Veröffentlicht am So., 11. Mär. 2018 10:00 Uhr
Gottesdienst am Sonntag Laetare (11.03.2018)

Predigt zu Phil 1,15-21

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus.Gottesdienst am Sonntag Laetare

Liebe Gemeinde,

dreimal war ich als Vikar bei der alten Dame zu Besuch. 
Sie konnte nicht zu den Gottesdiensten kommen, die wir in dem Pflegeheim monatlich feierten. Sie war an ihr Bett gefesselt. Vom Hals an abwärts gelähmt, doch im Kopf völlig klar. 

Mein erster Besuch war ein beklommener. 
Was kann ich reden mit einer Frau, die sich nicht mehr rühren kann, deren Blick in die Welt sich auf ein kleines Fenster reduziert, durch das die Spitze einer Fichte zu sehen ist? 
Sie nahm mir die Beklommenheit schnell. Wir sprachen über das Wetter, über das Radioprogramm, über die Geräusche im Haus. Alltägliches. 

Mein zweiter Besuch war ein neugieriger. 
Sie erzählte von sich, von früher und heute, sie war dankbar und fröhlich, ohne Bitterkeit oder Zorn. Ich staunte. 
Und ich wagte nicht zu fragen, obwohl die Frage mir wahrscheinlich ins Gesicht geschrieben stand: Wie konnte sie das nur aushalten? Die ganze Zeit dasselbe Zimmer, dasselbe Bett, derselbe Blick aus dem Fenster, und keine Aussicht auf Besserung. Ist das noch Leben? 
Sie antwortete nicht auf die nicht ausgesprochene Frage. 
Sie lud mich ein, sie bald mal wieder zu besuchen.
Und dabei lächelte sie mich an. Ein Lächeln, das ich bis heute nicht vergessen habe. 

Ein Gespräch am Gartenzaun mitten am Tag, ein mir entfernt bekannter Passant. 
Nach Begrüßung und den Fragen zum werten Befinden führte meine Nachfrage, wie es kommt, dass er mitten am Werktag unterwegs sei, unversehens in ein Seelsorgegespräch: 
So sehr hatte er sich auf den Ruhestand gefreut, auf die neue Freiheit. 
Und jetzt fühlt sich die Freiheit an wie ein Gefängnis. 
Über 30 Jahre hatte er sich als Ingenieur am Aufbau einer Firma beteiligt. Ihm ist es mit zu verdanken, dass die Firma heute da steht, wo sie steht. 
Aber jetzt: Ruhestand. 
Der Nachfolger macht vieles anders. Das Betriebsklima hat sich verändert. Mitarbeiter sind gegangen, neue gekommen. 
Zuerst konnte er noch jeder Zeit in sein altes Büro kommen, jeder kannte ihn, ihm standen alle Türen offen. 
Als er kürzlich vorbei gekommen ist, fragte ihn die neue Sekretärin, wer er sei und ob er einen Termin hätte. 
Wortlos machte er auf dem Türstock kehrt. Enttäuscht und wütend ging er nach Hause. 
In eine Freiheit, die keine war. 
Und jetzt am Gartenzaun, im wärmenden Schein der Sonne, huscht ihm nach einiger Zeit des Nachdenkens ein wohliges Grinsen über sein Gesicht. 

Ein Telefonat mit einer Bekannten, nicht viel älter als ich. 
Seit ein paar Monaten kämpft sie gegen den Krebs. 
Die Bestrahlung und Chemo-Therapie sind furchtbar, die Nebenwirkungen rauben oft die letzte Kraft. 
Aber in all der Verzweiflung und Angst ist da etwas Neues. 
Ein anderer Sinn, eine neue Freiheit, nur noch das zu machen, was gut tut. 
Früher hat sie sich oft so gefangen gefühlt. 
Sie musste einfach nur funktionieren. Vier Kinder, Patchwork-Familie. Der ganz normale Wahnsinn des Alltags. 
Es ist jetzt nicht einfacher. 
Aber das Werte-Koordinatensystem hat sich verschoben. 
Sie will sich nicht mehr einsperren lassen. 
Sie spürt einen neuen Aufbruch. Sie weiß ganz klar, was jetzt zu tun ist. Sie weiß, mit wem sie sich abgeben will und mit wem nicht. Und sie trägt eine tiefe Zuversicht in sich. 
Ich bewundere Ihre Klarheit und Kraft. 
Und am Ende des Gesprächs schwelgen wir in Erinnerungen und lachen herzlich.

Drei Menschen, mitten in ihrer Lebensgeschichte. 
Gefangen in der Freiheit. Frei in der Gefangenschaft. 
Verstrickt ins eigene Leben. 
Und doch schlummert da eine Freude, die sich Bahn bricht.
Eine Freude mitten im Leiden. 
Woher kommt diese Freude, wo doch eigentlich alles dagegen spricht, sich zu freuen? 

Im Predigttext zum heutigen Sonntag Laetare lesen wir einen Text aus dem Brief des Paulus an die Philipper.. 
Paulus ist in Gefangenschaft. Er schreibt den Brief im Gefängnis, vermutlich in Ephesus. Er erwartet einen Prozess mit ungewissem Ausgang. 
Doch wir lesen keine Klage über das Leid. Nicht über die Angst vor dem Urteil. Keine Rechtfertigungsversuche oder Bitte um Hilfe. 
Paulus reagiert auf die Bedrängnis mit einem nachdrücklichen: 
Na und? Was tut's aber? 

Im ersten Kapitel dex Briefes schreibt er an seine Glaubensbrüder und -schwestern:

12 Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist zur größeren Förderung des Evangeliums geschehen.
13 Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden,
14 und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.
15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:
16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;
17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
18 Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
20 wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. 

Was tut's aber? Na und? 
Paulus ist gefangen. 
Aber darin sieht er das Evangelium Jesu Christi bestätigt. 
Gerade weil er mit der Frohen Botschaft Menschen erreicht und von Ängsten befreit, 
gerade weil sich auf seine Initiative Gemeinden in einem neuen Geist zusammentun, 
gerade weil er sich selbst getragen weiß von der unermesslichen Güte Gottes, eckt er bei den Herrschenden an. 
Sie nehmen ihn in Gefangenschaft. 
Paulus geht es schlecht im Gefängnis. 
Aber dem Evangelium geht es gut. So seine Diagnose.

Andere aus der Gemeinde springen ein und predigen. 
Nicht alles läuft nach seinem Sinn. 
Unter den Predigern sind auch Gegner und Neider, die aus Paulus' Sicht Eigennutz betreiben. 
Na und? Was tut's aber?
Am Ende zählt das Resultat. 
Christus wird gepredigt, das allein ist wichtig, unerheblich ob unter falschem Vorwand oder aus ehrlichem Herzen. 
In seiner Bedrängnis weiß Paulus sich getragen von der Gebetsgemeinschaft der Gemeinde in Philippi und unterstützt von der Geisteskraft Christi. Er weiß, mit wem er sich abgeben möchte. Das ist Grund seiner Freude. 

Aber erreicht mich diese Freude des Paulus? 
Woher kommt sie? Und wie kommt sie zum Vorschein?

Ich denke, Paulus erkennt zwei wesentliche Grundlagen christlichen Glaubens: Das Loslassen und das Tun-können.
Glauben heißt, mich grundlos von Gott lieben zu lassen und aus dieser Kraft heraus gerecht zu leben und zu handeln. 
Beides gehört dazu. Kein ODER, sondern ein UND.
Ein Und zwischen Mensch und Gott, zwischen Leben und Sterben, zwischen Tun und Lassen. Dieses Und gibt dem Menschen Freiheit. Und darüber stellt sich unweigerlich Freude ein!

Das Loslassen: Paulus ist gefangen, er muss das Predigen anderen überlassen. Er weiß nicht, ob er die Gefangenschaft überlebt. 
Das Tun-Können: Paulus schreibt einen Brief. Er stellt sich bewusst in die Gebetsgemeinschaft. Er hört nicht auf, sich auch im Gefängnis zu Christus zu bekennen.
Das bringt ihm die Freiheit, selbst im Sterben einen Gewinn zu sehen. 
Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Paulus zeigt die tiefe Bedeutung des Glaubens. 
Aber wird er so nicht zu einem unerreichbarer Held unseres Glaubens? Ich will auch ein solcher Held werden, loslassen und tun können.

Meine Bekannte ist eine Heldin. 
Sie ist krank UND sie nimmt ihr Leben neu in die Hand. 
Sie weiß nicht, ob sie den Krebs besiegen wird UND sie bleibt in der Zuversicht. 
Sie weint UND sie lacht.
Sie hat Angst UND freut sich an jedem Tag Leben, der ihr geschenkt wird. 

Nachdem mein Gesprächspartner am Gartenzaun, in der Sonnenwärme über seine eigenen Worte eine Weile nachgedacht hatte, sagt er den einen entscheidenden Satz:
„Ach, was soll's!“
Es war das paulinische „Was tut's aber?“, dieses nachdrückliche „Na und?“ 
„Ich gehe jetzt zu meinen Enkeln, die brauchen mich jetzt!“
Loslassen UND Tun-Können. 
Wieder ein Held. 

Mein erster Besuch war beklommen, der zweite neugierig. 
Und mein dritter Besuch bei der alten Dame im Pflegeheim war vergeblich. Sie war vor kurzem gestorben. 
Aber ich traf die Enkelin. 
Sie war tief traurig. UND sie hatte das gleiche Lächeln wie Ihre Großmutter. 
Heldenmut, weiter vererbt.

Und jetzt wäre die Predigt eigentlich zu Ende. 
Aber ich will noch etwas zum Lied sagen, dass wir gleich miteinander singen werden. Der Text dieses Liedes stammt von Dietrich Bonhoeffer. 
Er saß im Gefängnis, als er diese Zeilen schrieb. 
Ein Held des Glaubens. Ein Held im Loslassen und Tun-Können
Die vierte Strophe seines Gedichtes lautet:
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken 
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, 
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken 
Und dann gehört dir unser Leben ganz.
So sei es. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Kategorien Predigt Pfr. Reuter