. Von den genannten Personen ist mittlerweile keine mehr in dem Amt, in dem sie damals gewesen war. Aber das, was ich dann im Weiteren gesagt habe, gilt bis zum heutigen Tag, an dem wir das Jubiläum der Dekanatspartnerschaft feiern: Wir lutherischen Christen in Bayern fühlen uns mit Euch bis heute tief verbunden. Diese Verbindung hat der Herr geschaffen, als er aus unserem Land den Missionar Johann Flierl nach Papua-Neuguinea geschickt hat. Sein Bild kannten wir als Schüler sehr gut, in vielen Schulbüchern war es zusammen mit Bildern aus Eurem schönen Land abgedruckt. Als Schüler waren wir stolz darauf, dass jemand aus unserem Land so weit gereist war, um anderen Menschen das Evangelium von Jesus Christus nahe zu bringen.

Buchhof, der Geburtsort von Johann Flierl, liegt in der „Diözese“, in der ich seit Jahren als Regionalbischof arbeite. Flierl kam aus einem kleinen Bauernhof. Von dort war er als junger Mann aufgebrochen, um Missionar zu werden. Er war ganz erfüllt von seiner Berufung gewesen. Es war ihm ein ganz tiefes Anliegen gewesen, Menschen fern von seiner Heimat das Evangelium von Jesus Christus weiter zu sagen. Dieser Ort ist für mich bis heute ein wichtiger Platz, an dem ich bete und Gott dafür danke, dass er mir den christlichen Glauben geschenkt hat. Seitdem ich ein Kind war, ist mir dieser Ort vertraut. Ich selbst bin nur wenige Kilometer von dort entfernt geboren.

Aus dieser Kinderzeit erinnere ich mich noch heute an einen Besuch eines Christen aus Papua—Neuguinea in meinem Heimatort. Mit ihm hatten wir ein großes Fest in Buchhof gefeiert, daran kann ich mich lebhaft erinnern. Mittlerweile bin ich Regionalbischof in dieser Gegend, und ich komme immer wieder zu den Menschen aus der Heimatgegend von Johann Flierl. Dabei treffe ich auch auf Verwandte von ihm, die ihrem Vorfahren sehr verbunden sind und sein Andenken in Ehren halten. Dieser verbindenden Tradition, die bei uns noch ganz lebendig ist, folge ich, wenn ich heute nach Landshut komme, um mit Euch allen das Jubiläum der Partnerschaft zu feiern und mit euch um Gottes Segen für eine gute Zukunft zu bitten.

Ich will euch das Evangelium mit zwei Worten zusprechen:

- mit einem Wort aus dem Alten Testament
- mit einem Wort aus dem Neuen Testament

Das Wort aus dem Alten Testament steht bei Jesaja im 6. Kapitel, Vers 8. Da spricht der Prophet zum Herrn, der ihn in seinen Dienst beruft: „Hier bin ich, sende mich.“ Dieses Wort aus dem Buch Jesaja steht auf einem kleinen Gedenkstein vor dem Geburtshaus von Johann Flierl. Vor Jahren bin ich dort das letzte Mal vorbei gekommen. Ich hatte damals eine schwere Entscheidung zu treffen und suchte dafür den Rat und die Wegweisung unseres Herrn. Es hat mir damals sehr geholfen, dass ich an diesem Gedenkstein gebetet und Gott um seinen Rat und seine Wegweisung gebeten habe. Er hat sie mir gegeben. Für mich ist dieser Gedenkstein ein Ort, an dem ich mich der Mission vergewissern konnte, die unser Herr mir bestimmt hat. „Hier bin ich, sende mich.“ Dieses Prophetenwort haben auch andere vernommen und angenommen. Nicht zuletzt der Missionar Eckart Weber.

Anfang der 60-er Jahre war er in das zentrale Hochland von Papua—Neuguinea aufgebrochen. Und nur wenig später im Jahr 1966 hatte er als bayerischer Pfarrer die Christen aus dem Dekanat Landshut erfolgreich dazu angeregt, eine Partnerschaft mit Jalibu einzugehen. In den 70-er und 80-er Jahren ist Missionar Werner Strauß mit seiner Familie dem Prophetenwort gefolgt. Hier in der Christuskirche wurden seine Aussendungsgottesdienste gefeiert. Und so ist im Laufe der Zeit ein reger Austausch zwischen den Christen aus dem Dekanat Landshut und den Christen aus den heutigen Dekanaten lmbongu und Jalibu entstanden: Es gab über all die Jahre viele gegenseitige Besuche. Von Dekanen und Pfarrern ebenso wie von ehrenamtlich engagierten Christen. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise das biblische Wort vernommen und zu eigen gemacht: „Hier bin ich, sende mich.“ Viele Christen aus Jalibu, lmbongu und Landshut haben sich von Gott in Dienst nehmen lassen. Und so konnte manches Projekt in den letzten 50 Jahren erfolgreich durchgeführt und viel voneinander gelernt werden. Einige Beispiele möchte ich im Folgenden nennen:

- In Jalibu konnte bald nach Gründung der Partnerschaft die Kirche erbaut werden. Ihr Turm trägt die bis heute einzige Glocke der beiden Partnerdekanate.
- In den 80-er Jahren bebaute die Auferstehungsgemeinde in Landshut ein ungenütztes Grundstück mit Kartoffeln und erntet 45 Zentner. Der Erlös kam den Gemeinden in Jalibu zugute, die beim Anbau von Süßkartoffeln oft mit Spätfrösten zu kämpfen und die ganze Ernte verloren hatten.
- 1995 kam eine Kiste mit Geschenken aus Jalibu in Landshut an. Diese wurde auf der Dekanatssynode vorgestellt. Die Gemeinden des Dekanates erhielten Geschenke aus Jalibu und versprachen mitzuhelfen, damit die Kiste gefüllt mit Schlafsäcken wieder zurückgeschickt werden konnte.

Diese knappen Beispiele aus der langen Zeit der Partnerschaft machen deutlich: Es war und es ist sehr wertvoll, dass wir geschwisterlich verbunden sind: Untereinander und mit den Menschen, die vor uns und für uns dem christlichen Glauben den Weg bereitet haben. Und die sich zum Wohle ihrer Mitmenschen geöffnet haben für das Bibelwort „„Hier bin ich, sende mich.“

Liebe Brüder und Schwestern, Ihr seid von nah und fern in die Christuskirche gekommen, um diese langjährige Partnerschaft gemeinsam zu feiern und um Gottes Segen für eine gute gemeinsame Zukunft zu beten. Als Bischof ist es für mich immer wieder beglückend, ein solches gutes Zusammenwirken zu erleben. Die menschlichen Voraussetzungen hierfür gestalte ich gerne mit, so gut es geht. Die Gemeinden, für die ich als Bischof verantwortlich bin, wünschen sich sehr, dass ich sie als Bischof regelmäßig unterstütze, dass ich sie besuche, mir ihre Probleme anhöre, ihnen einen neuen Pfarrer schicke und ihnen Mut mache, ihren Glauben zu bezeugen. An einigen Tagen gelingt mir das. An anderen Tagen muss ich zugeben, dass ich keinen Erfolg hatte oder - wie es im Evangelium des Lukas heißt - dass ich ein unnützer Knecht gewesen bin. Solches kann jedem Bischof geschehen, keinem bleibt das erspart.

Die Gemeinden und die Pfarrer brauchen den Trost des Bischofs, der Bischof braucht den Trost der Pfarrer und der Gemeinden. Das macht auch unsere weltweite Verbindung unter uns Christen aus. Wir alle haben es nötig, dass wir uns immer wieder neu den Trost des Evangeliums zu sprechen und seinen Zuspruch erfahren. Nirgendwo in der Welt ist es eine einfache und leichte Mission, ein Christ zu sein. Ihr könnt davon erzählen. Ich kann davon erzählen. Aber noch wichtiger als sich solches zu erzählen und weiterzugeben ist es, wenn wir immer wieder neu hören, was uns die Heilige Schrift als gute und tröstliche Nachricht zuspricht. Damit komme ich zu dem Wort aus dem Neuen Testament, das ich Euch heute als die gute Nachricht unseres Herrn zusprechen will. Es steht im Brief des Paulus an die Römer im 8. Kapitel:

„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes."

In diesen Worten steckt für mich ein großer Trost und eine große Stärkung. Mir sprechen diese Worte zu: Der Geist macht uns frei; frei auch dazu, müde zu sein und unenthusiastisch; frei, nüchtern zu sein und temperamentvoll; frei, zu sein wie wir sind, wenn wir es nur in Christus sind. Das dürfen wir als lutherische Christen den Schwestern und Brüder gerade in den Pfingstkirchen zusprechen. Pfingstkirchen gibt es bei Euch und auch bei uns. Die meinen gerne, dass man nur so wie sie ein rechter Christ sein kann. Die machen gerne glauben, dass man nur dann ein guter Christ ist, wenn man den Heiligen Geist ganz intensiv und stark spürt und in sich aufnimmt. Damit engen diese christlichen Geschwister sich und andere ganz schön ein. Da spürt man wenig von der Freiheit, die uns Christus gebracht hat. Da spürt man wenig von der Freiheit, die Martin Luther für sich und die Menschen seiner Zeit wieder neu entdeckte, so dass ihm die Angst vor Gott genommen wurde und er von ganzem Herzen Gott lieben konnte.

Wie gesagt:
Der Geist macht uns frei; frei auch dazu, müde zu sein und unenthusiastisch; frei, nüchtern zu sein und temperamentvoll; frei, zu sein wie wir sind, wenn wir es nur in Christus sind.
Der Geist macht uns nicht tot, sondern lebendig. Der Geist schließt uns zusammen mit Christus. In Christus werden wir frei von den Kräften in uns, die uns immer wieder von ihm wegziehen. Der Geist befreit uns zum Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Der Geist bringt uns auf einen Weg, auf dem wir nicht zu Knechten und Untertanen, sondern zu Befreiten werden.
Der Geist gibt uns auch die Freiheit dazu, nicht dauernd unter der Spannung zu stehen, etwas erleben zu müssen.
Der Geist macht mich frei, meine Gaben einzusetzen, sie weiterzugeben, aus freien Stücken, nicht gezwungenermaßen.
Das müssen wir als Christen überall immer wieder neu lernen.

Bei uns fühlen sich viele Menschen oft nur noch dann vom Evangelium angesprochen, wenn sie es ganz stark an der eigenen Haut erleben. Spüren sie das nicht, dann lässt sie das Evangelium unbeeindruckt und kalt. Viele bei uns haben es verlernt oder sie haben es noch nie gelernt, vor Gott und ihren Mitmenschen als schwache Menschen dastehen zu können. Vielen ist es ganz wichtig, sich auf ihre eigenen Kräfte zu verlassen, diese Kräfte zum Wachsen zu bringen und sich so in einer harten und anstrengenden Umgebung zu behaupten. Da geht viel menschliche Wärme, da geht viel Mitmenschlichkeit verloren. Dabei haben wir doch von unseren Vorfahren die Botschaft geerbt, dass wir aus der Gnade leben und auch als schwache Menschen von Gott geliebt und angenommen sind.

Bei uns müssen die Christen vieles wieder neu lernen, müssen sich an vieles neu erinnern, was sie vergessen haben. Daran müssen wir als Kirche mit großer Ausdauer arbeiten. Einiges gelingt uns, anderes misslingt uns. Wir haben oft Anlass, unsern Herrn darum zu bitten, dass er uns immer wieder die Chance gibt, neu anzufangen. Es ist für uns wichtig, solches offen auszusprechen und zugeben zu können. Es ist für uns wichtig, Euch davon erzählen zu können und zu hören, was Ihr, unsere Partner in Christus, was ihr darüber denkt. Und es interessiert uns, wie Ihr Eure Situation seht. Wir wollen gerne wissen, was Ihr immer wieder neu lernen müsst. Gibt es auch bei euch etwas, was Ihr vergessen habt, was ihr wieder neu lernen müsst. Gott hat uns den Geist der Freiheit geschenkt und keinen Geist, der uns wieder von neuem zu ängstlichen Knechten macht. Gott hat uns einen Geist geschenkt, der uns befreit von falschen Wünschen, von falschem Reichtum, von Sucht und Drogen, von der Angst vor dem Leben, von der Angst vor finsteren Mächten.

Der Apostel Paulus hat an andere Stelle gesagt: „...wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit...“

Diesen Geist der Freiheit wünsche ich Euch in Euren Gemeinden, im Miteinander mit euren Nachbarn, im gemeinsamen Wirken mit eurem Bischof und eurer Kirchenleitung, und vor allem: in der Partnerschaft mit euren Freunden aus Bayern. Möge dieses partnerschaftliche Miteinander auch weiterhin blühen und gedeihen. Gott segne und bewahre Euch in den Gefahren, in denen Ihr lebt, und in der Freude, die Euch geschenkt wird. Gott segne und bewahre uns alle in Jesus Christus, der mit dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Amen

Dr. Hans-Martin Weiss

Regionalbischof

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