Veröffentlicht am So., 24. Jan. 2016 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrerin Dr. Nina Lubomierski

Predigt zu 1. Kor 9, 24-27

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

2016 wird ein wunderbares Jahr – denn es ist wieder Fußball-Europameisterschaft. Wie habe ich in den letzten Jahrzehnten mitgelitten und mich mit gefreut: 2002 während der Promotion, als Olli Kahn der Ball im entscheidenden Moment aus der Hand rutschte, 2006 im Predigerseminar, als das Sommermärchen abrupt in der Verlängerung gegen Italien endete, 2010 als wir mit dem spanischen Kollegen meines Mannes das Halbfinale sahen und Spanien gewann, 2012 als wir mit der italienischen Nachbarin schauten und Italien gewann, 2014 sahen wir zusammen mit einem Österreicher – und wurden Weltmeister. Ich verspreche daher, dass ich in diesem Jahr nur mit Norwegern und Niederländern Fußball schauen werden.

Ja, ich kenne die vielen Probleme des Leistungssports: Doping, Korruption, Leistungsdruck, Umweltverschmutzung, Wettskandale,  aber: ich fiebere trotzdem gern mit, ich bewundere die Leidenschaft und die Leidensfähigkeit von Leistungssportlern.

„Ich gehöre auf den Platz. Ich muss spielen“, das sagte der schon lange und schon wieder verletzte Fußballspieler Franck Riébery in einem Interview kurz nach Weihnachten. Riébery, der mit Bayern München das Triple gewann und 2013 Europas Fußballer des Jahres war,  weiß, wo er hingehört, und er weiß, was er will: Fußballspielen. Und er ist bereit, dem Fußballspiel alles anderen unterzuordnen. Verbissen kämpft er darum, wieder fit zu werden nach seinen Verletzungen. So sind Spitzensportler und –sportlerinnen: Für den Sport geben sie alles: sie trainieren viel und auch bei Schmerzen, sie ernähren sich nach strengen Vorschriften, sie wechseln ihren Wohnort häufig, sie sind oft von Familie und Freunden getrennt, sie ordnen sich dem Willen eines Trainers oder eines Vereins unter. Für Titel und Medaillen sind Sportler und Sportlerinnen bereit, sich völlig auf den Sport zu fokussieren. Zweifel und Ängste werden verdrängt. Der dreimalige Skisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern erklärte seinen Rücktritt 2014 mit den Worten: "Ich habe mich entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen. Das Vertrauen ist nach den schweren Stürzen nicht wieder zurückgekommen.“ In Interviews sprechen Sportler deshalb oft von den Entbehrungen, die sie auf sich nehmen, um in ihrer Sportart Höchstleistungen zu vollbringen.

Fokussierung auf eine Sache, Entbehrungen, Nahrungsaskese, Unterordnung des Körpers unter den eigenen Willen, Gehorsam gegenüber einem Meister, Heimatlosigkeit, all das sind Verhaltensweisen, die wir auch  aus dem christlichen Mönchtum kennen. Vom Wüstenvater Gregor ist folgender Spruch überliefert: „Gott fordert drei Dinge von jedem Menschen, der getauft ist: den Glauben aus tiefster Seele und mit aller Kraft zu bewahren, seine Zunge zu kontrollieren und zu seinem Körper streng zu sein.“[1]

Umgewandelt auf einen Bundesliga-Profi könnte der Spruch lauten: drei Dinge fordert dein Verein von dir. Aus tiefster Seele und mit aller Kraft für den Titel zu kämpfen, deine Zunge gegenüber Journalisten zu kontrollieren und fleißig zu trainieren. Nun werden Sie vielleicht einwenden, dass Mönche neben Gehorsam auch Keuschheit und Armut geloben, dass dies aber Sportlern selten nachgesagt wird. Nun ja, für die Keuschheit mag das – außer vor Wettkämpfen  - stimmen, aber abgesehen von den Fußball-Profis gibt es genug Sportler und Sportlerinnen, die sich mit ihrem Sport kaum über Wasser halten können. In nicht-olympischen Sportarten fließt nicht das große Geld, jedenfalls meist nicht im Verhältnis zum Aufwand, den die Athletinnen und Athleten betreiben. Und trotzdem opfern sie so vieles für den Sport: es ist schon ein Stück Besessenheit, dass sie antreibt oder positiv formuliert: die Liebe zur eigenen Sportart, die allein durch materielle Anreize nicht erklärt werden kann.

Und noch etwas haben Sportler und Mönche gemeinsam: Beide üben immer wieder die Grundlagen ein. Vor dem doppelten Axel wird immer wieder das Gleiten über das Eis geübt, vor der Kür steht immer die Pflicht. Die einfachsten Grundschritte werden immer wieder und wieder geübt, selbst von den besten der Welt. Vom Wüstenvater Pambo werden folgende letzte Worte überliefert:

"Seitdem ich an diesen Ort in der Wüste gekommen bin und mir das Kellion erbaut habe, erinnere ich mich nicht, weder Brot gegessen zu haben, das ich nicht durch Handarbeit erworben hatte, noch empfinde ich Reue über ein Wort, das ich gesprochen habe, bis zu dieser Stunde. Und doch gehe ich zu Gott als einer, der nicht einmal angefangen hat, Gott zu dienen.“ Nach einem langen entbehrungsreichen monastischen Leben hat der Mönch Pambo noch immer das Gefühl, ganz am Anfang zu stehen. Berlins Primaballerina Polina Semionova beschreibt die Herausforderung des Ballett so:

"Als Ballerina musst du dich jeden Tag aufs Neue am Riemen reißen." Ein Ausruhen, ein sich Zurücklehnen gibt es nicht.

Vielleicht beschreibt Paulus in unserem Predigttext an die Gemeinde in Korinth deshalb seinen Einsatz für das Evangelium mit Metaphern aus der Welt des Sports. In Korinth wurden alle zwei Jahre die Isthmischen Spiele abgehalten, ein Sportwettkampf mit  Wettläufen, Ring- und Faustkampf, Wagen- und Pferderennen, aber auch künstlerischen Wettbewerben.  Der Sieger eines Wettkampfes erhielt einen Kranz aus Holunder-, später, aus Kiefernzweigen.

Den Korinthern waren also Sportler bekannt, die für den Wettkampf brannten und alles dafür gaben, um als Sieger bekränzt zu werden. Wer bei den Isthmischen Spielen als Sieger hervorging, profitierte sein ganzes Leben von diesem Ruhm. Athleten und auch Künstler waren in der Antike Vorbilder an Disziplin und gelungener Selbstverwirklichung. Paulus ermutigt die Christen von Korinth ebenfalls an einem Wettlauf teilzunehmen, aber nicht um einen vergänglichen Kranz aus Zweigen, sondern für eine unvergänglichen. Er selbst, Paulus, laufe und kämpfe, er bezwinge wie die Sportler seinen Körper, aber nicht für einen materiellen Gewinn, sondern für das Evangelium.

Paulus macht den Korinthern klar: Euer Ziel ist nicht der persönliche Ruhm oder Steigerung der eigenen Leistung, sondern euch soll es um die Sache Jesu, um das Evangelium des Auferstanden gehen. Die Taufe ist erst der Anfang eines langen Weges. Vielleicht auch eines langen Kampfes. So wie auch Spitzensportler kann auch ein Christ sich nie zurücklehnen und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Im Gegenteil: Wie eine Ballerina werden auch Christen immer wieder die Grundlagen des Glaubens einüben: im Gebet, im Gottesdienst, auch im Verzicht und in Demut.

Auch ist der christliche Glauben wie eine Mannschafts-und keine Einzelsportart. Nach dem historischen 7:1 Sieg der deutschen Fußballer über Brasilien stand auf Twitter: „Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!“ Ein Grund für den deutschen Erfolg 2014 scheint gewesen zu sein, dass alle, vom Auswechselspieler bis zum Kofferträger, aber besonders auch die Spieler aus verschiedenen Vereinen, die sonst Konkurrenten sind, in einem Teamgeist verbunden waren.

Johannis Calvin legt unseren Predigttext entsprechend aus: „Gott fordert nicht, dass wir alle anderen überholen, sondern nur, dass wir entschlossen fortlaufen bis zum Ziel. Wir hindern uns nicht gegenseitig am Sieg, wir sollen uns vielmehr helfen.“ Nicht auf die herausragenden spirituellen oder theologischen Leistungen einzelner kommt es in einer Gemeinde an. Sondern auf das gemeinsame Streben und Kämpfen für das Evangelium.

Heuer finden im August die Olympischen Spiele in Rio statt. Ihr Motto lautet: Viva sua Paixao – Lebe deine Leidenschaft. Paulus hat seine Leidenschaft gelebt: für das Evangelium hat er gekämpft und gelitten, er ist gegangen, wenn es am schönsten war und geblieben, wenn es am schwersten war. Ich wünsche uns ebenfalls solche Leidenschaft für das Evangelium.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen

Nina Lubomierski
Pfarrerin

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