Veröffentlicht am So., 19. Jun. 2016 10:00 Uhr
Christuskirche Landshut, Pfarrerin Dr. Nina Lubomierski


Predigt zu Lk 6, 36-42

--- Es gilt das gesprochene Wort. ---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

im Predigerseminar lernten wir, dass eine Predigt erbaulich sein soll, sie soll die Gemeinde stärken, sie soll die Gnade Gottes verkündigen und sollte nicht belehren, da sie ja keine Vorlesung, sondern Verkündigung des Wortes Gottes ist. Außerdem sollte eine Predigt nicht politisch sein, außer der Predigttext hilft konkret in der politischen Lage weiter.

Leider kann ich mich heute nicht an diese Regeln halten: ich werde Sie heute belehren und zwar mit dem Stoff der 12. Klasse Gymnasium und ich werde politisch werden, ohne dass ich konkrete Lösungen vorweisen kann.

Unser heutiges Thema ist die Bergpredigt. Nun steht die Bergpredigt bei Matthäus 5-7, aber Lukas überliefert im 6. Kapitel Teile der Bergpredigt, u.a. die Seligpreisungen, das Gebot der Feindesliebe und – in unserem Predigttext – die Aufforderung, nicht zu richten. Matthäus und Lukas schöpfen hier aus derselben Quelle.

„Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet,“ heißt es im Predigttext. Was bedeutet das? Handeln damit nicht alle Richterinnen und Richter dieses Landes gegen ein Gebot Jesu? Denn sie richten ja – sind sie damit schon selbst gerichtet?

Neun Verse vorher steht das Gebot der Feindesliebe: ‚Liebt eure Feinde.’ Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann sagte dazu an Ostern dieses Jahres in der Bild am Sonntag: „Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen.“ Und sie ergänzte:  „Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen.“ Als Menschen, die diese Gebot umsetzten, nannte Käßmann: „Die größten Persönlichkeiten in der Geschichte sind nicht Stalin, Hitler oder Pol Pot, sondern Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Aung San Suu Kyi, die nicht mit Gewalt reagierten.“

Margot Käßmann vertritt damit das sogenannte politische oder perfektionistische Auslegungsmodell, demnach die Gebote der Bergpredigt erfüllbar sind. Würden alle Menschen damit ernst machen und nach diesen Geboten leben, hätten wir eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt. Dieses Modell vertraten z.B. die sogenannten religiösen Sozialisten des 19. und 20. Jahrhunderts, die daran arbeiteten, das Reich Gottes hier auf Erden zu verwirklichen. Dagegen sagte Winfried Kretschmann im Februar 2015: „Ich suche die Balance in der Mitte zwischen den Flüchtlingsorganisationen und denen, die sagen: Macht hier bitte zu. Ich kann nicht auf der Grundlage der Bergpredigt regieren.“[1]

Die politische Interpretation der Bergpredigt findet und fand also nicht nur Zustimmung.

Schon im Mittelalter wurde die Auffassung vertreten, dass die radikalen Forderungen der Bergpredigt nur ‚Ratschläge’ für vollkommene Christen sind. Also für Christen,  die sich aus der Welt zurück gezogen haben, etwa Mönche oder Asketen. Nur sie seien in der Lage, diese hohen Erwartungen zu erfüllen. Für normale Christen, also Leute wie wir, die Familie haben und im Beruf stehen, gelten allein die 10 Gebote.

Martin Luther lehnte dieses 2 Stufen Modell ab. Er war überzeugt, dass die Bergpredigt für alle Christen gelte, nicht aber für alle Situationen oder Beziehungen passend ist, in denen sich ein Christ/eine Christin befindet. Demnach muss ein Christ entscheiden, ob er für sich handelt oder in der Verantwortung für andere. Wenn es um die eigenen Belange geht, soll ein Christ die Feinde lieben und auf das ihm zustehende Recht verzichten, wie es die Bergpredigt und unser Predigttext fordern. Handelt eine Christin als Bürgerin aufgrund eines weltlichen Auftrags, z.B. als Richterin oder Polizistin, so hat sie für das Recht und die Sicherheit der Mitmenschen einzutreten. Im privaten Leben für die eigene Person soll sich der Christ an der Bergpredigt orientieren, im öffentlichen Leben und in Bezug auf einen anderen Menschen gilt das geltende Recht.

Im Hintergrund steht dabei Luthers Lehre von den zwei Regierweisen Gottes, auch zwei Reiche Lehre genannt. Gott regiert im sogenannten weltlichen Bereich durch die eingesetzten Regierungen, im persönlichen Bereich durch seine Gnade. Diese Trennung in zwei Bereiche, in denen unterschiedliche Normen gelten, führte jedoch z.B. in der Zeit des Nationalsozialismus dazu, dass die protestantische Kirche in der Mehrheit das unterdrückerische, mörderische System unkritisch unterstützte. Deshalb wurde in der Nachkriegszeit eine Einmischung der Kirche in Politik und Gesellschaft als Korrektiv gefordert. Aber kann damit die Forderung der Anwendung der Bergpredigt gemeint sein?

Wer heute versucht, mit der Bergpredigt Politik zu machen, übersieht, dass die Bergpredigt in einem bestimmten historischen Kontext entstanden ist. Zur Zeit Jesu und der entstehenden christlichen Gemeinden herrschte in Palästina Unterdrückung durch die Römer und die von ihnen eingesetzte Könige, bekannt ist v.a. König Herodes. Das Gebot der Feindesliebe, der Aufruf zur Barmherzigkeit und zum Verzicht auf Richten ist in diesem Kontext zu verstehen. Im Anschluss an die Bergpredigt Jesu ermahnten die Urchristen einander, anders als die Zeloten, auf Rache und Gegengewalt gegen die Unterdrücker zu verzichten, um ihre Würde und Existenz zu bewahren. Gütiger Verzicht auf Rache an Feinden sei ursprünglich Privileg mächtiger Herrscher gewesen, es wurde aber zur Zeit Jesu von jüdischen Volksmengen erfolgreich als gewaltfreies Protestmittel gegen Provokationen römischer Statthalter eingesetzt. Als im Jahr 39 n.Chr. der Kaiser Caligula anordnete, dass sein Standbild im Jerusalemer Tempel aufgestellt werden sollte – was Gotteslästerung in jüdischen Augen war – geschah folgendes, wie uns der Geschichtsschreiber Josephus berichtet: „Die Juden .. gingen dem (syrischen Legaten) Petronius abermals in einer Stärke von mehreren Tausenden ... entgegen und baten ihn flehentlich, ... nicht durch die Aufstellung der Bildsäule ihre Hauptstadt zu entweihen ... Sie warfen sich zur Erde, boten ihre Nacken dar und erklärten sich bereit, augenblicklich den Tod zu erleiden.“[2] Petronius versprach, sich bei Caligula für sie zu verwenden – die Statue wurde nie aufgestellt.

In einer Gesellschaft, in der Unterdrückung herrscht, kann Feindesliebe die Spirale der Gewalt durchbrechen. - Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die herausragende Beispiele des politischen Gebrauchs der Bergpredigt sind, kämpften gewaltfrei gegen Systeme, in denen Bevölkerungsgruppen radikal unterdrückt und entrechtet wurden. Das Gebot Feindesliebe zeigt den Opfern dieser Systeme Handlungsmöglichkeiten auf, sie befreite sie aus der Opferrolle und war von Erfolg gekrönt.

Wir leben dagegen in einem Rechtsstaat. Einem Vergewaltigungsopfer mit unserem Predigttext: „richte nicht, auf dass du nicht gerichtet werdest“ zu raten, wird wohl jeder von uns als zynisch empfinden. Denn dann wäre der geforderte Verzicht auf das Recht letztlich Kumpanei mit den Tätern auf Kosten der Opfer. Ein ähnliches gilt m.E. auch für die Politik. Helmut Schmidt sagte schon 1981: „Die Idee, die Bergpredigt unmittelbar auf die Außenpolitik unseres Staates zu übertragen, kann man leicht bewerten, indem man sie auf den extremen Fall anwendet: Was hätte es dem Frieden genützt, wenn ein ausländischer Staat Hitler oder Stalin auch noch die andere Backe hingehalten hätte? Das sind in ihrer Naivität absurde Vorstellungen, die völlig abstrahieren von der konkreten geschichtlichen Erfahrung.“ Und was nützte es heute, wenn wir die Fußballeuropameisterschaft den Hooligans und den Terroristen überließen? Wenn wir unsere Rechtsordnung aufgäben, weil wir aufhören würden, Recht einzufordern und Recht zu sprechen? Es nütze nichts.

Ist die Bergpredigt also obsolet geworden? Ein beeindruckendes Beispiel für ein Leben im Geist der Bergpredigt hat der junge französische Journalist Antoine Leiris aufgeschrieben. Seine Frau und die Mutter seines 17 Monate alten Sohnes wurde von islamistischen Terroristen im November 2015 im Musikclub Bataclan in Paris ermordet. Leiris schrieb daraufhin einen bewegenden Brief an die Terroristen in der Welt:  Ich zitiere: „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber: meinen Hass bekommt ihr nicht... Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr es darauf angelegt habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger misstrauisch beobachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.“[3] Leiris gibt nicht vor, die Mörder seiner Frau zu lieben, aber er will sich nicht von ihnen zum Hass zwingen lassen. So wird er selbst nicht zum Opfer der Terroristen und ihres Hasses. Er lebt nach den Geboten der Bergpredigt.

Aber es ist nicht leicht. Das Medienecho auf den Brief Leiris war riesig. Er erhielt Fanpost, er wurde zum Helden erklärt. Er antwortete mit einem Essay: „Mit einem Mal habe ich Angst: Angst, den Erwartungen an mich  nicht entsprechen zu können. Werde ich noch das Recht haben, nicht tapfer zu sein? Das Recht, zornig zu sein. Das Recht, überfordert zu sein, das Recht, müde zu sein. Das Recht, Angst zu haben. Das Recht, nicht zu wissen. Das Recht, nicht zu wollen. Das Recht, es nicht zu schaffen.“[4]

Die Gebote der Bergpredigt sind letztlich eine Überforderung. Wer versucht, mit ihnen Ernst zu machen, wird an ihnen scheitern. Martin Luther sah genau darin die wichtigste Funktion der Bergpredigt: Dass sie uns vor Augen führt, dass wir nicht Gott sind. Dass wir nicht wie Gott vergeben, lieben, auf unser Recht verzichten können. Das wir nicht so leben können, wie Jesus es uns vorgelebt hat, der unschuldig seinen Peinigern auch noch die andere Wange hinhielt. Die Forderungen auf der Bergpredigt und unseres Predigttext verdeutlichen uns allen, dass wir auf Gottes Gnade angewiesen sind. Wir sind nicht perfekt und vor Gott müssen wir es auch nicht sein. Seine Gnade und Liebe sind größer als unsere Versuche, richtig zu leben. Und vielleicht ermutigt diese Erkenntnis uns ja dazu, einmal im kleinen zu versuchen, was der Predigttext vorschlägt: nicht den Splitter im Auge des Bruders zu sehen, sondern den Balken vor unseren eigenen Augen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen

Nina Lubomierski
Pfarrerin

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