Veröffentlicht am So., 25. Okt. 2015 10:00 Uhr
Jakobuskirche Ast, Prädikant Prof. Dr. Joachim Ziche

Predigt zu Römer 12, 21

Anmerkung: Dieser Wochenspruch war 2011 die Jahreslosung. Darüber predigte ich damals schon einmal. Das alte Predigtmanuskript habe ich neben weiteren Quellen beim Verfassen dieser neuen Predigt mit herangezogen. Aus dem Gedächtnis kann ich heute leider keine meiner damaligen Quellen mehr aufzählen. Es könnte also sein, dass meine Leser manche Sätze schon bei anderen Verfassern gefunden haben.

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." So lautet das Bibelwort, das uns für diese Woche mitgegeben wird. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, das könnte man so auffassen, als sollten wir uns nicht überwinden lassen von all dem Bösen, das uns in dieser Woche zugefügt werden könnte. Der Wochenspruch wäre also ein Aufruf zum geduldigen Leiden. Aber das ist hier nicht gemeint. Hier geht es nicht um das Gute und das Böse, das uns widerfährt. Es geht vielmehr um das Gute und das Böse, das wir selber tun.

Paulus schreibt dies Wort an die Christengemeinde in Rom. Sein Brief an die Römer gilt als das hervorragendste theologische Dokument des neuen Testaments, weil Paulus darin eingehend die Grundlagen des christlichen Glaubens darlegt und ausführlich beschreibt, wie dieser christliche Glaube das tägliche Leben eines Christen formt. Was Paulus im Römerbrief schreibt, hat also Gewicht. Dabei wird deutlich: Christen können nicht so weiterleben wie sie bisher als Heiden gelebt haben. Paulus stellt den Christen in Rom in seinem Brief vor, wie barmherzig Gott mit ihnen verfährt, und zieht dann die zwingende Schlussfolgerung: also sollen auch die Christen barmherzig verfahren mit ihren Mitmenschen. Wie sie diese Barmherzigkeit in ihrem Christenleben umsetzen sollen, dazu nennt er ihnen in seinem Brief neue, christliche Lebensregeln, darunter unseren Wochenspruch: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Paulus braucht in seinem Brief drei lange Kapitel, um alles aufzuzählen, was in einem christlichen Leben anders wird als im bisherigen Heidenleben. Eine Änderung betrifft Vergeltung und Rache und aus diesem Zusammenhang stammt unser Wochenspruch. Vergeltung und Rache sind das Böse, von dem Christen sich nicht überwinden lassen sollen. Nun aber waren Vergeltung und Rache in der damaligen Welt selbstverständliche Bestandteile des täglichen Lebens. Sie äußerten sich nicht nur in den unablässigen Kriegen zwischen Völkern, sondern reichten bis in die einzelnen Familien hinein. Einfaches Beispiel: Hatte ein Mitglied der Familie Sixtus aus dem Weingarten der Familie Septimius drei Eimer Trauben geklaut, dann klaute die geschädigte Familie ohne jedes schlechte Gewissen bei der diebischen Familie Sixtus dafür drei Hühner. Drei Hühner, das war erst mal die Vergeltung, also der Ersatz des materiellen Schadens. Dazu kam die Rache, also der Denkzettel für den Bösewicht. Man zerstörte bei der Diebsfamilie gleich noch ein Gemüsebeet. Diese ließ sich das selbstverständlich nicht gefallen, sondern griff ihrerseits zu Vergeltung und Rache und so ging das weiter, öfter über viele Generationen und nicht nur um Feldfrüchte und Kleinvieh ging es, sondern auch um Menschen und in schweren Fällen um Mord und Totschlag. In der gefürchteten Blutrache löschten sich ganze Familien gegenseitig aus.

Klar, der erste Dieb, der aus der Sixtussippe, hatte etwas Böses getan, er hatte Trauben gestohlen, er hatte sich vom Bösen überwinden lassen, hatte ein in allen Völkern seit jeher gültiges Gebot übertreten: Du sollst nicht stehlen! Aber auch die Bestohlenen haben sich ihrerseits vom Bösen überwinden lassen, ihrerseits Schaden angerichtet und ebenfalls anerkannte Gebote übertreten, ebenfalls das Gebot: Du sollst nicht stehlen, und obendrein: du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist. Es war zu Paulus Zeiten – und nicht nur damals, sondern in manchen Gegenden der Welt bis heute - eine Sache der Ehre, sich zu rächen. Wer es nicht tat, galt nichts in der Gesellschaft. Niemand wollte mit so einem Schlappschwanz noch zu tun haben. Sogar das Gebot "Du sollst nicht töten" wurde fallweise außer Kraft gesetzt, wenn man seine Ehre retten musste. Bis ins 19. Jahrhundert hinein kam das sogar in Deutschland in Form des ehrenhaften Duells vor. Heute setzen deutsche Gerichte Ehrenmorde mit gewöhnlichen Morden gleich. Eigentlich hätte das unter Christen schon seit Paulus so sein müssen. Denn Paulus verweist die Christen in Rom – und damit alle anderen Christen - auf Gott. Er zitiert dazu aus dem 5. Buch Mose: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr" und mahnt zugleich: Du Christ in Rom, pfusche Gott dabei nicht ins Handwerk, sondern: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Nur – wie geht das? Geht es einfach so, dass ich mir hoch und heilig schwöre: Ich will nichts Böses tun, nur Gutes? So ein Schwur war in der damaligen Christenheit gar nicht so abwegig, sondern im Gegenteil gut bekannt, denn zum Taufgottesdienst gehörte so ein Schwur, so ein feierliches Versprechen. Wer damals das Christentum annahm, war ein erwachsener Mensch. Unsere heutige Säuglingstaufe wurde ja erst viel später und längst nicht überall geübt. Diese erwachsenen Taufbewerber schworen also wortwörtlich: „Ich sage dem Bösen ab!“ Damit antworteten sie auf die entsprechende Frage des Pfarrers: „Sagst du dem Bösen ab?“ Und wenn der Taufbewerber dann antwortet: „Ja, ich sage dem Bösen ab!“, dann ist das eine ganz klare Willensbekundung. Der Täufling bekundet: „Ich will heraus aus dem Machtbereich des Bösen, hinein in den Machtbereich des dreieinigen Gottes. Ich will alles, was ich vermag, daransetzen, dass ich nichts Böses absichtlich tue.“ Bei unseren Säuglingstaufen tun das Eltern und Paten für den kleinen, neuen Christen. Das Entscheidende bei der Taufe ist aber nicht meine Willensbekundung, sondern dass ich auf den dreieinigen Gott getauft werde. Er öffnet mir den Weg, auf dem ich ein Leben in Beziehung mit ihm führen kann. Für die Frage von Gut und Böse hat das erhebliche Konsequenzen. Jetzt muss ich meine Entscheidungen nicht mehr alleine treffen und nicht mehr nach uralten Rache- und Vergeltungsregeln. Jetzt kann und soll ich sie im Raum des Glaubens treffen. Die Hilfen, die Gott mir dabei anbietet, sind vielfältig.

Da sind zuerst die Gebote. An ihnen können wir uns orientieren, können erkennen, was Gut und was Böse ist. Die Gebote wollen verhindern, dass durch uns dunkle Wolken ins Leben eines anderen Menschen ziehen und er darunter leidet. Man sagt zwar gemeinhin, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert, aber warum nicht auch der Weg zum Himmel, wenigstens ein Stück weit? Ein solcher guter Vorsatz könnte sein, in unserem Gesangbuch die Zehn Gebote und die Auslegung dazu in Luthers Kleinem Katechismus immer wieder einmal zu lesen und zu bedenken (Seite 1552ff.).

Die Zehn Gebote sind das Eine. Das andere ist Jesus Christus. An ihm sehen wir, wie ein Leben in inniger Beziehung zu Gott gelebt wird. Wenn wir Zweifel haben, was an unserem Leben denn nun gut und was böse ist, fragen wir uns ja manchmal: Was würde Jesus sagen, wenn er jetzt hier bei mir stünde? Das haben sich übrigens schon so viele Leute gefragt, dass es inzwischen ein langes Regal voller Bücher gibt, deren Verfasser vorgeben, sie wüssten, was Jesus heute sagen würde. Was Jesus sagen würde, müssten Christen eigentlich auch ganz ohne schlaue Bücher wissen, denn sie könnten es an seinen Lebensbeschreibungen ablesen, also an den vier Evangelien. Auch das wäre ein guter Vorsatz: Die Evangelien lesen und betrachten, was Jesus da tut und sagt.

Allerdings, fertige Lösungen für einzelne komplizierte Probleme unserer modernen Welt lassen sich dort nicht wortwörtlich ablesen. Damit würden wir die Evangelien überfordern. Fundamentalistisch denkende Christen versuchen es trotzdem. Fundamentalistisch denken heißt: alles in der Bibel Geschriebene wörtlich nehmen. Zwei Beispiele aus der gegenwärtigen politischen Diskussion in Deutschland machen deutlich, wie schnell man sich dabei verheddert. Beispiel eins: Jesus legt uns die Armen stets warm ans Herz. Wie aber würde Jesus heute mit Leuten verfahren, die sich nur als Arme gebärden, in Wahrheit aber als Parasiten an unseren Sozialsystemen schmarotzen? Fallen die immer noch unter »Arme» und tun wir etwas Böses, wenn wir sie eher unter »Heuchler und Diebe» einreihen? Wie soll ich deren böse Bettelmethoden mit Gutem überwinden? Ist es gut, mich wortgetreu an Jesu Bergpredigt zu halten und ihnen zu dem Rock, also meinen Steuergeldern, die sie mich gemäß Sozialgesetzbuch sowieso schon kosten auch noch einen Mantel, z.B. einen Sozialarbeiter, zu geben? Beispiel zwei: Was ist mit Problemen, die es zu Jesu Zeiten überhaupt noch nicht gab, Präimplantationsdiagnostik zum Beispiel? aufgrund Fallen Zellhaufen in einer Petrischale, die dort nach einer Befruchtung im Reagenzglas gewachsen sind, nun aber wegen eines Gendefekts nach wohlüberlegter ärztlicher Diagnose verworfen, also nicht in die Gebärmutter eingesetzt werden, fallen die unter das Tötungsverbot oder bewahren wir mit dieser Methode Eltern vor schwerstem Leid?

Nun wäre es völlig verkehrt, angesichts einzelner schwer zu lösender Fragen, die die Evangelien nicht auf der Stelle und passgenau beantworten können, gleich alles zu verwerfen, was Jesus uns in den Evangelien an Verhaltensregeln vorgelegt hat. Nun wäre es auch völlig verkehrt, verstimmt aus der Kirche auszutreten, weil Jesus scheinbar keine Lösung in Übereinstimmung mit meiner eigenen buchstabengetreuen Auslegung der Bibel parat hat. Nun wäre es völlig verkehrt, sich scheinbar vielversprechenderen Weltanschauungen an den Hals zu werfen. Denn die meisten Regeln Jesu betreffen gar nicht komplizierte Ausnahmeprobleme, sondern unseren ganz gewöhnlichen Alltag. Lassen wir also komplizierte Ausnahmeprobleme ruhig einmal beiseite und besinnen uns zuerst auf unser kleines Alltagsleben. Paulus schreibt gerade für dieses Alltagsleben in seinen Brief an die Christen in Rom viele wohlformulierte Regeln hinein. Er leitet sie aus den Evangelien ab, unter anderem aus dem heute verlesenen Abschnitt der Bergpredigt: Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden…Wenn dein Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.

Aus all diesen Regeln spricht die Liebe, sogar die Feindesliebe. Die Liebe, das ist das Gemeinsame aller dieser Regeln - wie schon erwähnt: bei Paulus drei lange Kapitel voller Regeln! Die Liebe wird also für den Christen der Maßstab seines Handelns. Jesus selbst hat ja das wichtigste Gebot so formuliert: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Im Sprichwort heißt es verweltlicht: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“

Unsere Vernunft sagt: Halt dich an dieses Sprichwort! Übe Nächstenliebe! Mach das Böse nicht! Ob aber die Volksweisheit »Liebe macht blind» auch hier anzuwenden ist, soll für heute offen bleiben. Die Erfahrung lehrt, dass das Böse trotz allem doch gemacht wird. Das Böse, das, was dem anderen schadet, das wird getan, wider besseres Wissen. Der Mensch stößt schnell an seine Grenzen, wenn er sich allein auf seinen Verstand und die eigene Willenskraft verlässt. Wut, Hass, Neid, Zorn, Überheblichkeit, Geltungsbedürfnis sind im Falle eines Falles stärker. Diesen Todsünden zu widerstehen, da braucht es immer wieder eine Hilfestellung. Diese Hilfestellung ist uns von Gott seit unserer Taufe angeboten. Er hilft uns, das Böse zu überwinden und das Gute zu tun.

Nur, wie kann diese Hilfe in meinem täglichen Leben wirklich ankommen? Sie kennen ja diesen Widerstreit in Ihrer Brust, wenn sie eine unübersichtliche Situation beurteilen müssen: Ist das jetzt gut oder nicht? Was ist in dieser Situation das Richtige? Soll ich das so machen oder so? Unser Wochenspruch, diese christliche Ermahnung des Paulus: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem, will uns zurückbinden an Gott, zurückführen zu Gottes Hilfestellung.

An dieser Stelle kommt die dritte Hilfestellung Gottes zum Zuge neben den Zehn Geboten und dem Schauen auf Jesus Christus. Es ist das Gebet, meine Zwiesprache mit Gott. Wir hatten ja schon angedeutet: in unserem Leben sind es öfter Graubereiche, mit denen wir es zu tun bekommen, Bereiche, in denen es ganz schwer zu entscheiden ist: was ist schwarz, was ist weiß? was ist gut, was ist böse? Im Gebet, in dem Bedenken meiner Lage vor Gott, bitten wir darum, den Weg gehen zu können, auf dem das Böse mit dem Guten überwunden wird. Gottes Geist hilft uns auf die Sprünge. Ein dritter guter Vorsatz könnte daher heißen: Wenn ich im Zweifel bin, ob ich das Richtige tue, wende ich mich im Gebet an Gott.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Diesen Rat des Paulus nehmen wir heute Morgen mit ins Alltagsleben. Er soll uns helfen, auch in unserer unübersichtlichen Welt als Christen zu leben.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Prof. Dr. Joachim Ziche
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