Veröffentlicht am So., 4. Jan. 2015 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Dr. Matthias Sachsenweger

Predigt zu Lk 2, 41-52

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

es ist der Albtraum aller Eltern: irgendwo im Gewühl ihr Kind zu verlieren; in den Menschenmassen einer Fußgängerzone oder im Gedränge eines Kaufhauses. Ihr, liebe Konfirmanden, werdet genau das euren Eltern vielleicht schon einmal geboten haben: unabsichtlich verloren gehen oder auch absichtlich abhauen. Ich hoffe, dass ihr noch nie drei Tage einfach verschwunden wart – und Sie als Eltern drei Tage suchen mussten. Schon eine halbe Stunde Suchen – nach dem Kind oder als Kind nach den Eltern – kann ein ziemlicher Schock sein.  Solch eine Albtraum-Geschichte haben die Eltern Jesu erlebt. Ich lese aus dem Lukasevangelium Kapitel 2, Vers 41-52:

Jesu Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: "Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht." Und er sprach zu ihnen: "Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?" Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. 

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen

Maria und Josef gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Diese Wallfahrt war vorgeschrieben. Das Fest dauerte sieben Tage, zwei davon musste man in Jerusalem verbringen. Die Familie blieb aber die ganze Woche dort. Lukas schildert Maria und Josef als besonders eifrige Juden, sehr fromm und gottesfürchtig. Sie liebten das Gesetz des Mose und taten mehr, als das Gesetz verlangte. Jesus brauchte mit 12 Jahren das Gesetz des Mose noch nicht zu erfüllen. Erst mit 13 Jahren wurde und wird ein Jude gesetzespflichtig, ein "Sohn der Pflicht", Bar Mizwa. Maria und Josef nahmen ihren Sohn schon vorher mit, um ihn auf seine bevorstehenden Pflichten vorzubereiten.

Am Ende geht alles gut aus, aber vorher gibt es eine Menge Stress.  Alles wegen Jesus, der bei der Reise zum Passahfest auf einmal Extra-Touren macht. Womit wir ganz nebenbei auf eine beliebte Frage kommen: Wie war Jesus eigentlich als Kind? Immer lieb oder auch mal schwierig? Die Bibel erzählt nicht viel darüber, eigentlich gibt es nur diese eine Geschichte. Und die zeigt: Auch Maria und Josef mussten offenbar damit leben, dass ihr pubertierender Sohn anfing, sich von ihnen abzunabeln. Dass sie ihn auf einmal nicht mehr verstanden, weil er begann, eigene Schwerpunkte in seinem Leben zu setzen. Dabei scheinen sie ihn nicht überbehütet zu haben. Sie machen sich nicht gleich Sorgen, als er beim Aufbruch aus Jerusalem nicht zu sehen ist. Sie denken: Der Junge ist alt und selbstständig genug, der wird mit seinen Freunden irgendwo in der Reisegruppe sein.Als er aber am Abend der ersten Tageswanderung immer noch nicht da ist, machen sie sich doch Sorgen. Also geht es wieder zurück, ein Tag Fußmarsch, 3 Tage Suche in Jerusalem.  Als die Eltern ihren Sohn dann endlich im Tempel finden – seelenruhig sitzt er da im Kreis der Schriftgelehrten – da ist Maria mit ihren Nerven am Ende: Mein Sohn, warum hast du uns das angetan?  Was ist los, Jesus, warum machst du so etwas? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

Recht hat sie, die Mutter Maria! Den Jungen, der seinen Eltern so einen Schrecken eingejagt hat, muss man doch zurechtweisen! Damit er versteht, was er angerichtet hat. Damit er sich entschuldigt. Aber Jesus schaut seine Eltern nur an und sagt: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?  Wisst ihr nicht, dass ich hierher gehöre, hierher, wo Gott, der Vater, wohnt, wo über ihn gesprochen und in seinem Wort gelesen wird? Hier muss ich sein, hier bin ich zuhause.Das soll einer verstehen! Dein Vater Josef steht doch hier, Junge! Hier, neben mir. Und dort, in Nazareth, ist sein Haus. Da gehörst du hin.  So hat Maria vielleicht gedacht. Und hat es vielleicht auch gesagt. Und gleichzeitig scheint sie zu spüren: Irgendetwas ist mit meinem Sohn. Irgendetwas ist anders. Ich verstehe ihn nicht mehr. Und meine Vorwürfe, die erreichen ihn anscheinend gar nicht. Merkwürdig. Dann aber steht Jesus auf und macht sich mit seinen Eltern auf den Heimweg. Über seine weitere Jugendzeit hören wir nur ein paar Stichworte: Er wächst heran in Nazareth, ordnet sich ein in seine Familie und nimmt zu an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.

Doch was damals in Jerusalem geschehen war, Maria hat es nicht vergessen: Sie behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Besonders diesen einen, diesen merkwürdigen Satz wird sie wohl nicht vergessen haben: Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Es sind die ersten Worte im Evangelium, die überhaupt von Jesus berichtet werden. Und die einzigen, die wir von ihm hören, bis er mit etwas über 30 Jahren anfängt, in der Öffentlichkeit das Reich Gottes zu verkündigen. Aber bereits in diesem einen Satz wird deutlich: Dieser Junge Jesus, der ganz normal aufwächst, als Kind von Maria und Josef in Nazareth, dieser Mensch Jesus ist anders. Er steht von Anfang an in einer ungewöhnlichen Verbindung zu Gott. Und als er damals mit den Eltern in Jerusalem ist, da blitzt diese Verbindung zum ersten Mal auf. Sie blitzt auf mit einer Selbstverständlichkeit, die einem die Sprache verschlägt: „Ja, wisst ihr denn nicht, dass ich da sein muss, wo es um Gott, um meinen Vater, geht?“ fragt Jesus seine Eltern. Wisst ihr nicht? Ich muss! Maria sagt "Vater" und meint Josef, aber Jesus sagt ebenso "Vater" und meint Gott. Lukas berichtet auch nicht von Wiedersehensfreude, wie man erwarten kann, sondern vom Entsetzen der Eltern. Denn Jesus saß mitten zwischen den Lehrern von gleich zu gleich, nicht etwa zu ihren Füßen wie ein Zuhörer oder ein Schüler! Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

Jesus, der Junge vom Lande, noch nicht religionsmündig, diskutiert gleichrangig mit den Gelehrten. Das religiöse Familienleben hat also seine Frucht getragen, reichliche Frucht. Mehr noch: Lukas schildert Jesus als eine Art von Wunderkind. Wir können dabei an den jungen Wolfgang Amadeus Mozart denken, dessen Begabung schon sehr früh Menschen in ihren Bann zog. Maria aber ist nicht voller Bewunderung! Sie ist entsetzt und stellt Jesus eine Frage, die zugleich ein Vorwurf ist: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Wir sollten erwarten, dass der 12-jährige Jesus für solche Schmerzen Verständnis hat. Schließlich hat er vor der Rückreise nicht um Erlaubnis gefragt, in Jerusalem zu bleiben. Er hat sich nicht einmal abgemeldet. Da ist Marias Frage doch sehr verständlich.  Stattdessen erwidert Jesus: Warum habt ihr mich gesucht? Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist? Diese Antwort reißt uns aus allen psychologischen Überlegungen heraus und löst die Spannung. Mit diesem ersten Wort Jesu sagt uns Lukas, worauf es in seiner Erzählung ankommt: Jesus hat eine unmittelbare Beziehung zu Gott als seinem Vater, und Jesus gehorcht Gott mehr als den Menschen. Dieses Ich muss, es kommt aus einer Verbundenheit mit Gott, die alles bisher Dagewesene übertrifft. Dieses göttliche Ich muss prägt sein Leben so vollkommen, dass daneben alle Ansprüche von Menschen zurücktreten, auch die seiner Eltern. Die Nähe zum himmlischen Vater, sie ist bei Jesus stärker als alles andere.

Schon hier im Tempel öffnet sich damit die Spannung, die über seinem ganzen Leben liegt. Schon hier wird deutlich, dass Jesus als Nur-Mensch nicht wirklich zu verstehen ist. Dass in seinem Leben immer wieder eine Dimension liegt, die über alles Menschliche hinausgeht. Dass er ganz auf der Seite Gottes steht, seines Vaters. Bis heute ist es dieses Geheimnis um seine Person, das Menschen anzieht: Ben Becker zum Beispiel, den Schauspieler, der vor einiger Zeit ein viel beachtetes Bühnenprogramm über die Bibel aufgenommen hat. Becker, eher als Wilder denn als Frommer bekannt, sagt auf die Frage, was ihm Jesus Christus bedeutet, ganz schlicht:„Den liebe ich. Für jeden von uns hing dieser Mann am Kreuz.“   Dass Jesus in kein Schema passt, dass er so menschlich und zugleich so anders ist, das zieht an, immer neu; das weckt die Sehnsucht nach mehr.  Später wird das im Leben von Jesus noch deutlicher.  Schon im zweiten Kapitel des Markusevangeliums hören wir Jesus zu einem Gelähmten sagen: Dir sind deine Sünden vergeben.  Womit er verspricht: „Alles, was dich von Gott trennt, nehme ich dir ab. Ich setze deinen Zähler auf null zurück. Mehrmals, wenn es sein muss. Du darfst in deinem Verhältnis zu Gott und den Menschen noch einmal neu beginnen, frei und unbelastet.“ In den Ohren der Zuhörer war das unerhört. Nur Gott kann doch Sünden vergeben! Was maßt sich Jesus an?  Wenn Jesus Sünden vergibt, dann sagt er damit: „Ich habe göttliche Vollmacht. Ich handle an Gottes Stelle.“

Und am Ende seines Lebens dann das Kreuz.  Jesus im körperlichen und seelischen Schmerz, ganz Mensch. Einer von uns. Bishin zum Schrei: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?  Stellvertretend durchleidet er unsere Trennung von Gott. So, wie Ben Becker es ausdrückt: „Für jeden von uns hing dieser Mann am Kreuz.“ Und zugleich ist er der Sohn. Der Sohn Gottes, der sein Leben für jeden von uns gibt. Der die Abwege unseres Lebens tragen kann – und wegnehmen. So dass Vergebung geschieht, wenn wir ehrlich zu ihm kommen. Weil Jesus nicht nur von dieser Welt ist, sondern der einzigartige Sohn Gottes ist, deshalb hat er die Vollmacht, uns den Zugang zum Vater zu schenken.  Das ist der Grund, warum wir mit dem Nicänischen Bekenntnis von Jesus sagen: „Wahrer Gott vom wahren Gott.“  Und das ist es, was wir im Abendmahl feiern: Wer den Sohn hat, wer sein Leben für ihn öffnet, der hat das Leben, das ewige Leben.

Kehren wir zum Schluss noch einmal zurück zum zwölfjährigen Jesus im Tempel. Hier können wir einen Impuls bekommen, wie das alles in unserem Lebensalltag Gestalt gewinnen kann. Jesus sagt ja: Ich muss sein in dem, was meines Vaters ist. Und das bedeutet: Die Nähe Gottes kannst du erfahren, wenn du sie suchst. Wie Jesus im Tempel zuhause ist, so können wir im Gottesdienst auftanken.  Wie Jesus mit den Schriftgelehrten über den heiligen Schriften sitzt, können wir zuhause in der Bibel lesen, allein oder gemeinsam mit anderen.  Wie Jesus dann auch in Nazareth aus der Verbindung zu Gott lebt, können wir unseren Alltag für Gott öffnen.  Und die Erfahrung zeigt bis heute:  Wenn ich da bin, wo es um Gott den Vater geht, dann hat das Folgen für mein Leben. Dann wächst die Verbundenheit mit dem Vater und dem Sohn. Dann wächst das Leben in uns, das er schenkt und nach dem wir uns sehnen. Weil ich dort etwas empfange, was ich nirgendwo sonst bekomme: den Zuspruch des Wortes Gottes, den Segen des Vaters, die Liebe des Sohnes und die Kraft des Heiligen Geistes. Amen

Jesus Christus, wir bitten dich, lass uns das Geheimnis deiner Person immer tiefer verstehen. Wie du verbunden bist mit dem Vater, und wie du auch uns verbindest mit ihm. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Matthias Sachsenweger
Lektor

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